Reise

Stadt unsterblicher Liebe

Archivartikel

Ob unter dem legendären Balkon von Romeos Julia oder bei der Verdi-Oper "Aida" in der antiken Arena - Verona bietet seinen Besuchern an vielen Orten große Gefühle.

Verona - bereits dieser Name ist Poesie, ja Musik. Und einer, der bietet, was er verspricht: Eine Stadt mit einer antiken Arena, in der alljährlich die berühmtesten Opern der Musikgeschichte erklingen; eine Stadt, in der das größte Liebesdrama der Literatur seinen Schauplatz hat; eine Stadt, die damit selbst zum Symbol unsterblicher Liebe geworden ist.

Die Deutschen haben eine besondere historische Beziehung zu ihr; Verona liegt am Fluss Etsch, und die erste Strophe unserer Nationalhymne, deren Text 1841 verfasst wird, als Norditalien zu Österreich gehört, preist den deutschsprachigen Raum "von der Etsch bis an den Belt"; klar, dass diese Strophe seit 1945 nicht mehr gesungen wird.

Ohnehin ist Verona bereits auf den ersten Blick eine durch und durch italienische Stadt. Das beginnt schon in ihrem Zentrum, auf der Piazza Bra, mit Park und Teich, vielen Restaurants und vor allem der antiken Arena. Ein Denkmal von König Viktor Emanuel II., im 19. Jahrhundert "Vater" des modernen italienischen Staates, steht neben dem Gedenkstein für die nach Auschwitz deportierten Bürger der Stadt. Auch in Italien wandelt der deutsche Tourist auf dünnem historischen Eis.

Aktuelle Gefahren sind nicht zu übersehen: Zwischen Kulissen der Opernaufführungen aus der Arena, die unter freiem Himmel lagern, wachen schwer bewaffnete Carabinieri und das Esercito, Polizei und Militär; mit dem Terroranschlag von Barcelona kamen Betonpoller hinzu.

Elegante Flaniermeile

Denn hier nimmt die Via Mazzini ihren Ausgang, die mit cremefarbenem Marmor gestaltete Einkaufsmeile der Stadt. Swarovski und Gucci, Hugo Boss und Armani betreiben hier ihre Filialen. Doch sie sind nichts gegen das Ziel, das am Ende der Straße wartet: Wie durch einen Trichter ergießt sich die Menschenmasse in die Via Cappello - zum Haus der Julia, deren Liebe zu ihrem Romeo in der Familienfehde der Capulets und Montagues tragisch endet; unsterblich gemacht von Shakespeare, der selbst zwar nie hier war, aber einen alten Stoff aufgreift.

Die Masse zwängt sich durch einen Gang, dessen Wände seit Generationen mit Liebesschwüren in Form von Graffiti oder inzwischen - aus Mangel an Platz - von Zetteln gepflastert sind. Am Ende wartet ein Hof, in dem sich eine Bronzestatue der Julia befindet, wie Gott sie geschaffen hat. Die Brüste sind schon längst blank gerieben, vor allem natürlich jene an der Herzensseite.

Doch vor allem wollen die Paare unter und am besten noch auf dem Balkon der Julia stehen - hoffend, dass die Aura des Ortes ihre Wirkung entfalte. Hunderttausende drängen sich hier jährlich; der Besitzer der Boutique gegenüber dem Balkon ist den gesamten Tag beschäftigt, die Touris von seiner Treppe zu jagen. Kaum einer von ihnen weiß, dass der Balkon ein Sarkophag ist, erst 1935 angebracht - im Zuge der Herrschaft des Faschisten Benito Mussolini, der alles im Lande pseudohistorisch zu untermauern suchte.

