Reise

Still im Burgland

Archivartikel

Mit einem dieselelektrisch betriebenen Boot namens „Pénichette 950E“ lässt sich die Region Burgund flüsterleise entdecken.

Still und erhaben schlängelt sich die Yonne durch die Weinberglandschaft des Burgund. Idyllische Hügel flankieren den Fluss, in den Winzerkellern reift der Chablis und im Locaboat-Hafen von Joigny macht die Basisleiterin die neuen Chartergäste mit ihrem schwimmenden Ferienmobil vertraut. „Das“, deutet sie auf eine „Pénichette 950E“ am Anleger, „ist die ,Vincelottes‘. Das Boot funktioniert dieselelektrisch. Der benötigte Strom wird konstant von einem Dieselgenerator im Heck erzeugt. Damit werden der Elektroantrieb der ,Vincelottes‘ sowie alle elektrischen Verbraucher mit Energie versorgt.“

Gleich hinter dem pittoresken 10 000-Einwohner-Städtchen sammelt das Antriebskonzept die ersten Pluspunkte. Das Tagesziel, die Stadt Auxerre, liegt fünf Fahrstunden flussaufwärts. Es ist Mittag und bei der Chartercrew regt sich der Magen. Dank des bordeigenen Stromerzeugers können Backofen und Mikrowelle auch während der Fahrt betrieben werden. Zwei Schleusen weiter, bei Migennes, dort, wo der Canal de Bourgogne abzweigt, ist das Essen fertig. Es gibt Ratatouille mit überbackenem Kabeljau. Eingekauft wurden die Zutaten heute morgen frisch auf dem Wochenmarkt am gegenüberliegenden Ufer der Locaboat-Basis.

Kleine Dörfer mit von Efeu überwucherten Häusern und windschiefen, von der Sonne gebleichten Dächern geben sich am Yonne-Ufer die Ehre. Bei Bassou kraxeln ein paar Jugendliche eine knorrige Uferweide hoch und springen unter großem Hallo in die Fluten. Gute Stimmung herrscht auch am Quai de la République in Auxerre. Zwischen der wuchtigen Kathedrale Saint-Étienne und dem nadelspitzen Glockenturm der ehemaligen Benediktinerabtei Saint-Germain verschachteln sich rote, blaue und ockerfarbene Fachwerkhäuschen. Die „Vincelottes“ legt am hübsch bepflanzten Altstadtufer an und die Crew probiert einen Muschelwurf weiter die Regioküche des Restaurantschiffs „La Péniche“.

Apropos Yonne: In Auxerre endet die Schiffbarkeit des Flusses. Wer von Joigny kommt und die Schleuse Batardeau am südlichen Ende der 38 000-Einwohner-Stadt passiert, hat den Canal du Nivernais unter dem Kiel. Nach einer halben Stunde Kanalfahrt lädt der Anleger der Winzergenossenschaft Bailly Lapierre zum Zwischenstopp. „Früher“, erklärt Corinne Pasquier-Ienzer ein paar Fußschritte entfernt im Inneren des Felshügels Col du Crémant, „war das ein unterirdischer Steinbruch. Später“, fährt die Weinmanagerin fort, „wurden hier Champignons gezüchtet und heute ist der Col du Crémant unser Weinkeller.“ Dann entkorkt sie einen Crémant Ravitotte Extra Brut und lässt die Hobbyskipper probieren. Die sind von dem Premiumgetränk begeistert und nehmen eine Kiste als „Ankerbier“ für die kommenden Törn-Tage mit.

Champs-sur-Yonne, Vincelotte, dann Mailly-la-Ville und schließlich hoch über einer Flussschleife Mailly-le-Château mit seinem respektablen Schloss - alle diese kleinen, beschaulichen Örtchen sind eine Rolle rückwärts in die Entdeckung der Langsamkeit. Den optischen Höhepunkt setzen die Roches du Saussois.

Wie von Homers sagenumwobenen Riesen dahingewürfelt, schießen ein paar Schraubendrehungen hinter Mailly-le-Château schroffe Kalksteinklippen in den Himmel. Eine Handvoll Sportkletterer hangeln sich die steilen Wände hoch.

Immerhin haben diese knapp 60 Meter hohen Felsen Schwierigkeitsgrade von bis 10+ (UIAA-Skala) und bringen damit selbst gestandene Profis ans Limit ihrer Kletterkünste.

Schwerter auf dem Pilgerweg

„Ihr habt Glück“, begrüßt Renaud Cavelan die Crew der „Pénichette“, „zehn Minuten später und der Schleusenwärter wäre nach Hause gegangen.“ In der hübschen Marina gleich rechts hinter der Schleuse deutet der Hafenmeister dann auf das Liliputdörfchen hoch über den Felsklippen des Kanals. „Das ist Châtel-Censoir“, sagt er, „mit rund 650 Einwohnern typisch für die Region.“ Dann kommt er auf die Weltkulturerbe-Basilika im 20 Taximinuten entfernten Vézelay zu sprechen. In der Krypta der romanischen Kirche ruhen die Gebeine der heiligen Magdalena. Vor gut 800 Jahren vereinten Philipp II. von Frankreich und König Löwenherz in Vézelay ihre Truppen und brachen gemeinsam zum Kampf gegen die Araber ins Heilige Land auf. Doch das Unesco-Welterbe ist mehr als nur ein Ort der Schwerter. Es ist auch eine spirituelle Landmarke auf dem Pilgerweg ins rund 1400 Kilometer entfernte Santiago de Compostela. Aus allen Teilen der Welt trafen und treffen sich hier die Wallfahrer, ruhen sich ein paar Tage in einem der Pilgerheime aus und machen sich dann weiter auf den beschwerlichen Weg zur Grabeskirche des Apostels Jakobus.

Zwei Tage später liegt die „Vincelottes“ in der kleinen Stadtmarina von Clamecy. Die Crew hat sich im Museum d’Art et d’Histoire über die Yonne als historischen Transportweg für Brennholz ins 200 Kilometer entfernte Paris informiert. Danach wurden die hübschen Bürgerhäuser des 4000-Seelen-Örtchens in Augenschein genommen. Jetzt sitzen die Hobbyskipper zu Füßen der gotischen Prachtkirche Saint-Martin im Restaurant Marrakech und lassen sich die orientalische Küche schmecken. Morgen sind 36 Flusskilometer und 21 Schleusen – die meisten von freundlichen Aushilfskräften per Hand bedient – entlang augengefälliger Beschaulichkeit zu absolvieren. Doch morgen ist morgen und heute ist hier und jetzt.

„Wie wär’s mit einem Wein“, fragt der Kellner. Einen Wimpernschlag später steht eine Flasche Chablis auf dem Tisch. Na dann . . . à votre santé! Auf den letzten Törntag! Und den flüsterleisen E-Antrieb der „Vincelottes“.

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