Reise

Totengräber und Geburtshelfer

Archivartikel

Der Woid Woife hilft dem Wald beim Werden: Er ist einer der sogenannten Waidler, die in Bodenmais im Bayerischen Wald in tiefer Verbundenheit mit der Natur leben. Vor ihrer Haustür liegt das größte zusammenhängende Waldgebiet Mitteleuropas.

Das ganze Dorf rätselt, wer wohl das Gipfelkreuz auf dem Berg Hochzell aufgestellt hat. Irgendjemand hat es versteckt hinter einem Felsvorsprung, so dass es möglichst niemand entdeckt. Es ist ein besonders schönes, kleines Kreuz, dessen Spitze auf Brusthöhe endet. Die Arme haben die Form eines Sterns und in der Mitte ist eine Kristallkugel eingefasst, die in der Sonne leuchtet. Wenn man sich bückt und durch die Kugel blickt, sieht man den Bayerischen Wald auf dem Kopf stehen.

Die 1208 Meter hohe Hochzell bei Bodenmais ist ein bewaldetes Hochplateau mit vielen Gucklöchern ins Tal. Woife kann hier sechs Stunden auf einem Stein sitzen und ins Tal schauen, ohne dass ihm langweilig wird. Eigentlich heißt er Wolfgang. Doch alle nennen ihn nur "Woid Woife". Er ist der Inbegriff des "Waidlers" - des Waldmenschen, trägt Filzhut und Holzfällerhemd. Er hat ein mondrundes Gesicht und einen Vollbart. "Hier oben spürst du die Freiheit - es ist ein Traum! Manchmal könnt' ich vor Glück Rotz und Wasser heulen", schwärmt der 124 Kilogramm schwere Niederbayer.

Vor 18 Jahren nannte er sich "Bayerwaldbär" und gehörte zu den 24 stärksten Männern der Welt. Als "Strongman" zog er in Wettkämpfen Lastwagen, schulterte Baumstämme und hievte Steine, bis er aus gesundheitlichen Gründen damit aufhören musste. Sein jetziger Beruf zieht ihn nicht gerade hoch auf die Berge, eher eine Etage tiefer: Er ist Totengräber im Nachbarort Zwiesel. Manchmal ist seine Arbeit nicht ganz leicht, besonders wenn er die Angehörigen informieren muss. Dennoch strahlt er eine unbändige Lebensfreude aus.

Im Tal liegt die Heimat von Woife: der Luftkurort Bodenmais. Das 3500-Einwohner-Städtchen am Fuße des großen Arbers wird umarmt von Hügeln mit endlosen Wäldern. Ein Grund, warum sich hier schon im 15. Jahrhundert Glashütten ansiedelten, denn es gab Holz zur Befeuerung der Schmelzöfen.

Heute ist Bodenmais Teil der "Glasstraße", die quer durch den Bayerischen Wald führt. Die ansässige Traditionsfirma Joska Bodenmais ist inzwischen weltweit führend in der Pokalherstellung. Arnold Schwarzenegger, Michael Schumacher und Boris Becker haben Pokale ganz aus Glas oder mit gläserner Einfassung, die hier gestaltet und hergestellt wurden. "Gut möglich, dass die Glaskugel im Gipfelkreuz auf der Hochzell hier angefertigt wurde", sagt ein Einheimischer, der als Guide in der Glashütte arbeitet.

Doch wer das Kreuz aufgestellt hat, weiß auch hier niemand, selbst die Gemeinde ist ratlos. Auf dem Gelände, das so groß ist wie fünf Fußballplätze, gibt es ein Kinderland, ein Erlebnisrestaurant, und einen Showroom. Dort können Besucher je einem Glasmacher, -bläser und -schleifer bei der Arbeit zusehen. Stammgäste bringen ihre beschädigten Weingläser und Aschenbecher mit und lassen sie für ein paar Euro in der Glasklinik behandeln. Am Eingang zum Schmelzofen steht das größte mundgeblasene Weißbierglas der Welt: 65 Liter passen hinein. In den Weißbiergläsern der Urlauber in der Kneipe Zur Post schwappt nur ein Bruchteil davon. Auf dem Tisch dampfen Leberknödel und Schweinebraten.

Hier trifft sich Woife oft mit Freunden. Nach dem Essen erzählt er bayerische Witze und gibt Bärwurz aus. "Auf über 1000 Metern wächst der beste Bärwurz", meint er. "Wenn man die Wurzel nur abbürstet, bevor man sie in Alkohol einlegt, schmeckt er so richtig lecker nach Wald und Erde." Unter seinen Fingernägeln klebt noch eine Schicht davon.

Manchmal schläft er auch im Wald, in einem alten Bauwagen. Stundenlang kann er davor sitzen und sich an kleinen Dingen erfreuen, Vogelgezwitscher oder einem äsenden Reh. "Die Hektik, der Alltag und das Streben nach vermeintlichen Idealen treiben jeden an und verdrängen damit den Sinn für die kleine Freuden. Oft hat man das Gefühl, der Mensch hat schlichtweg das bewusste Wahrnehmen, das Genießen von Ruhe und das Innehalten verlernt", sagt Woife. Weil der Wald ihm so viel Kraft und Lebensfreude bringt, engagiert er sich für den Naturschutz und bietet auch Sinneswanderungen durch den Wald an. Dank seiner Dokumentationen über Flora und Fauna wurde vor einigen Jahren der Bau einer Seilbahn auf die Hochzell verhindert.

Im Nationalpark Bayerischer Wald heißt das Motto schon seit Längerem "Natur Natur sein lassen!". In einem abgegrenzten Bereich überlässt man den Wald sich selbst. Auch den Borkenkäfer bekämpft man in diesem Gebiet nicht mehr. Ein durch Borkenkäfer sterbender Baum bietet Nester und Nahrung für neue Arten. Wespen brüten beispielsweise im Totholz, dadurch ist der Wespenbussard zurückgekehrt. Auf lange Sicht erhöhen tote Bäume so die Artenvielfalt. Woife hat derweil seine Liebe zum Wald und den Tieren auch auf künstlerische Art ausgedrückt - in mehreren Fotoausstellungen und einem neuen Buch "Zurück zur Natur". Eine seiner früheren Geschichten handelte von einem kleinen Mann mit mondrundem Gesicht, dessen größtes Glück das Wandern in der Natur war und der schließlich auf der Hochzell starb; auf einem Stein sitzend. Ähnlichkeiten mit Personen beruhen auf reinem Zufall, sagt das Vorwort. Doch Woid Woife hat verraten: Wenn er selbst einmal stirbt, möchte er, dass seine Asche auf seinem Lieblingsberg verstreut wird. Ein Kreuz steht dort ja schon.