Reise

Sicher durch den Schnee

Archivartikel

Schneeschuhwanderer können bei ihren Touren Lawinen auslösen. Im Nationalpark Gesäuse lernen sie, die alpinen Gefahren frühzeitig zu erkennen.

Hoch über dem Dörfchen Johnsbach und seinen 153 Einwohnern stapft eine Gruppe Schneeschuhwanderer durch den Schnee. Es ist einer dieser Wintertraumtage. Sonnenschein, tiefblauer Himmel und Champagnerschnee, der bei jedem Auftreten herrlich nach allen Seiten stiebt und den Schneeschuhwanderern das Gefühl vermittelt, sie gingen auf Wolken. Doch da, wo die Berge steil und der Schnee tief ist, lauert Gefahr.

„Seht ihr die Eiskristalle, wie sie kreuz und quer liegen?“ Stefan Siedler, Wanderführer, hält eine kompakte Scholle aus Schnee in die Höhe. „Wenn jetzt neuer Schnee darauf kommt und ein Druck von Schneeschuhgängern, brechen die Kristalle zusammen. Das fährt dann ab wie ein Kugellager.“

Wie Fährtenleser Spuren interpretieren, lernen die Base-Camper, Schneeschichten zu deuten und auf Alarmzeichen einer Lawine zu achten. Das schroffe Gebirge im steirischen Nationalpark Gesäuse ist dafür wie geschaffen. Das „G’sais“, wie es hier von allen genannt wird, ist die Heimat von Bergführer Stefan Siedler und dem Alpinisten Christian Stangl. Vormittags steht Stangl im Schulungsraum, erklärt Grundlagen in Schnee- und Lawinenkunde, Tourenplanung und Verschüttetensuche, nachmittags führt er die Skitourengeher in die Berge, während Siedler die Gruppe der Schneeschuhwanderer anleitet.

Beim Aufstieg zur Bogensberger-Rabl-Hütte wuseln sie durch den Kopf, die fünf Faktoren, die zu einer Lawine führen: Hangneigung von mehr als 30 Prozent, großflächige Schwachschicht, gebundener Schnee, kritisches Gleichgewicht zwischen Spannung und Festigkeit - und – zu guter Letzt, das auslösende Moment – die Gruppe, die den Hang hinaufstapft. Schneeschuhwanderer belasten beim Auftreten die Schneedecke deutlich mehr als Skitourengeher, die sanft über den Schnee gleiten.

Mit einem Mal sieht der schneewittchenweiße Hang gar nicht mehr so unschuldig aus. Das sind doch mindestens 45 Grad. Besteht hier akute Lawinengefahr? Bergführer Stefan gibt Entwarnung: Es sind deutlich weniger als 30 Grad Neigung, auch wenn sich das beim Aufwärtsgehen steiler anfühlt.

Tatsächlich lösen Schneetourengeher rund 90 Prozent aller Lawinen selbst aus. Selbstüberschätzung, Missachtung von Wetter- und Lawinenwarnungen sowie ungenügende Erfahrung, was Tourenplanung im alpinen Gelände anbelangt, sind Faktoren, die immer wieder zu Unglücken führen. „Nach 18 Minuten gibt es einen tödlichen Knick“, sagt Christian Stangl. Nach 30 Minuten ist die Hälfte der Verschütteten erstickt - falls sie nicht zuvor ihren Verletzungen erlegen sind. Deshalb gilt als oberstes Gebot: „Ja keine Lawine auslösen“, so Stangl. Selbst Schneeschuhwanderer oder Spaziergänger auf Winterwanderwegen sind gegen Lawinenabgänge nicht gefeit.

Dass dem tatsächlich so ist, lernt die Gruppe am nächsten Tag auf der Johnsbacher Almenrunde kennen. Die leichte Schneeschuhtour stellt an Wanderer keine großen Ansprüche. Doch prompt ist ein Teil des Weges unter einer riesigen Nassschneelawine begraben. Der Hang sieht aus, als wurde eine Ladung mit Styroporkugeln ausgeschüttet. Es sind kompakt zusammengepresste Schneebälle, die den Weg meterhoch verschüttet haben. „Die dürfte etwa zwei Tage alt sein“, schätzt Stefan Siedler. Vorsichtig prüft er die Festigkeit mit den Wanderstöcken. Plötzlich rutschen einige Meter weiter unten etliche Kugeln ab. Die Lawine bewegt sich noch immer. Ob der gewaltigen Schneemassen wird jedem aus der Gruppe mulmig zumute. Auch wenn von diesem Lawinenfeld keine große Gefahr mehr ausgehen dürfte, so stellte sie eindrücklich unter Beweis, welche Kräfte hier wirken.

Zum Abschluss steht die Suche mittels Lawinenverschüttetensuchgerät auf dem Programm. Am Ende bleibt das gute Gefühl, nach dem Kurs sicherer im freien Gelände unterwegs zu sein, weil das Know-how der Tourenplanung und das Interpretieren der Schneeverhältnisse nun ebenso zu ihrer Ausrüstung gehören wie Handschuhe und Daunenjacke.