Reise

Tour de Provence

Archivartikel

Vier Mountainbikes, zwei Erwachsene, zwei Teenager und ein Gepäckanhänger – gemeinsam geht es durch den Südosten Frankreichs.

Das Familienabenteuer beginnt: In Caumont-sur-Durance, in der Nähe von Avignon, ist der Fahrradanhänger gepackt und die Radler sind startklar. Doch bevor es überhaupt losgeht, kommt von den Teenagern die Frage nach der Strecke, die heute knapp 60 Kilometer und schlappe 300 Höhenmeter beträgt. Der Weg windet sich durch die Landschaft, vorbei an Feldern, Weinbergen und Landgütern. Die einsamen Gehöfte haben eine Gemeinsamkeit – bellende Hofhunde, die die Radler entlang der Grundstücke zähnefletschend begleiten.

Vorbei geht es an Avignon entlang der mächtigen Stadtmauer. Ein letzter Blick auf den Papstpalast, die Kathedrale und die Brücke, von der nur noch eine Ruine in die Rhône ragt. Die Sonne steht hoch am Himmel. Am Wegesrand warnen rot-weiße Schilder vor Stieren, die hier im Sommer durch die Ortschaften und Arenen getrieben werden. Das Spektakel ist ein meist unblutiger sportlicher Event – junge Franzosen versuchen, an den Kopfschmuck der Bullen zu gelangen. Noch ist die Stimmung gut. Zehn Kilometer bis nach Arles. Der Blick ist nach vorne auf die Alpilles gerichtet, eine Kalksteinkette im Herzen der Provence. Da taucht auch schon die steinerne Brücke auf, die in die ehemalige Römerstadt führt.

In Arles schnitt sich van Gogh ein Teil des Ohrs ab

Der nächste Tag beginnt mit den Geräuschen einer Kehrmaschine, die um den Place du Forum wegwischt, was die Gäste der Restaurants am Abend zuvor liegen ließen. Bekannt ist der beliebte Ort von Vincent van Goghs Gemälde „Caféterrasse am Abend“ – mit dem funkelnden Sternenhimmel. Der Maler lebte 16 Monate in Arles. Hier schnitt sich der Künstler ein Teil seines Ohrs ab und malte 187 Ölbilder. Übers Kopfsteinpflaster rumpeln die Räder hinaus aus der Stadt mit den lauschigen Plätzen und verwinkelten Gassen.

Südlich von Arles erstreckt sich die Camargue – eine sumpfig-grüne Landschaft. Weiße Pferde grasen auf den Weiden. Lediglich der Motorenlärm der vorbeirasenden Autos passt nicht ins Idyll. Zur Unterkunft geht es bergauf. Die überraschend gute Küche, Stierfleisch im Schmortopf, und der Pool entschädigen für die sportlichen Strapazen des Tages.

Nicht ganz so früh wie die Fahrer der Lastwagen, die das Hotel schätzen, geht es am nächsten Morgen weiter. Der Weg nach La Tour-d’Aigues ist etwas länger, die Steigungen auch. Der Morgen ist sonnig. Gleichmäßig strampeln alle vor sich hin –jeder in seinem eigenen Rhythmus. Abgeerntete Lavendelfelder mit ein paar übrig gebliebenen blauen Blüten säumen die Radwege – die jetzt gut gekennzeichnet den richtigen Weg weisen. Kleine Dörfer mit farbigen Fensterläden ziehen vorbei. Es läuft wie von selbst – alle sind in Hochstimmung. Vielleicht ist es das besondere Licht der Provence oder die Farben der Landschaft: Sonnenblumenfelder, Olivenhaine, weiße Felsen und über allem der blaue Himmel. Die Sonne steht tief am Himmel, als vier zufriedene Radler unter den Platanen in La Tour-d’Aigues sitzen.

Hinab geht es Lourmarin entgegen – das morgendliche Gezwitscher der Vögel im Ohr. Die längste Etappe liegt vor den Frühaufstehern, die dem Tag entgegensausen. Man kann sich nicht sattsehen an den hügeligen Weinbergen, alten Olivenhainen, Pinienwäldern und Blumenfeldern. Hinter dem nächsten Hügel ein Badesee. Der Étang de la Bonde ist der größte See des Luberon-Regionalparks. Dann geht es immer weiter hinein in den provenzalischen Süden, über Lourmarin bis nach Roussillon.

Ein neuer Tag – ein neues Farbenspiel: In der Morgensonne stehen die Kreidefelsen von Roussillon in orangeroten Flammen. Das Chambre d’hôtes liegt etwas außerhalb und der freundliche Service macht den Abschied noch schwerer. Für einen zweiten Besuch in der Stadt mit den beeindruckenden Ockerbrüchen ist keine Zeit und auch Gordes, das auf einem hohen Felsplateau liegt, bleibt links liegen. Was vor allem Höhenmeter spart. Ein Besuch im Lavendelmuseum von Coustellet muss aber sein. Es duftet herb und blumig zugleich – und zwar nach dem echten Lavendel, der erst ab 800 Meter Höhe wächst. Den unverwechselbaren Duft in der Nase, radelt es sich fast wie von selbst nach L’Isle-sur-la-Sorgue. Das Städtchen ist von Kanälen durchzogen, ein Mini-Venedig für Antiquitätenfreunde. Jetzt ist es ein Katzensprung ins Gasthaus, wo das Auto wartet. Der Haus- und Hofhund Bruno ist zwar riesig, aber handzahm – kein Vergleich zu seinen knurrenden Kollegen.