Reise

Stapfen unterm Mond

Archivartikel

Im Sommer ist der Nationalpark Hohe Tauern in Osttirol ein Traum für Wanderer. Im Winter zieht es Naturbegeisterte, Liebhaber regionaler Produkte und Aktivurlauber in das Gebiet.

Dass er eines Tages auf Tuchfühlung mit Pfauenaugen und Aurorafaltern gehen würde, hätte Andreas Angermann vor 16 Jahren nicht gedacht. Damals entschied er, seinen Job als Förster an den Nagel zu hängen und Ranger im Nationalpark Hohe Tauern in Osttirol zu werden. Doch die Ausbildung hatte eine Bedingung: „Man musste sich auf ein bestimmtes Gebiet spezialisieren“, sagt Angermann. „Bei mir waren das die Schmetterlinge.“

Im Winter ist Angermann der Schneeschuhranger

Seither gilt er im Sommer als Fachmann für die flatternde Fauna im Nationalpark. Im Winter hingegen wird Andreas Angermann zum „Schneeschuhranger“. Im Panorama der Schobergruppe, einer Gebirgskette mit mehr als 40 Gipfeln über 3000 Meter Höhe, führt er regelmäßig Touristen durch den Tiefschnee. Heute – es ist ein kalt-klarer Februarnachmittag – sind das rund ein Dutzend Menschen in grellen Skianzügen, die ihre Wanderstiefel umständlich auf die Fußplatten der Schneeschuhe drücken. „Am Anfang ist das etwas ungewohnt“, gibt Angermann mit Blick auf seine Teilnehmer zu. Doch inzwischen sei der Winter im Nationalpark ohne das spezielle Schuhwerk nicht mehr denkbar. „Ohne Schneeschuhe könnte man die Natur in der kalten Jahreszeit nicht mehr entdecken. Man würde sofort einsinken.“

Schneeschuhwandern im Mondschein Angermann führt die kleine Touristengruppe einen drei Kilometer langen Rundweg vom Matreier Tauernhaus aus entlang - bei Mondschein. Während die Teilnehmer sich bereit machen, geht hinter Angermann langsam die Sonne unter, eine halbe Stunde später ist es bereits stockdunkel auf dem Bergkamm. Nur die Stirnlampen, die der Ranger zu Beginn der Tour ausgeteilt hat, werfen schmale Lichtkegel in die Nacht. Besonders die zehnjährige Lena, die gemeinsam mit ihrem Bruder Leon in Osttirol Urlaub macht, ist von der Stimmung beeindruckt. So viel Natur wie in dieser Woche ist für die Schülerin aus Berlin eine Ausnahme. „Hoffentlich sehen wir Schneehasen“, ruft sie aufgeregt.

Aktive Tiere findet Andreas Angermann an diesem Abend zwar keine, dafür entdeckt er immer wieder Spuren im Schnee, anhand derer er erklärt, wie sich die Hasen auf dem eingeschneiten Bergkamm fortbewegen. Lena ist begeistert. Die Erwachsenen konzentrieren sich währenddessen vor allem darauf, im Tiefschnee richtig aufzutreten. Dass Kinder sich damit leichter täten, sei fast immer so, meint Angermann. Während die Wandertruppe durch den Wald zurück ins Tal stapft, schiebt er routiniert Äste zur Seite, zwängt sich zwischen abgeknickten Zweigen hindurch und trampelt Pfade in den Untergrund. Der Rest rutscht ihm hinterher. Nur Lena und ihr Bruder Leon hüpfen leicht wie Tolkiens Waldelben über die Schneedecke.

Wildtiere sind wichtiger als Wintersport

Der Nationalpark, der insgesamt viereinhalbmal so groß ist wie Wien, ist bekannt für seine Ursprünglichkeit. Die Kernzone, bestehend aus Gletschern, Felsen und Urlandschaft, ist genauso streng geschützt wie die US-Nationalparks – außer Wegefreiheit ist hier für den Menschen nichts erlaubt.

Die meisten Touristen reisen während der Sommermonate in die Region: Rund 1500 Kilometer lang ist das Wandernetz hier, Wintersport wird hingegen eher kleingeschrieben. Der Grund: „Wir wollen die Tiere im Winter nicht stören“, erklärt Andreas Angermann. Rund 10 000 verschiedene Tierarten gibt es im Nationalpark, viele davon gelten als bedroht. Damit sie sich im Winter wohlfühlen, müsse man ihre Ruheräume akzeptieren. „Hier darf keine Spaßgesellschaft Snowboard fahren und die Tiere aufschrecken. Wenn zum Beispiel Hirsche ständig flüchten müssen, bricht ihre Energiekurve ab und das wird für sie lebensbedrohlich“, so Angermann. Dennoch gibt man sich im Nationalpark Hohe Tauern Mühe, die Wintermonate für Besucher attraktiv zu machen: So kann man auf geführten Touren zum Beispiel Wildtiere beobachten, kleinere Abfahrten machen oder in den umliegenden Dörfern das Leben der Einheimischen kennenlernen.

Ein besonders schönes Ziel dafür ist die 1000-Seelen-Gemeinde Kals: Das Dorf liegt eingekeilt zwischen zwei steilen Hängen. Sonne gibt es hier maximal ein paar Stunden am Tag, egal wie wolkenlos der Himmel ist. Die Häuser sind mit dunklem Holz verkleidet, aus den Schornsteinen kommt weißer Rauch. Das letzte Haus vor dem Hang ist der Hofladen der Familie Riepler. Am Wochenende kommt hier die Dorfgemeinschaft mit Jutebeuteln und dicken Handschuhen zusammen. Als Fremder wird man neugierig begutachtet.

Bevor sie vor zehn Jahren in den Betrieb eingeheiratet hat, war die Landwirtschaft ihr fremd, erzählt Inhaberin Veronika Riepler. Ihren späteren Ehemann Johannes, Sohn einer Bauernfamilie, lernte sie auf einem Musikfest in der Region kennen. Heute hat das Paar eine siebenjährige Tochter und verkauft in seinem Hofladen selbst erzeugte Produkte. Auf dem weitläufigen Hof brennen die beiden Schnaps, produzieren Fleisch und backen Brot - ein Vollzeitjob: „Man muss mögen, was man macht, sonst geht das alles nicht“, sagt Riepler. Für sie ist es ein Privileg, beeinflussen zu können, wie die Menschen sich ernähren. Dennoch hatte sie mit der Landwirtschaft anfangs zu kämpfen: „Da muss man sich erst einmal dran gewöhnen.“ Inzwischen ist ihr das gut gelungen. So leer, dass sie in die Stadt zum Einkaufen fahren muss, ist Veronika Rieplers Kühlschrank heute selten. Nach Lienz, den nächstgrößeren Ort, geht sie nur einmal im Vierteljahr. Wenn sie denn einmal Sehnsucht nach der Stadt hat, dann lieber nach einer Großstadt. Dann fährt sie nach Wien oder Düsseldorf, wo sie sich mit ihrer Tochter Musicals anschaut. Eintauschen würde sie das Landleben dafür aber nicht, sagt Riepler. Im Dorf kennt sie jeden. Die Leute, die vorbeigehen, grüßt sie mit Namen. Sie lacht. „In der Stadt muss es am Sonntag doch unglaublich einsam sein.“