Reise

Ski fahren unter Geiern

Archivartikel

Wer an Wintersport denkt, denkt nicht unbedingt an Spanien, dabei sind die katalanischen Pyrenäen mit ihren Gipfeln bis zu 3000 Meter Höhe reich an Möglichkeiten für Skifahrer. Wer gerne auf Pisten-Gaudi und Après-Ski-Trubel verzichtet, ist hier genau richtig.

Unbeholfen schieben sich die mit dicken Skihosen und Daunenjacken gepolsterten Touristen durch die engen Gassen und in die Bars und Restaurants der Ortschaft Tredòs. Dass viele der schick renovierten, jahrhundertealten Steinhäuser fast verfallen waren, kann man sich kaum vorstellen. Wie überall in den spanischen Pyrenäen flohen im besonders abgelegenen Arantal die Menschen in den 1960er und 70er Jahren vor der Härte des Landlebens in die Städte. Erst der Tourismus, vor allem der Skitourismus, erweckte viele verlassene Dörfer wieder zum Leben.

Arnau Vila, mit 68 Jahren ein echter Pistenveteran, erinnert sich noch an die ersten Verrückten, die mit ihren Brettern durch die lichten Kiefernwäldchen hinaufstapften, um sich dann gen Tal zu stürzen. 1964 baute Jorge Jordana de Pozas den ersten Lift der Station Baqueira/Beret. Ein nagelneuer Doppelmayr-Lift, der 2400 Personen pro Stunde und über 80 000 Skifahrer pro Saison befördert, ist nach dem Pionier benannt. „Zuerst kamen die Spanier, dann die Russen und die Briten. Ich glaube, die kommen vor allem wegen des billigen Biers“, sagt Vila und lacht. Seit 50 Wintern hat er fast jedes Wochenende auf der Piste verbracht und die wundersame Wandlung der einst bitterarmen Region zur beliebtesten Wintersportgegend Spaniens miterlebt.

Über Jahrhunderte war das Arantal, das zwar zu Katalonien und somit zu Spanien gehört, jedoch geografisch auf der niederschlagsreichen Nordseite des Pyrenäenhauptkamms liegt, nur über schmale Gebirgspässe oder von Frankreich aus erreichbar. Erst mit dem Tunnel von Vielha (so heißt die mit 5500 Einwohnern recht überschaubare Kreisstadt) wurde eine Verbindung zum spanisch-katalanischen Mutterland geschaffen und das Val d’Aran aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Heute lockt das Hochgebirgstal mit seinem Schneereichtum, den im Vergleich zu den Alpen niedrigeren Preisen und stabilerem Wetter nicht nur die Königsfamilie, sondern inzwischen auch immer mehr Mitteleuropäer an.

Schunkelmusik an Berghütten gab es hier nie

Feuchtfröhlicher Après-Ski ist nirgends in den Pyrenäen angesagt. Schunkelmusik aus Lautsprechern an Berghütten und Liften gab es hier noch nie. Das genussvolle Skifahren steht im Vordergrund, wobei es an sportlichen Abfahrten nicht mangelt. Es wird kaum gerast und nicht gedrängelt. Auf den 104 Pistenkilometern zwischen 1500 und 2510 Meter Höhe der Station Baqueira/Beret hat man immer genug Platz. Die Mischung aus Kunstschnee und rekordverdächtigen Naturschneemengen sorgt für homogene Schneeverhältnisse und Pulverspaß von November bis April.

Bergführer und Skilehrer Ferran Ullastre, der auf einem Tiefschneekurs seine Gäste so weitab der Pisten führt, dass man nur noch den Wind in den Bäumen, das eigene Herzklopfen und das Knirschen der Ski hört, lobt die Pyrenäen als besonders sicheres und abwechslungsreiches Tiefschnee- und Skitourengebiet. „An relativ warmen Wintertagen kann man mit etwas Glück Braunbären sehen“, sagt der fröhliche Wirbelwind, der wendig hinabwedelt und seine Kunden übermütig einstaubt, wann immer er kann.

Tags darauf führt Ullastre seine Gäste auf eine Skitour über den Pla de Beret, eine sagenumwobene Hochebene in der Nähe der Skistation Baqueira/Beret. Hier vermittelt sich auch heute noch das Gefühl der Abgeschiedenheit des Pyrenäentals. Statt des azurblauen Postkartenhimmels, der weiter oben auf den Abfahrtspisten die Stimmung hebt, hängen hier im Tal dichte Nebelschwaden, durch die Geier im Tiefflug gleiten, um nach Nahrung zu suchen. Man sieht sie erst, wenn man schon fast von ihren Schwingen berührt wird. Das Symboltier des Val d’Aran, der Braunbär, zeigt sich nicht, dafür aber zahlreiche Pyrenäengämsen, die kleiner sind als die Gämsen der Alpen. Hier sagen sich wirklich noch Hase und Igel „gute Nacht“, „bona net“ auf Aranesisch, einer Sprache, die gaskognische und katalanische Elemente verbindet und hier Amtssprache ist. Die eigenwillige aranesische Kultur mit Holzschuhtänzen und mythischen Fackelläufen verleiht dem Skiurlaub einen Exotikfaktor.

Von Barcelona aus besser erreichbar sind die Skigebiete auf der Südseite der Pyrenäen. Dort liegt aber naturgemäß weniger Schnee. Meist fährt man dafür unter der Wintersonne, die die Schneegipfel glitzern lässt wie ein Versprechen. Vom Skigebiet Port Ainé aus bietet sich eine großartige Sicht auf die 3000er-Gipfel des Nationalparks Aigüestortes i Estany de Sant Maurici. Direkt am Rand des einzigen katalanischen Nationalparks liegt das mit 40 Pisten und 40 Kilometer Langlaufloipen recht kleine Wintersportressort Boí-Taüll im für seine romanischen Weltkulturerbe-Kirchen bekannten Vall de Boí. Auch der Wintersportort Espot hat seine Pisten am Fuße des Nationalparks. Sie passen sich dezent in die schroffe Felslandschaft ein. Noch näher an Barcelona liegt am Pass Port del Comte ein gemütliches Familiengebiet. Der älteste und einst wichtigste Wintersportort Kataloniens ist jedoch La Molina, im Hochtal Cerdanya, das mit 3000 Sonnenstunden gesegnet und mit einer sich ständig ändernden Schneefallgrenze gestraft ist. Hier sorgt nur der Tourismus für Arbeit. Wie lange noch, ist fraglich.