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Sprühende Leidenschaft

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Ausgerechnet das schicke und geschniegelte München ist der Vorreiter der deutschen Graffiti-Szene. Die einst verbotene, als schmuddelig verschriene Kunst ist inzwischen salonfähig und findet sich sogar im Museum. VON Susanne Hamann

Ein gewaltiges, achtspuriges Stück Beton wölbt sich über Gleisanlagen und Straßen. Oben rauscht der Verkehr zwischen den Münchner Stadtteilen Schwanthaler Höhe und Neuhausen. Unten parken Autos, es stinkt nach Urin. Menschen auf den Weg zur S-Bahn eilen zwischen den Pfeilern der Donnersberger Brücke hindurch. Nur eine kleine Gruppe bleibt stehen und schaut.

Die Schönheit des Ortes offenbart sich erst auf den zweiten Blick. „Wir befinden uns hier in einer der größten Freiluftgalerien Deutschlands“, sagt Martin Arz. Der 56-Jährige ist Schriftsteller und Experte für Street-Art. Er geht mit offenen Augen durch die Stadt und fotografiert die Kunstwerke, die ihm begegnen. Denn sie könnten bald wieder weg sein.

Graffiti im Badezimmer des Oberbürgermeisters

Graffiti leben vom Reiz des Verbotenen, die Bilder entstehen oft illegal. Die Künstler arbeiten unter Pseudonym, wollen unerkannt und damit auch straffrei bleiben. In den 80er Jahren schwappte der Trend aus New York nach Europa. „Ob man es glaubt oder nicht: München war Vorreiter der deutschen Graffiti-Szene“, erzählt Martin Arz. 1985 besprühten sieben Schüler in einer Nacht-und-Nebel-Aktion am Endbahnhof der S 4 in Geltendorf einen kompletten Zug - der erste „Whole Train“ Europas. Die Jungs wurden erwischt und wegen Sachbeschädigung zu einer Geldstrafe verurteilt.

Zu der Gruppe gehörte auch ein gewisser Matthias Köhler. Heute ist der unter dem Künstlernamen Loomit bekannte Sprayer so etabliert, dass sich sogar der ehemalige Münchner Oberbürgermeister Christian Ude das Badezimmer von ihm verschönern ließ.

Die bayerische Landeshauptstadt kooperiert seit einigen Jahren mit Writers Corner München, dem Zusammenschluss der Graffiti-Szene. Indem man bestimmte Flächen freigibt, sollen illegale Schmierereien verhindert werden, das verbrauchte Material bezahlt die Stadtkasse. Und da kommen schon mal ein paar Dosen zusammen: Die Bilder unter der Donnersberger Brücke sollen einen Materialwert von 15 000 Euro haben. Ein Honorar wurde allerdings nicht bezahlt.

2011 wurden hier erstmals mehr als 30 graue Pfeiler mit Farbe verziert, 2016 gab es eine Auffrischung und Erweiterung. Auf den kunterbunten Wänden gibt es viel zu entdecken: Comics, Bilder im Fantasy-Stil, Karikaturen, Schriftzeichen. Martin Arz zeigt auf Figuren mit mangamäßig großen Augen: „Das ist von Beastiestylez, eine der wenigen Frauen der Szene.“ Hinter dem Pseudonym verbirgt sich die Münchner Grafikdesignerin Nadja Voß. Das hyperrealistische Frauengesicht ein paar Schritte weiter hat Markus Müller alias Won mit seiner Sprayer-Crew ABC (Art Bombing Clan) gesprüht. Die Geschichte dazu ist traurig: Es zeigt eine Verstorbene.

Außer der Donnersberger Brücke gibt es noch weitere Street-Art-Hotspots: an der Brudermühlbrücke, am Candidplatz und in der Unterführung der Luitpoldbrücke. Bei seinen Führungen hat Street-Art-Experte Martin Arz immer Angst, dass das Werk, das er zeigen möchte, weg sein könnte. „Es gibt einen Ehrenkodex, dass man schöne Bilder eines anderen nicht einfach übermalt. Aber mancher Spacko hält sich nicht dran“, sagt der 56-Jährige. Ein Graffito kann nicht nur jederzeit zerstört, übermalt oder beschmiert werden. Es ist auch schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt. Dafür sind die Werke für jeden zugänglich.

