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Stadionperlen

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Manche Menschen sammeln Briefmarken, andere Fußballplätze. Sie reisen um die ganze Welt, um Spiele zu sehen und Länderpunkte markieren zu können. Groundhopping nennt sich das. Doch was ist der Reiz daran, alle möglichen Stadien zu besuchen?

Das Flutlicht brennt. Andreas Hennings und seine Frau Christina sehen es schon aus der Ferne. Zum Abschluss ihrer dreiwöchigen Reise durch die Mongolei wollen sie in Ulan Bator noch ein Spiel der einheimischen ersten Liga sehen. Zwei Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes winken sie freundlichst herein. Kontrolle? Keine. Eintritt frei. An diesem Abend im September 2018 spielt Deren FC gegen Athletic 220 FC. Etwa 50 Zuschauer, darunter zwei Trommler, wollen bei Temperaturen um den Gefrierpunkt und leichtem Schneefall dieses Duell auf Kunstrasen sehen. Als später der Halbzeitpfiff ertönt, verlassen fast alle von ihnen das Stadion. Allerdings nicht, um heimzugehen. Weil es keinen Essens- und Getränkeverkaufsstand gibt, weichen sie in den gegenüberliegenden Supermarkt aus. Dort wärmen sie sich auf und decken sich mit Nüssen, Snacks und Cola für die zweite Hälfte ein.

Hennings muss schmunzeln, als er davon erzählt – dass fast alle Zuschauer in der Halbzeitpause das Stadion verlassen, gibt’s in den höheren Ligen Europas wohl nie. Immerhin, zwei Tore fallen noch - eines sogar durch einen sehenswerten Seitfallzieher. Die Teams trennen sich 1:1. Das spielerische Niveau sei „eher überschaubar“ gewesen, sagt Hennings. Puristische Flutlichtspiele in einer solchen Umgebung sind für Groundhopper wie ihn trotzdem etwas ganz Besonderes.

Das Groundhopping ist ein Trend, bei dem es darum geht, Spiele in möglichst vielen verschiedenen Stadien in der Welt zu besuchen. Es gibt sogar Groundhopper, die fast all ihre Wochenenden und Urlaubstage dafür opfern, Länderpunkt-Heftchen führen und mehr als 300 Spiele im Jahr besuchen. Sie kommen auf diese Anzahl, weil sie an einigen Tagen - vor allem an Wochenenden - zu zwei oder drei Spielen gehen. Die ständige Suche nach neuen Farben, neuen Gesängen, netten Begegnungen und Kuriositäten in den Kurven kann viel Zeit und Geld kosten.

Im Vergleich dazu lässt es Hennings ruhiger angehen. Er hat Stadien in genau 20 Ländern besucht, darunter auch eines auf den Kapverden. Begonnen hat seine Leidenschaft fürs Stadionsammeln mit einer Auswärtsfahrt mit seinem Lieblingsclub, dem VfB Stuttgart. 2010 war das, der VfB kämpfte in Bratislava in den Play-offs um den Einzug in die Europa League. Wegen Krawallen ging Hennings zwar vorzeitig aus dem Stadion – jedoch hatte er nicht fertig mit Stadionbesuchen im Ausland. Weil der VfB später - bis auf ein verkorkstes Play-off-Spiel 2013 in Rijeka - nicht mehr international spielte, habe sich alles so entwickelt, sagt der 30-Jährige, der als Redakteur bei einer Lokalzeitung arbeitet.

Manchmal, wenn er als Ausgleich für einen Sonntagsdienst unter der Woche freihat, scrollt er am Computer die Spielpläne verschiedener Ligen in den benachbarten Ländern durch und fährt einfach dorthin, wo dank einer englischen Woche ein Verein mit einem ihm unbekannten Stadion ein interessantes Heimspiel hat. Ab und zu reist er bewusst in ein Land – wie zum Beispiel nach England oder zu den Europameisterschaften in die Ukraine oder nach Frankreich -, um sich mehrere Partien in verschiedenen Stadien anzuschauen. Und auch Fernreisen mit seiner Frau verbindet er in der Regel mit mindestens einem Spiel.

Hennings recherchiert vorab fast immer im Internet. In manchen Ländern haben selbst Erstligisten keine eigene Website, in anderen werden die genauen Spieltermine erst wenige Tage vorher bekannt gegeben. Möglich ist in diesen Fällen nur ein grober Plan. Es beginnt ein Abenteuer, vieles inklusive des Ticketkaufs entscheidet sich erst vor Ort. In der Theorie könnte eine Menge schiefgehen. In der Praxis geht’s jedoch meistens gut.

Auch in Westeuropa ist Hennings dazu übergegangen, die Eintrittskarten meist vor Ort zu kaufen. Selbst beim „Old Firm“ in Glasgow – so nennt man das Stadtderby zwischen den Erzrivalen Celtic und Rangers - ergatterten zwei Freunde und er Tickets. Etwas überteuert, aber das war’s wert.

Doch was ist der Reiz am Besuch fremder Stadien? Es sei die Faszination für den Fußballsport an sich, der in jedem Stadion eben doch ein bisschen anders gelebt werde, sagt Hennings. Vor sich hindarbende Traditionsvereine mit ihrer Geschichte oder kleine Clubs mit ihrem oft speziellen Charme ziehen ihn längst stärker an als perfekt organisierte Events in neu gebauten Fußballarenen: „Die Atmosphäre in der zweiten oder dritten Liga in England finde ich zum Beispiel deutlich spannender als in der Premier League, wo man manchmal hören könnte, wie eine Stecknadel fällt.“

Zum VfB geht er derweil nur noch selten. Obwohl es auch da durch den Abstieg einen neuen Reiz gibt: die Stadien des Hamburger SV, des VfL Osnabrück und von Holstein Kiel fehlen ihm noch in seiner Liste.

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