Reise

Steil und schmal

Archivartikel

Der Natursteig Sieg wird seinem Namen gerecht. Auf engen Pfaden hangelt er sich am Fluss entlang und fordert Wanderer mit alpinähnlichen Abschnitten heraus.

Okay, vom Niagarafall und den isländischen Wasserfall-Giganten sollte man nicht gerade verwöhnt sein. Sonst übersieht man ihn fast, den höchsten Wasserfall Nordrhein-Westfalens. Sechs Meter – traut man sich gar nicht zu sagen – gleitet er, immerhin auf 84 Meter Breite, herunter auf seinem Weg in den Rhein, hier im Tal der Sieg.

Aber: Er macht das vor richtig viel Publikum. Eine Aussichtskanzel mit Pavillon ist schon vor vielen Jahren so perfekt platziert worden, als hätte man damals schon die Wichtigkeit von Selfie-Spots einkalkuliert. Und hinter dem Fall, wo die Sieg über Felsstufen strudelt wie ein Wildwasser in den Alpen, ist eine große Terrasse im Lounge-Stil, ein Hotspot der Party-Szene.

Freizeitpark Deutschland, würde, so er noch lebte, Helmut Kohl schnauben. Dabei ist das hier ureigenste Malocher-Gegend. Wo heute Kneipengänger ihre Bierchen kippen und Kleinkunst-Kultur ihre Auftritte hat, ließ einst der aus Leeds stammende Alexander Stanley Elmore seit 1890 die Schlote qualmen für die Produktion nahtloser Kupferrohre von hoher Qualität. Er hatte diese Stelle nahe dem Dorf Schladern ausgesucht, weil hier die Eisenbahn eine Strecke gebaut hatte und dabei eine Schleife der Sieg trockengelegt und den Fluss verkürzt hatte. Dafür hatte er nun mehr Gefälle, das über den Wasserfall rauschte – den man prompt zur Stromerzeugung nutzte. Ein ganzes Fabrikareal mit Hochofen, Kraftwerk, Fabrikationshallen und natürlich den Villen für die Direktion breitete sich bald beidseits der Sieg aus.

Also: Wie die Ruhr war auch die Sieg einst ein Industrierevier. Und wie an der Ruhr ist hier schon lange Schicht im Schacht – das Elmore-Werk schloss 1995. Und wie an der Ruhr soll auch hier der Tourismus den Strukturwandel abfedern. Und wie an der Ruhr hat er beste Voraussetzungen: viel Wasser (in das sich sogar wieder die Lachse trauen), schöne Höhenzüge, Industriekultur, Dörfer im Fachwerk-Rausch, Felsen, Burgen – also das volle Programm. Und das Schöne: Das alles kann man wunderbar ablaufen – 200 Kilometer lang begleitet der Natursteig Sieg seit 2011 den Fluss, jetzt kommen noch 50 Kilometer bis zur Siegquelle hinzu. Beim Stichwort Siegerland geht man eher von gemäßigten Anforderungen aus. Wie in den flachen Uferwiesen des Siegbogens unweit von Burg und Stadt Blankenberg – auch so ein Magnet, aber diesmal in Sachen Mittelalter-Romantik. Man sieht einen Pfad gemächlich zum Stachelberg steigen und liest: „Teilweise alpine Wegstrecke“. Kein Witz – oben wird der Pfad auf einer Art Gratschneide so schottrig-steil, dass zwischen die Bäume Seile gespannt sind. Zur Beruhigung: Eine leichte Umgehung ist auch ausgeschildert. Und wer bei Schladern über den Westertbach will, sollte auf Niedrigwasser hoffen, sonst bekommt man bei schief-schmalen Trittsteinen und glitschigen Baumstämmen schon mal einen Vorgeschmack, was „furten“ in der Wildnis heißt. Da übrigens gibt es kein Ausweichen.

So viel Abenteuer ist Programm. Die Steig-Macher haben historische Fußwege, die teilweise komplett wieder freigeschnitten werden mussten, gesucht. Auf schmalen Pfaden wird der Natursteig seinem Namen gerecht, aber auch bei Landschaftsszenerien wie dem Druidenstein, den man auf der Etappe zwischen Betzdorf und Kirchen passiert. Hier präsentiert die Natur einen Hingucker, der es auch in die deutschlandweit 77 nationalen Geotope geschafft hat: ein 20 Meter hoher Basaltkegel, die Überreste eines Lavastroms aus dem Erdinneren, mit spektakulär schroffen Flanken und theatralisch von einem großen Kreuz gekrönt.

Ein Ort für die Fantasie (eigentlich so richtig stimmungsvoll bei düsterem Wetter), der gleich mal keltische Priester an seinem Fuß hat opfern lassen. Und zwar mithilfe, so will es die Sage wissen, von „makellosen Jungfrauen, die sich jedem irdischen Verlangen entsagen mussten“. Aber dann hat doch mal ein Kelten-Beau eine Priesterin namens Herke von der Pflicht und dem heiligen Feuer weggelockt. Aber: „Häscher jagten ihnen nach, erstachen den Jüngling und schleppten Herke zum Opfertisch, wo sie mit ihrem Blut Buße tat.“ Das einzig Historische daran ist wohl die patriarchalische Welt, die die Erzähler dieser Sage so ihrem Publikum einschärften. Um herauszubekommen, ob mehr dran ist an der Herke-Sage, muss sich der Natursteig-Wanderer schon in Vollmondnächten zum Druidenstein aufmachen: Da soll Herke am Stein jammern und wehklagen.