Street-Art sucht sich Orte, die nicht unbedingt schön, aber frequentiert sind. Wichtig ist, dass die Kunst zu den Menschen kommt und nicht umgekehrt. Dennoch gibt es in München auch ein Graffiti-Museum. Ein Widerspruch? „Wir sind ein Schutzraum für die Weiterentwicklungen der Street-Art“, sagt Stefanie Utz. Die 41-Jährige hat das Museum für Urban und Contemporary Art (MUCA) 2016 zusammen mit ihrem Mann Christian gegründet. Beide sind Betriebswirte und machten ihre Passion zum Beruf. In einem ehemaligen Umspannwerk der Münchner Stadtwerke richteten sie Deutschlands erste überdachte Sammlung für urbane Kunst ein. Zu sehen sind kleine, bewegliche Objekte wie Vorstudien und Entwürfe, meist von internationalen Künstlern. Darunter sind auch einige Schablonengraffiti des legendären Banksy, dem britischen Street-Art-Künstler, der um seine wahre Identität nach wie vor ein großes Geheimnis macht.

Straßenkunst „Es gibt einen Ehrenkodex, und Subkultur

Das Gebäude liegt einen Steinwurf vom Marienplatz entfernt, die Investoren rissen sich um die Liegenschaft. Doch die Kunst bekam den Zuschlag. „Die Stadtwerke haben ein Herz für Urban Art“, sagt Stefanie Utz und erzählt, dass der Künstler Loomit in Obergiesing ein Haus der Stadtwerke von oben bis unten besprühen durfte. Auch das MUCA hat ein überdimensionales Werk zu bieten: Die Fassade wurde von Stohead alias Christoph Hässler gestaltet, einem aus Schwäbisch Hall stammenden Kalligrafie-Künstler.

Die Bandbreite von Street-Art ist groß. Das Gegenstück zur kuratierten Sammlung findet sich in der Tumblinger Straße im Stadtteil Isarvorstadt. Hier steht eine sogenannte Hall of Fame – eine Wand, die zum Besprühen freigegeben ist und sich ständig verändert. Street-Art, wie sie früher war: wild und ungeordnet. Alternativ und rau geht es auch ein paar Schritte weiter auf dem Gelände des Alten Schlachthofs und des alten Südbahnhofs zu. „Bahnwärter Thiel“ – nach der Novelle von Gerhart Hauptmann – nennt sich eine kleine Kulturstadt aus alten Schiffscontainern, einem ausrangierten Bahnwaggon und einem Tramwagen. Hier kann man nicht nur Graffiti anschauen, sondern auch mittendrin feiern oder Veranstaltungen besuchen. Wie die Straßenkunst ist auch dieses Subkulturprojekt vergänglich: „Wir haben den Platz nur bis 2021 gepachtet“, sagt Initiator Daniel Hahn.

Dann werden auf dem Gelände Wohnungen, eine Kindertagesstätte, Gewerberäume und das neue Volkstheater entstehen. Die Bauarbeiten haben schon begonnen. Wohin dann? Hahn weiß es nicht. Doch Aufgeben kommt für den 29-Jährigen nicht infrage. Er ist ein Spezialist für die Realisierung absurder Ideen und findet Wege in noch so aussichtslosen Situationen. 2018 kaufte er den ausrangierten Ausflugsdampfer „MS Utting“. Er schweißte das Schiff horizontal in drei Teile, ließ es vom Ammersee nach München transportieren und auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke neu zusammensetzen.

Die „Alte Utting“ hat nur eine Genehmigung bis 2022. Aber nachdem sogar die „New York Times“ das Teil ziemlich cool fand, besteht Hoffnung. München hat schließlich ein Herz für Abseitiges.