Reise

Surfen über dem Regenbogen

Hawaii ist mehr als Hulamädchen, bunte Hemden und Schirmchen-Drinks. Die Südsee-Inseln locken mit Stränden zum Träumen und Feuer speienden Vulkanen – aber vor allem mit einem besonderen Lebensgefühl.

Mit dem Licht kommen die Farben zurück. Erst trotzt das knallige Gelb der Blumen der Dunkelheit, dann ist das dunkle Rot der Lavafelsen zu erkennen. Der Sonnenaufgang hier in 3055 Meter Höhe soll atemberaubend sein. Normalerweise. Wenn keine Wolken da sind. Das Einzige aber, das einem an diesem Tag um 5.40 Uhr auf dem Haleakala den Atem raubt, ist die Kälte. Bis plötzlich eine Frau mit tiefer Stimme anfängt zu singen. Hawaii begrüßt den Tag, Hawaii sagt Aloha!

Aloha – mit einem langen „O“ und einem schnittig gehauchten „Ha“ - das bedeutet „Hallo“, „Guten Tag“ oder wahlweise auch „Tschüss“. Doch Aloha ist mehr als ein Gruß. Aloha kann ein Lächeln sein, ein Gefühl. Aloha ist eine Liebeserklärung an Hawaii und das Leben.

Die Frau auf dem Haleakala, dem „Haus der Sonne“, hat aufgehört zu singen. „Seht euch um!“, ruft sie den Menschen zu, die immer noch warten. „Das ist unsere Natur. Das hier ist einmalig. Es liegt an uns: Lasst es uns erhalten!“

Tatsächlich wachsen im Haleakala-Nationalpark Pflanzen, die nirgendwo sonst auf der Welt zu finden sind, und nicht nur deshalb gilt er in Hawaii als heiliger Ort. Eine Legende besagt, dass hier der Halbgott Maui mit einem Lasso die Sonne eingefangen und erst wieder freigelassen habe, als sie ihm versprach, nicht mehr so schnell über den Himmel zu ziehen. Die Menschen waren so dankbar, dass sie gleich die Insel nach ihm benannten. Auf Hawaii werden viele solcher mystischer Geschichten erzählt. Besonders gerne auch die von Pelé, der zornigen und launischen Feuer- und Vulkangöttin. Sie soll die Erschafferin der Inselgruppen sein und verantwortlich dafür, dass der Kilauea auf Hawaii Island zurzeit wieder Lava spuckt.

Echte Hawaiianer gibt es kaum noch auf Hawaii

Die Vulkane auf Hawaii sind grundsätzlich mehr Spektakel als Gefahr, zumindest, solange sich Touristen an die Anweisungen halten. Eines sollten Besucher aber auf gar keinen Fall tun: Pelé reizen. „Deshalb, liebe Besucher, nehmt bitte keine Lavasteine mit“, warnt der junge Guide im Hawaii Volcanoes National Parc. „Und wer denkt, dies sei nur Aberglaube, der sollte sich im Parkmuseum die vielen Steine angucken, die Touristen reumütig zurückgeschickt haben.“

Vom weltweit aktivsten Vulkan und schneebedeckten Gipfeln über sattgrüne Täler bis hin zu tiefschwarzen Stränden: Hawaii ist der Inbegriff ungebändigter Naturkräfte. 9,3 Millionen Menschen erlagen dem Zauber im vergangenen Jahr, doch trotz Massentourismus ist Hawaii eine Welt für sich geblieben. Verlassene Strände, Schnorcheln mit Manta-Rochen und Sonnenuntergänge, wie für Postkarten gemacht – hinter jeder Ecke wartet bereits die nächste Perle. Und die Aloha-Energie steigt einem dann wieder betörend ins Hirn, mit einem Gefühl wie irgendwo über dem Regenbogen.

Auf Hawaii macht selbst die Sprache Urlaub. Nur zwölf Buchstaben werden im Hawaiianischen verwendet und dennoch entstehen so schöne Worte wie Humuhumunukunukuapua’a (Diamant-Picassodrückerfisch), Mahalo (Danke) und Keiki (Kind). Und eben Aloha.

Nach dem besonderen Hawaii-Gefühl muss man nicht lange suchen, doch kaum ein Ort steht so sehr für Aloha wie Waikiki. Das weltberühmte Viertel liegt am Südufer von Honolulu und war einst Tummelplatz für hawaiianische Monarchen. Heute ist es ein Hotspot für Wellenreiter. Hier ist selbst das Feuerwehrauto mit einem Surfbrett ausgestattet, hier gibt es mehr Ständer für Surfbretter als für Fahrräder und hier muss man sich nicht mal auf ein Brett stellen, um Wellen zu reiten.

Was zunächst aussieht wie eine Spaßaktion für Touristen, entpuppt sich schnell als echter Surf-Spaß. „Wellen in einem Outrigger Canoe - einem Auslegerkanu - zu surfen, ist wie eine Achterbahnfahrt auf Hawaiianisch“, sagt Mike und lacht. Mike ist Kanu-Kapitän. Nackter Oberkörper, gestreifte Shorts, grüne Basecap und Goldkettchen. Dass er die meiste Zeit seines Lebens draußen verbracht hat, sieht man. 52 Jahre alt ist er, sagt Mike und steuert in die Wellen.

Der hintere Teil des Kanus senkt sich, das Wasser spritzt. Immer schneller kommt der Strand von Waikiki näher, immer schneller geht es vorbei an Schwimmern und Surfern.

Mike ist in den 70er Jahren nach O‘ahu, einer der sechs Hauptinseln von Hawaii, gekommen. Einen besseren Ort zum Leben als Honolulu kann er sich nicht vorstellen. Auch wenn sich gerade vieles verändert. Das Meer breitet sich wegen des Klimawandels aus, die Strände würden verdrängt. Das Leben und Wohnen wird immer teurer. In den Einkaufsstraßen von Honolulu locken Luxus-Läden wie Prada und Louis Vuitton betuchte Kunden. Und wer morgens früh mit den ersten Surfern am Strand ist, sieht, wie Obdachlose ihre Sachen zusammenpacken, bevor die Touristen ihre Hotels verlassen.

Hawaii ist im Wandel – so wie es eigentlich immer gewesen ist. Erst seit 1959 sind die Inseln offiziell Teil der USA. Die ersten Siedler stammten aus Polynesien und China, später immigrierten Portugiesen, Philippiner, Koreaner und Japaner. Nun kommen viele Amerikaner und selbst auf deutsche Vorfahren können viele verweisen. Echte Hawaiianer gibt es dagegen kaum noch.

Die stetige Veränderung, auch das ist Hawaii. Wahrscheinlich sind Traditionen deshalb für die Menschen hier so wichtig. Obwohl die Blütengirlanden – „Lei“ genannt - zum Beispiel im Ausland zum Kitsch verkommen sind, gehören sie auf den Inseln zum Alltag. Sie symbolisieren Freundschaft, Liebe und Wertschätzung.

In Waikiki stehen zwei Frauen am Strand. Sie haben – so wie es die Tradition vorsieht – ihre Leis der Natur zurückgegeben. Nun sehen sie zu, wie die Wellen die Blüten davontragen. „Aloha“, sagt eine und fügt hinzu: „Danke für die Zeit, die wir hier hatten.“