Reise

Spielzeit bei 45 Grad

Der hiesige Hochsommer ist noch nicht warm genug? Dann ab in die Wüste: Das kleine Emirat Ras Al Khaimah bietet extreme Temperaturen und lockt vor allem Familien mit speziellen Angeboten.

Sand! Nichts als Sand! Warmer, terrakottafarbener Sand. Und Leere und Stille. Wie ungewohnt fremd doch alles, dabei so geheimnisvoll verführerisch. Ganz anders als auf dem heimischen Spielplatz in der lauten Stadt.

Mit großen Augen mustert Marc junior diesen riesigen Sandkasten, der sich erst irgendwo in weiter Ferne unter einem stahlblauen Himmel verliert. Eine merkwürdige, aber spannende Welt, reduziert im Wesentlichen auf zwei Farben. Nun gut, hier und da sorgen ein paar Sträucher und Grasbüschel für grüngelbe Tupfer. Schon erstaunlich wie diese Pflanzen in der lebensfeindlichen Al-Wadi-Wüste überleben können.

Wie angenehm warm die vielen Tausend Sandkörner doch durch die Finger des Zweieinhalbjährigen rinnen. Wieder und wieder. Oder durch sein knallrotes Sieb. Einem Wasserfall gleich rieseln die Minerale der Schwerkraft folgend auf den Boden, um sich wie von Zauberhand sofort wieder mit diesem zu verbinden.

In der Wüste spielen heißt sich auf das wenige zu konzentrieren, das im Übermaß vorhanden ist. Und auf sich selbst. Das wusste auch schon Antoine de Saint-Exupéry, der Autor des „Kleinen Prinzen“. „Man setzt sich auf eine Sanddüne. Man sieht nichts. Man hört nichts. Und währenddessen strahlt etwas in der Stille.“

Wer vom Sand genug hat, geht auf Perlensuche

Wer nach Ras Al Khaimah reist, sucht dieses Strahlen in der Stille. Und die Abwesenheit von überfüllten Stränden, Staus, Betonschluchten und gigantischen Shoppingmalls voller Menschenmassen. Und Hitze. Die Tagesdurchschnittswerte liegen hier im Sommer bei 42 Grad, an besonders heißen Tagen klettert das Thermometer auf jenseits der 45 Grad.

Der nördlichste der sieben Gliedstaaten der Vereinigten Arabischen Emirate überzeugt mit einer dünn besiedelten Küste, einigen guten Strandhotels am Persischen Golf und der fast menschenleeren Al-Wadi-Wüste. Dazu kommen die schroffen Felsen des Hadschar-Gebirges. Eine abwechslungsreiche Kulisse in dem Herrschaftsgebiet, das nicht einmal doppelt so groß ist wie Berlin.

Ras Al Khaimah konnte sich noch etwas von seinem ursprünglichen orientalischen Charme bewahren, was vor allem Urlauber sehr zu schätzen wissen. Außerdem sind die Preise deutlich geringer als in Dubai oder Abu Dhabi. Das macht die Region besonders bei Familien beliebt.

Wem der Sinn grad nicht nach Strand, Wüste oder Bergen steht, kann beispielsweise mit einem kleinen Boot durch eine grüne mangrovenbewachsene Lagune zu einer Perlenfarm tuckern. Auch ein beliebter Tummelplatz für rosafarbene Flamingos. Zumindest im Winter.

Guide Abdulla Al Suwaidi gibt einen anschaulichen Einblick in den harten Alltag der Perlentaucher längst vergangener Tage. „Bis zu 30 Meter tief tauchten die Männer mit nur einem einzigen Atemzug. Ihre Ausrüstung? Lederne Fingerlinge zum Schutz vor den scharfkantigen Austern, eine geschnitzte Nasenklammer aus Knochen, ein Taucheranzug aus Stoff zum Schutz vor den Nesselquallen, ein Korb für die Muscheln, ein Stein am Fuß, der sie sauerstoffsparend und schnell zum Meeresgrund sinken ließ.“ Dort brachen die Apnoe-Taucher innerhalb von ein, zwei Minuten so viele Tiere wie möglich von den Austernbänken. Immer in der Hoffnung, dass auch eine Perle, ein „Juwel des Meeres“, im Korb landet.

Als Japan in den 1930er Jahren beginnt, den Weltmarkt mit preiswerteren Zuchtperlen zu bedienen, bricht das Geschäft am Persischen Golf zusammen. Seit 2004 werden nun mit japanischem Know-how auch in Ras Al Khaimah Perlen gezüchtet. Stolz präsentiert Abdulla seine Schätze, fein säuberlich nach Größe und Qualität sortiert. Was Marc junior nicht im Geringsten daran hindert, schnurstracks zwei Häufchen durcheinanderzuwirbeln. Der Perlenmann trägt es mit gequälter Fassung. So wie die Wüste für den Youngster bloß ein Mega-Sandkasten ist, sind kostbare Perlen einfach nur Murmeln zum Spielen.

Und überhaupt, eigentlich zieht es den Kleinen eh zurück in die brütend heiße Al-Wadi-Wüste. In die hat er sich richtiggehend verguckt. Da ist viel mehr Action angesagt. Das zahme Pony im Ritz-Carlton-Gestüt streicheln. Falken bei der Jagd beobachten. Sogar eine schweißtreibende Wanderung durch den beschwerlichen Wüstensand würde er auf sich nehmen, nur um seine Dromedare und Oryx-Antilopen wiederzusehen.

Wie sagte doch schon Antoine de Saint-Exupéry: „Und dennoch liebten wir die Wüste. Zuerst ist sie nur Leere und Schweigen, denn sie gibt sich nicht zu Liebschaften von einem Tag her.“ Für Marc junior scheint sie eine Liebe fürs Leben geworden zu sein.