Reise

Starke Frauen für Frankfurt

Archivartikel

Deutschland-Reise: Die Metropole am Main feiert Frauen in Ausstellungen und auf Streifzügen durch die Stadt.

Was jedem zu Frankfurt einfällt? Riesenflughafen, Hochhäuser bis in den Himmel und ein eher rauer Charme. Genussmenschen werden außerdem an Apfelwein, Handkäse und grüne Soße denken. „Lovely!“, befand die neue EZB-Chefin Christine Lagarde die zuletzt genannte Spezialität nach einer ersten Verkostung.

Madame Lagarde ist, anders als ihr Vorgänger, auch tatsächlich mit einer eigenen Wohnung in Mainhattan sesshaft geworden. Die von ihr gelobte „Grie Soß“ wird gern als Erfindung der Mutter Goethes ausgegeben. Sicher ist das nicht, belegt dagegen Frau Ajas selbstbewusster Ausspruch: „Vor Fürsten fürchte ich mich nicht, denn ich kann kochen!“

Dass heute alle Welt nur noch von Frau Ajas Lieblingskind Johann Wolfgang spricht, findet die Stadtführerin Elisabeth Lücke schlicht ungerecht. „Goethes Schwester Cornelia war ebenso begabt wie der später berühmte Bruder. Aber für Töchter waren damals nicht Amt und Würden, sondern Ehe und Mutterdasein vorgesehen“, so Lücke auf ihrem Stadtrundgang „Frankfurts starke Frauen“.

Damenmode inklusive Bewegungsfreiheit

Erstaunlich genug daher, dass durchaus nicht alle Frauen sich mit diesem Rollenbild abfanden. Maria Sibylla Merian, Künstlerin und Naturforscherin, bereiste um die Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert unter abenteuerlichsten Bedingungen das südamerikanische Surinam. Von dort brachte sie Zeichnungen tropischer Pflanzen, Insekten und Vögel von hinreißender Schönheit mit. Das Porträt der Malerin und Kupferstecherin zierte einst den 500-Mark-Schein. Heute fährt ein Ausflugsschiff mit ihrem Namen auf dem Main – wenn nicht Corona-Krise herrscht und die Dampfer wie große weiße Schwäne am Kai schlafen.

So weitläufig sich Frankfurts Airport präsentiert, so überschaubar ist das Stadtzentrum um Dom, Römer und die Neue Altstadt. Und genau hier wird in diesem Jahr in verschiedenen Ausstellungen den Frauen gehuldigt. Da ist die Ausstellung „Resistance & Sensibility“ (Widerstand und Sensibilität) italienischer Fotografinnen im Fotografie Forum Frankfurt in der Braubachstraße, die die Neue Altstadt flankiert. Da ist die sensationelle Schau „Fantastische Frauen“ in der Kunsthalle Schirn. Gerade einen Monat war sie zu sehen, als der Shutdown wegen Corona kam. Nun ist die Kunsthalle wieder geöffnet, mit eingeschränkter Besucherzahl.

34 Künstlerinnen sind hier mit einer weiblichen Sicht surrealer Welten vertreten. Das Ausstellungsplakat zeigt Frida Kahlo mit eindrücklich ernstem Blick – eine Art Schmerzensmadonna mit von Dornenkragen umfangenem Hals.

Das Porträt wirkt wie eine Allegorie in Zeiten der Pandemie. Und nur einen Steinwurf entfernt von der Kunsthalle Schirn zeigt das Historische Museum bis in das nächste Jahr hinein die Ausstellung „Kleider in Bewegung. Frauenmode seit 1850“. Rund 200 Exponate werden gezeigt, vom Taftgewölke mit Schnürkorsett und aufgepolstertem „Cul“ über bürgerliche Gesellschaftskleider, Bürokostüme, Arbeitskittel bis hin zu „Charlestonkleidern“ der 1920er, die weder Taille noch Brüste betonten und den Beinen Freiheit zum Tanzen ließen: Damenmode als Vorbote einer Emanzipation, die immer noch nicht abgeschlossen ist. Auch nicht in Frankfurt, selbst wenn die Messestadt jede Menge starke Frauen hervorbrachte wie etwa Petra Roth, die langjährige Oberbürgermeisterin.

Das erste weibliche Stadtoberhaupt Frankfurts galt den einen als brillante Moderatorin, den anderen als Grande Dame oder „Sonnenkönigin vom Römerberg“. Oder die Frankfurterin Elisabeth Schwarzhaupt, seit 1951 im Bundestag, zehn Jahre später als erste Frau in der Bundesrepublik mit einem Ministerposten betraut. „Ich habe mit meinem Eintritt ins Kabinett eine Tür geöffnet, die nicht mehr zugeschlagen werden konnte“, zitiert Stadtführerin Lücke die Politikerin, die für die Rechte der Frauen und nichtehelicher Kinder eintrat.

Elisabeth Lücke führt auf ihrem Stadtrundgang weiter zur Paulskirche, der „Wiege der deutschen Demokratie“, wo Frauen einst „Damenplätze“ auf der Empore einzunehmen hatten. Unauffällig an der Rückseite des symbolträchtigen Baues angebracht, findet sich eine Gedenktafel für Johanna Kirchner, der unerschrockenen Frankfurter Widerstandskämpferin gegen die Nazis, die 1944 in Plötzensee hingerichtet wurde und ihr Leben im Kampf gegen den Nationalsozialismus ebenso verlor wie ihr Ehemann und ihre Schwester.

Die Liste der großen Frankfurterinnen ist lang. Sie reicht von Annett Stoltze, die, noch vor 1848 für eine bürgerliche Revolution kämpfend, Kassiber in der Kaffeekanne schmuggelte, über Anne Frank bis hin zur Volkstheaterschauspielerin Liesel Christ. „Die Freiheit wird einem nicht gegeben, man muss sie sich nehmen“, lässt ein Zitat Meret Oppenheims in der Ausstellung „Fantastische Frauen“ wissen.