Reise

Solisten in Bergstiefel

Kein Partner zum Wandern? Dann könnte eine spezielle Aktivreise auf die Kanareninsel La Gomera das Richtige sein.

Wo Kolumbus einst gen Westen aufbrach, fängt der Urlaub an. Im Hafen von San Sebastián de La Gomera wartet Reiseleiter Udo auf die Fähre aus Teneriffa. Sobald die Teilnehmer des Programms „Aktiv & Fun“ versammelt sind, geht es per Kleinbus quer über die gesamte Insel ins Valle Gran Rey. Das „Tal des großen Königs“, seit Hippie-Zeiten das Mekka der Gomera-Fans, ist mit seinen turmhohen Palmen an landschaftlicher Schönheit kaum zu überbieten.

Das annähernd kreisrunde La Gomera weist eine hoch gelegene Inselmitte auf, die überall zu den Küsten hin steil abfällt und von tiefen Barrancos zerfurcht ist. Wanderer schätzen dieses anspruchsvolle Relief. La Gomera ist übrigens auch die Lieblingsinsel der Kanzlerin. Sie war schon fünfmal hier, mit Ehegatte und Bodyguards unterwegs im urzeitlichen Wald zwischen Lorbeer, Erikabäumen und Riesenfarn.

„Angela Merkel macht es richtig, denn in dem zum Teil schwierigen Gelände sollte man besser nicht mutterseelenallein unterwegs sein“, so Guide Udo Lange. Aber manche Wandervögel haben eben keine Partner, die ihre Leidenschaft teilen. In solchen Fälle ist eine Gruppenreise für Solisten ideal. Ein Dutzend Teilnehmer, sechs Frauen und sechs Männer, sind diesmal dabei.

Die erste gemeinsame Wanderung führt durch den Barranco de Arure hinauf zum Wasserfall, der sich über eine Wand aus Säulenbasalt ergießt. Der Anstieg verläuft gemächlich, denn Udo muss dauernd auf etwas hinweisen: wilde Baumwollpflanzen am Wegrand, von Purpurläusen besiedelte Kakteen, nie gekannte Giftpflanzen und anderes Grünzeug mit köstlichen Früchten. Er bricht die Schoten einer Tamarinde auf und lässt das herrlich erfrischende Mark probieren.

Durch das Künstlerdorf El Guro geht es stetig aufwärts. Riesige Dattelpalmen, aus denen die Inselspezialität Palmhonig gewonnen wird, säumen den Weg. Mannshoch büschelt Zyperngras am Bachlauf. Einmal hilft ein Seil bei einer kurzen Kletterpartie, später muss ein Felsblock mittels einer Leiter überwunden werden. Bei einem Ausfallschritt platzt Erich die Hose über dem Knie. Sonst sind keine Opfer zu beklagen.

Die Partner daheim haben keine Lust auf Wandern

Abends sitzt man am schwarzen Sandstrand im Fischrestaurant und lernt sich näher kennen. Der Oberbayer Reinhard ist ein nimmermüder Bergfex und hat schon 70 Gruppenreisen hinter sich. Luise und die Luxemburgerin Lisa reisen seit Jahren gemeinsam, aber stets in getrennten Zimmern. Jon, aus Stockholm angereist, will sein Deutsch unter Gleichgesinnten aufpolieren. Niemand hier ist auf Brautschau und die wenigsten sind echte Singles. Mancher hat daheim einen Partner, der einfach keine Lust auf einen sportiven Urlaub hat. Andere können nicht zum gleichen Zeitpunkt wegfahren oder nehmen sich bewusst einmal im Jahr eine Auszeit von der Zweisamkeit.

Was die Gruppe eint, ist schlicht die Wanderlust. Per Bustransfer geht es am anderen Tag zur Inselmitte in den immergrünen Lorbeerwald. Auch heute ist er in Passatwolken gehüllt, weshalb die Sicht vom höchsten Berg Garajonay (1487 m) dem Blick in die Dampfschwaden einer Waschküche gleicht. Der Wald aber gibt sich im dichten Nebel umso geheimnisvoller. Udo zeigt auf die riesigen Gagelbäume, erklärt verschiedene Lorbeerarten, weist auf die Stechpalmen hin, die nicht die geringste Ähnlichkeit mit anderen Palmenarten haben und deren Sauerkirschen ähnliche Früchte leider giftig sind. In dicken Bärten hängt das Moos von den Ästen, Flechten ranken sich an Stämmen, im Unterholz blüht der Storchschnabel. „Der reinste Zauberwald“, seufzt die jüngste Teilnehmerin. Kirsten kommt aus Friesland, das ja leider mit Gebirgslandschaften geize.

Davon kann auf La Gomera keine Rede sein. Fast alpin mutet der Panoramaweg zum zweithöchsten Gipfel La Fortaleza an. Die Gruppe hat Glück, denn der Tafelberg ist frei von Wolken und gewährt einen weiten Blick über den saphirblauen Atlantik bis zu den Nachbarinseln La Palma und El Hierro.

Die zwei freien Tage während der einwöchigen Reise können nach Gusto genutzt werden. Bergfex Reinhard legt gemeinsam mit Jon noch eine Extratour ein. Der Rest der Gruppe fährt an Bord der „Amazonia“ hinaus zur Walbeobachtung und kommt geradezu verzückt wieder. Herden von Fleckdelfinen führten sie zu einer Walkuh, die das Boot mit ihrem Jungen mehr als eine Stunde lang begleitete.

Dann sind genug Kräfte gesammelt für die letzte und anspruchsvollste Tour in den Inselnorden. 550 Höhenmeter hinauf und wieder hinunter sind oberhalb von Vallehermoso zu bewältigen. Im „wunderbaren Tal“ grünt und blüht es überall wie in einem Garten Eden. Ein türkis funkelnder Stausee und der majestätische Felsen des Roque Cano setzen weitere Akzente. Schade, dass man die zweite Wanderwoche nicht gleich mitgebucht hat. Denn wie sagt doch Udo gern: „Da geht noch was!“