Reise

Sprechstunde

Als Ausgleich für gestresste Großstädter in Japan erfunden, wird Waldbaden auch hierzulande immer beliebter – zum Beispiel im Bayerischen Wald.

Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Dauerstress, Bluthochdruck? Wer mit diesen Symptomen zum Arzt geht, den schickt dieser vielleicht bald nicht mehr mit einem Rezept in die nächste Apotheke, sondern in den Wald. In Japan praktiziert man das seit Jahrzehnten so. Die Therapie heißt Shinrin-Yoku – und schwappt als Wellnesstrend gerade nach Deutschland. Im Bayerischen Wald weiß man allerdings schon lange, wie gut ein paar Stunden inmitten von Eichen, Buchen, Lärchen und Douglasien tun.

„Als ich davon gelesen habe, dachte ich, das mache ich doch schon mein Leben lang. Wenn es ein Problem gibt, gehe ich für ein paar Stunden in meinen ‚Woid‘. Nachher weiß ich, was zu tun ist“, erzählt Christa Graßl. Aber auch ohne Anlass gebe ihr ein Waldaufenthalt jedes Mal viel Kraft. Immer donnerstags nimmt die Seniorchefin des Wellnesshotels am Riedlberg in Drachselsried deshalb neuerdings Gäste mit zum Waldbaden in den hoteleigenen Forst.

Erste Regel: Handy aus und Augen auf! Langsam schlendert die kleine Gruppe in den Wald hinter dem Haus. „Tief durchatmen, dem Rauschen der Blätter zuhören, auch mal eine Rinde anfassen oder am Moos schnuppern, das erdet ungemein“, sagt Graßl. „Beim Waldbaden geht’s um das bewusste Eintauchen in die Atmosphäre um einen herum.“ Was in Tokio als Gegenmittel für gestresste Großstädter erfunden wurde, wird auch in Deutschland immer beliebter. Und das liegt sicher nicht nur am würzigen Duft oder an der frischen Luft, sondern auch an der Ruhe, die der Wald ausstrahlt. Dazu vermitteln Bücher wie „Das geheime Leben der Bäume“ von Förster Peter Wohlleben auch Weisheiten, die sich nicht jedem erschließen.

Bäume umarmen zum Beispiel. „Der Baum gibt einem, was man braucht. Man muss aber dran glauben und ein wenig Geduld haben“, davon ist Waldspezialistin Graßl überzeugt. Wem das albern vorkomme, müsse es ja nicht machen.

Graßl legt immer wieder kleine Pausen für Qigong-Übungen ein, einer Kombination aus chinesischen Atemtechniken und Meditation, oder zum Sammeln von Steinen, aus denen kleine „Stoamandln“ entstehen.

Zurück im Hotel kann man sich bei einer keltischen Waldmassage noch weiter entspannen – mit aromatischem Latschenkiefernöl und den Klängen jener Baumart, die laut dem keltischen Baumkreis dem eigenen Geburtstag zugeordnet ist. Eine Art Baumhoroskop.

Das Beste am Waldbaden ist, dass es jeder kann. „Alles, was es braucht, ist, sich darauf einzulassen, für eine Weile mit geschärften Sinnen in der Natur zu sein“, erklärt der Forstmann und Jäger Frank von Schnurbein. Seine Familie bewirtschaftet den Wald von Schlossau bei Regen und bietet individuelle Touren zum Waldbaden an. Zum Forstgut gehören außerdem sechs gemütliche Chalets, die man mieten kann – alle mit bodentiefen Fenstern, die einen freien Blick auf den Gutswald bieten.

Von den Chalets des Forstguts kann man auf verschiedenen Wegen der Lindenblattmarkierung folgen und auf mehreren 30 bis 90 Minuten langen Runden durch den Wald spazieren. Besondere Orte laden zu kleinen Pausen ein wie beispielsweise Hängematten am Entspannungsplatz an der Schlossauer Ohe oder der Sonnenuntergangsplatz auf dem Hollerberg. Wer die Sonne lieber aufgehen sieht, geht gegenüber in den Finkenrieder Wald.

Dass die Zeit im Wald guttut, ist übrigens nicht nur ein Gefühl, sondern auch ein wissenschaftlich nachgewiesener Fakt. Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität in München belegen, dass ein Aufenthalt im Wald durch die hohe Luftqualität Stress abbaut, positiv auf Atemwege und Haut wirkt sowie das Immunsystem stärkt. Auch beim Selbstversuch wird klar: Mit Esoterik hat Waldbaden wenig zu tun, viel mehr mit Achtsamkeit und sich Zeit nehmen. Ein Kilometer in der Stunde ist ein gutes Tempo, um die Natur auf sich wirken zu lassen. Dass man dabei leise ist, um keine Wildtiere zu stören, und auch nichts zertrampelt, sollte ohnehin selbstverständlich sein. Im Chalet wartet nach dem Waldspaziergang morgens ein Frühstückskorb, prall gefüllt mit Leckerem wie Wurst, Käse und Honig aus der Region. Selbst Regentage lassen sich in den Häusern aus heimischen Hölzern wunderbar verbringen –etwa beim Entspannen in der eigenen Sauna und mit einer Tasse Tee in der Hand vorm Kamin. In diesem Entspannungsmodus kann man auch die nächsten Ausflüge im Bayerischen Wald planen: auf dem Seelensteig Urwaldfeeling tanken, zum Rachelsee mit der hübschen Kapelle wandern oder eine Runde um den mystischen Arbersee spazieren. Wem nach Höhenluft ist, kann auf den Großen Arber steigen und die Rundumsicht auf eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete in Europa genießen. Und wer Wölfe und Bären sehen will, wird im Nationalpark Bayerischer Wald fündig. Wie man den Adrenalinpegel anschließend wieder runter bekommt, weiß man ja jetzt.