Ach ja, und Romeo? An den männlichen Part des berühmtesten Liebespaares der Geschichte erinnert fast nichts. Das Haus seiner Familie in der Via del Arche liegt nur wenige Straßen entfernt von dem seiner Geliebten, doch in jedem Sinne des Wortes in ihrem Schatten. Ganz anders, unweit davon, die Erinnerung an das Herrschergeschlecht der Scaligeri, die im 13. und 14. Jahrhundert Verona beherrschen. Ein gigantisches Grabmal versammelt ihre Dynastie. Einer ihrer Repräsentanten, Cangrande I., thront als Reiter über seinem eigenen Sarkophag, grinsend - "ein letzter hämischer Gruß an seine zahlreichen Feinde?", fragt der Autor und Verona-Kenner Ralph Ströhle.

Despoten und Mäzene

Denn es ist eine blutige Dynastie; Vornamen wie Cangrande (Großer Hund) oder Mastino (Bluthund) zeugen davon. Cangrande II., gar der Tollwütige genannt, baut eine Burg, das Castelvecchio, um sich vor den Untertanen zu schützen - und nicht nur davor: Bei einem Ausflug in die Stadt wird er von seinem Bruder gemeuchelt. Nach weiteren Morden innerhalb der Dynastie geht sie 1387 zu Grunde - wie in einem Drama.

Doch wie die Medici oder die Borgia sind auch die Scaligeri zwar Despoten, aber zugleich Mäzene. So holen sie den bedeutendsten Literaten Italiens an ihren Hof: Dante Aleghieri, den wir heute vor allem dank eines Spruches kennen, der sich so ideal für Todesanzeigen eignet: "Nichts bedeutet mehr Schmerz, als sich im Unglück an Zeiten des Glücks zu erinnern" - der nachdenkliche Gesichtsausdruck des Dante-Denkmals hoch über der Piazza di Signori scheint dies nur zu unterstreichen.

Durch den Torbogen, unter dem ein Tierknochen baumelt - er soll von einem Wal stammen - , geht der Weg auf die Piazza delle Erbe, mit ihren Palästen wohl der schönste der vielen schönen Marktplätze Italiens. Erbe heißt Kräuter, und sie findet man in der Tat noch zwischen all den Nippesständen mit den für ein wenig Wind sorgenden Papierfächern "Made in China". Darunter schlummern antike Bodenplatten, Relikte des römischen Forum Romanum.

Doch die bekannteste Hinterlassenschaft der Römer ist ihre Arena, 50 Jahre älter als das Kolosseum in Rom. Seit 1913 verwandeln sich ihre 44 Ränge mit den 20 000 Sitzplätzen im Sommer in ein Opernhaus unter freiem Himmel. Es ist ein angemessener Ort für Verdis opulente Werke, allen voran "Aida", bekanntlich ebenfalls eine Liebesgeschichte mit tragischem Ende - in diesem Jahr auch in einer modernen Inszenierung, in der die Streitwagen der Pharaonen an Autoscooter erinnern.

Vor 21 Uhr, wenn die Vorstellung beginnt, bevölkern Damen und Herren, trotz der immer noch drückenden Schwüle in eleganter Abendgarderobe gewandet, den Vorplatz. Im Inneren funktioniert das System der Akustik sogar nach 2000 Jahren: Auch ohne Lautsprecher ist alles zu hören, nur nach draußen gelangt kaum was - Pech für Schwarzhörer.

Die unzähligen Lokale außen herum sind daher fast leer und warten darauf, bis nach vier Stunden Vorstellung potenzielle Gäste durstig herausströmen. Sogar um ein Uhr nachts kann man hier noch elegant speisen - oder einfach träumen, auch fernab des Hotelbettes.

Römische Antike und venezianische Renaissance - als Paradebeispiel einer Festungsstadt unterschiedlichster baulicher Stadien europäischer Geschichte wird Verona von der Unesco gerühmt. Doch abseits dieser profanen Begründung für ihre Erhebung zum Weltkulturerbe bleibt Verona für seine Besucher vor allem eines: Ort besungener und erzählter Dramen von bedingungsloser, ja unsterblicher Liebe.