Reise

Sieben fette Jahre

Nach der Krise des ägyptischen Tourismus, bedingt durch Unruhen, schöpft die Branche neue Zuversicht. Ein Beispiel ist El Gouna, eine Retortensiedlung am Roten Meer.

Robert Fellermeier hebt das Weinglas, schaut hinaus aufs Meer und hat einen Traum. Möglichst bald soll hier in El Gouna zwischen den 18 Hotels, den vielen Restaurants, Ferienvillen und Bars eine Hausbrauerei entstehen. „Dann haben wir am Roten Meer endlich unser eigenes Weißbier“, sagt der Bayer aus Freising und schiebt seinen Wein beiseite. Fellermeier ist seit drei Jahren Generalmanager der etwa 14 Quadratkilometer großen Feriensiedlung, die wie die Fata Morgana einer fruchtbaren Oase in der kargen Wüste blüht. Sein Traum wird kein Traum bleiben, denn er weiß, dass hier jede Vision realisierbar und alles möglich ist.

Vor genau 30 Jahren hatte dort schon einmal jemand eine Vision. Samih Sawiris, einer der reichsten Männer Ägyptens, lag mit seiner Jacht am vorgelagerten Riff und schaute auf ein wüstes Niemandsland, auf eine menschenleere Steinwüste. Für billiges Geld wurde das militärische Sperrgebiet sein Eigentum und zur Spielwiese seiner Fantasie. Wer heute auf diese einst unwirtliche Wüste blickt, erkennt sie nicht wieder. Am Ufer jagen die Kitesurfer mit ihren bunten Drachen durchs türkisfarbene Wasser, in den beiden Häfen liegen teure Motorboote und Segeljachten, von den Hotelterrassen klingt das Lachen und Gläserklirren der All-inclusive-Touristen. Und am Wochenende, wenn die Reichen und Schönen aus Kairo einfliegen, will an der Flaniermeile rund um die Marina die Party kein Ende nehmen. Eine künstliche Wohlfühloase ist entstanden, zu der die Wüste und der Alltag keinen Zutritt haben. Das Besondere an El Gouna, was so viel wie Lagune heißt, sind die künstlichen Kanäle. Kilometerlang wurden sie im Lauf der Jahre immer weiter in die Wüste gegraben und gliedern das gesamte Areal in eine Lagunenlandschaft mit Halbinseln und Inseln, die über Straßen und Brücken verbunden sind. Dank dieses landschaftsplanerischen Kniffs verfügen selbst das Hotel in der dritten Reihe und die Ferienvilla, die zwei Kilometer von der Küstenlinie entfernt liegt, über einen Meereszugang.

Sauberkeit, Sicherheit, Service. Samih Sawiris weiß, was seine Gäste, die zu über 80 Prozent aus dem deutschsprachigen Raum kommen, schätzen. Schließlich fühlt sich der ägyptische Milliardär und koptische Christ selbst fast als Deutscher. In Kairo hat der heute 61-Jährige die deutsche evangelische Oberschule besucht, an der TU Berlin Ingenieurwissenschaften studiert.

Wer 25 Kilometer nördlich von Hurghada nach El Gouna abbiegt, muss direkt nach der Autobahnausfahrt am Haupttor die erste Sicherheitskontrolle passieren. Wachleute prüfen die Papiere und schieben Spiegel unter den Transferbus. Vor der Einfahrt ins eigentliche Resort wird erneut kontrolliert. Autofahrer müssen Führerschein und Fahrzeugpapiere abgeben. Der dritte Schlagbaum stellt sich dann vor der gebuchten Hotelanlage in den Weg. Und wer in die Hotellobby will, muss wieder an zwei Wachmännern vorbei. Kein Wunder, dass El Gouna, wo 20 000 Menschen leben und arbeiten, keiner eigenen Polizeistation bedarf.

So penibel wie auf die Sicherheit wird in El Gouna auch auf Sauberkeit geachtet. Selbst zwischen den einzelnen Hotels sind Putzkommandos unterwegs. Es gibt Mülltrennung, Wasserentsalzungsanlagen und eine Kläranlage, die das Abwasser für die Gartenbewässerung aufbereitet. Ähnlich aufwendig ist der Service. Für die 2700 Doppelzimmer in den Drei- bis Sechs-Sterne-Hotels und für die über 100 Restaurants und Bars sind 10 000 Mitarbeiter im Einsatz.

Auch sonst verfügt El Gouna inzwischen über eine moderne Infrastruktur, die sich mit einer deutschen Kleinstadt messen kann. Es gibt mehrere Schulen, darunter eine Hotelfachschule mit deutschem Lehrplan. In einer Außenstelle der TU Berlin studieren 200 junge Menschen Elektrotechnik und Wasserwirtschaft. Es gibt Kinos und sogar ein Filmfestival, ein Privatkrankenhaus mit zwölf Stationen und einer Dekompressionskammer für Tauchunfälle, eine Moschee, eine orthodoxe und eine koptische Kirche. In Sawiris’ Weinmanufaktur keltert die Libanesin Raina aus Trauben des Nil-Deltas pro Jahr fünf Millionen Flaschen vorzüglichen Wein.

„Nach den sieben mageren Jahren kommen jetzt die sieben fetten Jahre“, gibt sich der koptische Christ Sawiris bibelfest und optimistisch, als er in der Marina vom Fahrrad steigt und sich leutselig unter die Touristen mischt. Zur Erinnerung: 2011 war der ägyptische Tourismusmarkt schwer eingebrochen. Ursache waren die Unruhen nach dem Arabischen Frühling, der Militärputsch 2013 und 2015 der verheerende Bombenanschlag auf einen russischen Ferienflieger über dem Sinai. Inzwischen scheint die Krise überwunden. „2018 haben wir erstmals mehr Tourismus als im Rekordjahr 2010“, sagt Sawiris und hofft auf weitere Höhenflüge.

So ist inzwischen die Landebahn des Privatflugplatzes in El Gouna so verlängert worden, dass dort Maschinen mit 80 bis 100 Passagieren starten und landen können. Das Genehmigungsverfahren für Shuttleflüge von El Gouna läuft bereits. Ziele sind Luxor, wo der Karnak-Tempel und das Tal der Könige sind, und Kairo, wo in naher Zukunft ein neuer Flughafen und in Sichtweite der Pyramiden das neue Große Ägyptische Museum eröffnet werden. Fellermeier kennt die Vorteile des Flugplatzes El Gouna. Dort werden die Abfertigungszeiten deutlich kürzer sein als am Flughafen Hurghada. Und was fängt der Tourist mit der gewonnenen Zeit an? Es gibt viele Möglichkeiten. Vielleicht genießt er mit Blick aufs türkisblaue Rote Meer ein Weißbier mehr.