Reise

Stille zwischen den Felsen

Archivartikel

Der Sommer ist die beste Jahreszeit für Wanderungen in der Sächsischen Schweiz. Dann ist es in den tiefen Schluchten zwischen den bizarren Felsformationen kühl und ruhig.

Die Blaumeise zwitschert, die Amsel singt, die Singdrossel tiriliert und der kleine Zaunkönig übertönt alle anderen. Was nicht zu hören ist: das Johlen, Rufen, Lachen und Rascheln, wenn Wandergruppen des Weges ziehen. Und davon sind hier tagsüber viele unterwegs. Doch abends, wenn die Dämmerung einsetzt, wird es still in der Felsenwelt des Nationalparks Sächsische Schweiz. So still, dass man in der engen Klamm der Schwedenlöcher einzelne Wassertropfen von den farnbewachsenen Wänden herabfallen und auf den Steinen zerplatzen hört. Hierher führt Daphna Zieschang, Biologin und zertifizierte Nationalparkführerin, ihre Gruppen am liebsten. „Als Kind dachte ich immer, da stecken tatsächlich Schweden drin, in den Löchern“, sagt sie und muss grinsen.

Tatsächlich brachte sich die Bevölkerung der nahe gelegenen Dörfer während des Dreißigjährigen Krieges in den zerklüfteten Felsspalten und Nischen der Sandsteinwände vor den Schweden in Sicherheit, die marodierend durch die Dörfer zogen. Farne, Moose und Flechten schattieren die Felswände in Hunderten Grüntönen, es riecht modrig und es ist feucht und kühl. Daphna Zieschang rupft eine Handvoll Sauerklee vom Wegesrand und kaut darauf herum. „In den Alpen wird es kälter, je höher man steigt, bei uns ist es umgekehrt“, sagt sie. Das Kellerklima in den Schluchten macht den Nationalpark Sächsische Schweiz zur beliebten Wanderregion im Sommer.Schätzungen der Nationalparkverwaltung gehen davon aus, dass in der Hauptsaison bis zu 2000 Personen pro Tag allein den Weg durch die Schwedenlöcher gehen. Auf der Bastei, der berühmtesten Felsformation im Elbsandsteingebirge, dürften es nochmals mehr sein. Dank direkter Straßenanbindung schieben sich die Touristenströme auf der steinernen Basteibrücke 200 Meter über dem Elbtal lautstark aneinander vorbei. Wer die Massen scheut, kann im Berghotel Bastei übernachten, das am Ende der Brücke über das Felsplateau ragt.

Morgens um 7 Uhr haben Frühaufsteher die Bastei beinahe ganz für sich. Vor dem Brückenkopf zweigt ein Weg links ab und weitet sich nach etwa 50 Metern zu einer Aussichtsplattform, von wo sich der Blick spektakulär auf die markante Bogenarchitektur des Bauwerks öffnet. Genau hier müssen die zahlreich existierenden ikonografischen Bilder der Basteibrücke entstanden sein. Langsam, ganz langsam ziehen Nebelschwaden in der sich erwärmenden Luft an den rauen Wänden der Felsnadeln empor und umhüllen die verlassenen Gittersteige im Freilichtmuseum der Felsenburg Rathen.

Teufels Waschbecken am Höllengrund

Außer Schleifrillen und ein paar kopfgroßen Kanonenkugeln, die aus der Elbe gefischt wurden, ist von der ehemaligen Raubritterburg nicht mehr viel zu sehen. Aber genug, um die Fantasie anzuregen.

Teufelskammer, Teufelsküche, Höllengrund. „Das sagt einiges darüber aus, was die Einheimischen früher in der Natur empfunden haben“, bemerkt Nationalparkführer Ralf Schmädicke und zeigt auf eine kesselförmige Aushöhlung im Felsboden neben dem Pfad. „Diesen Strudeltopf hier im Zscherregrund zum Beispiel nannten sie ‚Teufels Waschbecken‘.“ Die Vertiefungen sehen tatsächlich so aus, als habe sie ein wahnsinniger Steinmetz geschaffen, aber das ist nicht der Fall. Sie entstanden durch Fließwasser, das nach starken Regenfällen als Wasserfall über die Felswände in die Schlucht stürzte und dabei Geröll mit sich riss, das am Grund wie Mahlsteine wirkte. „Das wussten die Menschen damals aber noch nicht und vieles, was sie sich nicht erklären konnten, wurde religiös belegt.“ Erst später, während der Epoche der Romantik, sah man die Welt schön und heil, das Entsetzen wandelte sich in Entzücken. Heute kommen die Touristen in Scharen wegen der eindrucksvollen Ausblicke auf die berühmten Sandsteinformationen – die Schrammsteine, die Affensteine, den Papststein. Ralf Schmädicke zeigt ihnen lieber die krumm gewachsenen Bäume, die Zunderschwämme an den Stämmen, die giftiggelbe Schwefelflechte an den Felsen. Abseits der Hauptrouten führt er seine Gruppen tief hinein in alte Wälder und geheime Schluchten.