Reise

Äolischen Inseln vor Sizilien

Stromboli – ein Feuerwerk der Realität

Grummelnd begrüßt der Stromboli seine neuen Gäste. Schon an der Piazza San Vincenzo, wo sich am Nachmittag die Wanderwilligen zusammenfinden, rumort es tief unter Wanderern. Der Bergführer Francesco Ciancitto checkt noch einmal die Ausrüstung der 20 ihm anvertrauten Touristen: Hat jeder ordentliche Wanderschuhe, Wasser und Proviant, Ersatzkleidung und eine Stirnlampe? Auch ein Helm wird einem bei der Anmeldung ausgehändigt. „Den könnt ihr erst einmal am Rucksack baumeln lassen“, sagt der 39-jährige Vulkanologe noch, und dann geht es auch schon los.

Etwa 500 Menschen laufen pro Tag auf den Vulkan. Zum Vergleich: Der Ort Stromboli hat 400 Einwohner. Durch den gleichnamigen Film von Roberto Rossellini ist die Insel im Jahr 1949 schlagartig berühmt geworden, und der heute so wichtige Tourismus nahm seinen Anfang. Allerdings dürfte die meisten weniger der Film als die Liebesgeschichte fasziniert haben, die sich während der Dreharbeiten zwischen Rossellini und der Hauptdarstellerin Ingrid Bergman abspielte – beide zu dem Zeitpunkt anderweitig verheiratet. Der Vulkan, der einer der aktivsten der Welt ist, versetzt so manches Gemüt in Wallung.

Der Aufstieg auf den 924 Meter hohen Berg dauert etwa drei Stunden. Schmale Trampelpfade führen in Serpentinen steil nach oben. Wie in einer Prozession windet sich die Menschenschlange dem Gipfel entgegen.

Ab etwa 500 Metern Höhe säumen keine Pflanzen mehr den Weg, sondern schwarze, graue und rote Steine. Und Vulkanstaub. Wie eine Wanderung auf einem fernen Planeten. Etwa alle 20 Minuten ertönt tief unter den Füßen das tiefe Grollen. Bis zum Krater darf man den Stromboli heute nur noch mit einem Bergführer besteigen. Auf dem Gipfel werden die durchgeschwitzten T-Shirts durch trockene ersetzt und darüber alle Schichten gelegt, die sich im Rucksack finden. Denn nun ist es auf dem Stromboli nicht nur dunkel, sondern auch kalt. Nebel legt sich über die Wanderer. Plötzlich rumpelt es wieder, es zischt und knallt in den Wolken. Doch zu sehen ist nichts. Jeder Guide wartet, bis er mit seiner Gruppe an den Rand des Kraters vorgehen kann. Francesco wartet heute besonders lang: „Wenn wir die letzten sind, haben wir vielleicht Glück und der Nebel verzieht sich.“ Eine halbe Stunde später sind die Wolken so gut wie weg. Die 20 Wanderer aus Francescos Gruppe stehen mit ihrem Helm auf dem Kopf wie Perlen auf eine Kette gereiht am Rand des Kraters und schauen in die dunkle Tiefe auf eine orangefarbene Pfütze. Mit einem plötzlichen Fauchen schießt eine meterhohe Fontäne aus dem Inneren des Vulkans. Die glühenden Steine liegen überall verstreut und lassen den Berg rot glitzern. Langsam verglühen sie und die Zuschauer starren wieder ins Dunkel, während feiner Aschestaub auf sie rieselt. „Den Ausbruch eines Vulkans zu beobachten ist etwas total Reales“, sagt Francesco leise. „Das ist, wie wenn man sich schneidet und Blut fließt. Einfach die Realität. Da gibt es keine Diskussionen.“

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