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Der Saar-Hunsrück-Steig erschließt Deutschlands grüne Mitte auf einsamen Pfaden jenseits der Kulturlandschaft. Unterwegs warten ein Keltenwall und ein neuer Nationalpark.

Hunsrück klingt nach Kartoffelwurst und Mittelgebirgsbeschaulichkeit. Das Papier der McDonald’s-Verpackungen stammt von hier und ein gewisser Johannes Bückler, der nach seiner Abdecker-Lehre lieber klauen ging und unter dem Künstlernamen Schinderhannes Karriere machte. Sonst machte das Mittelgebirge zwischen Mosel, Rhein und Nahe über Jahrhunderte kaum von sich reden.

Das ist inzwischen anders. Der 2007 eröffnete Saar-Hunsrück-Steig gilt unter Wanderern als der spannendste Fernwanderweg in Deutschland. 70 000 Gäste laufen ihn im Jahr. Experten geben ihm Bestnoten. Und seit zwei Jahren führt die 410 Kilometer lange Route von Perl an der luxemburgischen Grenze bis nach Boppard am Rhein auf weiten Teilen durch ein Gebiet, das im neuen Nationalpark Hunsrück-Hochwald in den kommenden Jahrzehnten wieder echte Wildnis werden soll.

Auf dem Gipfel des Hunsrück sieht man davon zunächst wenig. 816 Meter ragt im Südwesten der flache Erbeskopf aus dem Wald heraus. Skipisten und eine flotte Sommerrodelbahn durchschneiden die Wildnis. Ein paar Hundert Meter weiter führt Nationalpark-Ranger Dirk Paul seine Gäste auf regelmäßigen Spaziergängen zu einer unscheinbaren Lichtung. Ein Stapel Fichtenstämme aus dem Wirtschaftswald hinter ihm liegt dort. Vor Paul wuchert ein dichtes Blätterdach. „Hier bekommen Sie einen Eindruck, wie das mal aussehen könnte“, sagt der gelernte Forstwirt. Ein Buchenwald mit viel Totholz, durchstreift von Wildkatze, Rotwild und Moosbeeren-Scheckenfalter, durchzogen von Niedermooren und klaren Bächen – so habe Mitteleuropa vor 2000 Jahren überwiegend ausgesehen.

Und genau so soll es im Nationalpark wieder werden auf derzeit 10 120 Hektar Fläche in Rheinland-Pfalz und im Saarland. Drinnen darf der Borkenkäfer in den von den Preußen gesetzten Rotfichten-Beständen machen, was er will. Zäune, Schlagbäume und Verbissschutz werden abmontiert, verfaulte Stämme nur noch vorsichtig von den Wegen gezogen. Selbst vor der Rückkehr der Wölfe hat Ranger Paul keine Angst. Nur den Buchen müsse man nachhelfen, weil die gegen die schnell wachsenden Kiefern kaum Chancen hätten. Dafür halten sie sich besser im Klimawandel als die nordischen Nadelbäume. Fernab aller größeren Straßen liegt der Grimburger Hof unterhalb der gleichnamigen Ruine abgeschieden im Tal der Wadrill. Sorgfältig muss hier den blau-grünen Zeichen folgen, wer nicht vom Steig abkommen möchte. Immer wieder schlägt der sich als kaum fußbreite Spur ins Gebüsch, folgt über Stock und Stein unscheinbar dem Flüsschen, passiert mächtige Baumveteranen und ungemähte Wiesen. Unterwegs locken die Brombeeren. Erst nach 13 Kilometern kehrt man auf dieser Etappe am Stausee in Kell zurück in die Zivilisation.

Im Ort hat sich Michael Krämer in seinem Hotel zur Post mit Fußbalsam für Wanderer und einer Radstation für Mountainbiker ganz auf Aktiv-Urlauber eingestellt. Selbst in den Duschen der Gästezimmer stellt der passionierte Radler jeweils eine Aktiv-Etappe vor. Und in seiner Küche kommen ausschließlich regionale Produkte in die Töpfe und Pfannen. Auf der Speisekarte sind die Zulieferer liebevoll einzeln notiert. „So kann man sich ein Stück Urlaub mit nach Hause nehmen“, empfiehlt Krämer. Wer in der Natur einfach abschalten möchte, der ist hier genau richtig. Aber unterwegs auf den 27 Etappen des Saar-Hunsrück-Steigs gibt es auch einiges zu sehen. Die Saarschleife bei Mettlach im Westen oder die Hochseilbrücke über die Geierlay im Osten sind besonders markant. Genau auf der Grenze der beiden Bundesländer ragt am Dollberg bei Otzenhausen eine eigenartige Immobilie aus dem Grün hervor. In einer breiten Schneise ist aus Feldsteinen ein zehn Meter hoher und 40 Meter breiter Wall aufgeschichtet. Zu Zeiten Kaiser Wilhelms, der als Prinz hier heraufritt, wurde die Anlage als Hunnenring fehlgedeutet.

Tatsächlich waren es wohl keltische Treverer, die schon ab 500 vor Christus hinter dem 2,5 Kilometer langen Schutzwall und einer bis zu 25 Meter hohen Mauer aus Holz und Steinen Schutz suchten vor den Nachbarn und der ungezähmten Natur. Am Fuß des Dollbergs kann man seit letztem Jahr im neuen Keltenpark Otzenhausen nachvollziehen, wie sie lebten. Zunächst wurden zehn stattliche Bauernhäuser und Werkstätten aus Holz und Fachwerk rekonstruiert. Auf dem weiteren Weg vom keltischen Ringwall hinab nach Neuhütten drängt sich dann die Frage auf, was von unseren Bauwerken bleiben wird. Auch den Kelten hat der Ringwall nur ein paar Jahrhunderte Schutz geboten, bevor sie kampflos fortzogen. Wenn demnächst wieder Wölfe im Hochwald heulen, könnte manchem Wanderer die Erkenntnis reifen, dass auch die Industriegesellschaft nur eine Zeiterscheinung sein dürfte.