Reise

Tourismus hinter Mauern

Archivartikel

Als Reiseziel ist Palästina kaum bekannt, meist wird es von Pilgern nur kurz gestreift. Vom Tourismus profitieren die Menschen bisher viel zu wenig. Das soll nun anders werden.

Einen Nachmittag hat die Reisegruppe aus Ulm für die Geburtsstadt Jesu eingeplant, wie fast alle Touristen gibt es nur ein Ziel: die Geburtskirche, erbaut als Erinnerung an die weltbewegenden Ereignisse von einst. Früher sind die Reisebusse direkt auf den Platz vor der Kirche gefahren, jetzt warten sie in einem nahe gelegenen Parkhaus, was den Bethlehem-Radius der Fremden etwas erhöht. Faten Mukarker, palästinensische Reiseleiterin, ist von ihrem israelischen Kollegen beauftragt, die Deutschen auf ihrer Stippvisite zu begleiten.

Bethlehem liegt nur wenige Kilometer von Jerusalem entfernt, aber in einer von Israel mit einer rund zehn Meter hohen Mauer abgeriegelten Welt. Touristen können die Checkpoints problemlos passieren, Palästinenser brauchen dagegen für Israel eine Einreiseerlaubnis. Und Isrealis ist von ihrer Regierung der Zugang zu den besetzten Gebieten Palästinas verboten. Für Bethlehem wird daher oft Mukarker gebucht.

Vom Parkhaus geht es die Straße unterhalb der Altstadt hoch, vorbei an den typischen sandsteinfarbenen Häusern mit kleinen Geschäften und Cafés. „Liegt Bethlehem also in Palästina? Von wem ging die Mauer aus?“, fragt eine ältere Dame verwundert. Freundlich und geduldig erklärt Mukarker die politische Lage ihres Landes, die vielen Touristen kaum bewusst ist. In den Reiseprogrammen finden sie selten Hinweise. Meist firmieren Städte wie Bethlehem oder Jericho unter der Überschrift „Israel“, obwohl sie in den palästinensischen Autonomiegebieten liegen. Viele Reiseführer ignorieren das von Deutschland als Staat nicht anerkannte Land. Erst neuere Ausgaben haben auch Palästina-Kapitel.

In der Geburtskirche hat sich vor dem Zugang zur heiligen Grotte eine lange Warteschlange gebildet. Eine Stunde anstehen, nein, das wollen die Ulmer nicht, dann lieber noch einen Kaffee, bevor der Bus wieder ruft. Mehr Zeit bleibt nicht. „Die Touristen nutzen unsere Straßen, verpesten mit ihren Bussen unsere Luft, schauen sich die Geburtskirche an, aber geben kaum Geld aus“, beklagt Faten Mukarker eines der Hauptprobleme im Tourismus: Die Besucher kommen, aber sie verweilen nicht. Ein Bummel durch den gegenüber der Geburtskirche liegenden arabischen Souk mit seinen engen Gassen, ein Besuch der Hirtenfelder oder gar eine Übernachtung sieht das Programm der Ulmer wie das der meisten Touristen nicht vor. So zählt Bethlehem zwar zwei Millionen Besucher jährlich, doch von deren Geld bleibt bei den Einheimischen wenig hängen.

Auf dem Berg der Versuchung in Jericho ist an diesem Frühlingstag dagegen kaum was los. Eine moderne Seilbahn, von Schweizern erbaut, bringt ein paar arabische Familien und Fremde zu dem Kloster hinauf, das sich wie ein Adlernest an die Felsen schmiegt. In einem kleinen Raum hinter der Kapelle der orthodoxen Mönche befindet sich der Stein, auf dem Jesu gesessen haben könnte, als er vom Teufel versucht wurde – eine weitere der vielen christlichen Pilgerstätten in Palästina, geschützt mit Glas wie ein kostbarer Schatz. Davor drängt sich niemand, Jericho steht wie auch Sebastia mit dem Grab Johannes des Täufers, das St. Georgskloster oder das Grab der Patriarchen in Hebron selten auf der Agenda einer Pilgerreise. Was der Mönch wohl kaum bedauert, der die Handvoll Gäste zur Eile mahnt, weil die Besuchszeit zu Ende sei. Dann kehrt wieder Stille ein in dem Gemäuer dieser Wüstenstadt, die 250 Meter unter dem Meeresspiegel liegt. Ihr Zentrum ist eine Enttäuschung: Reklametafeln und hässliche Neubauten dominieren, man fährt besser raus ins weite Jordantal oder ans Tote Meer.

Pilgerorte sind längst nicht mehr die einzige Attraktion Palästinas. Auch Aktivurlauber und Backpacker können jede Menge erleben: Es gibt Fahrrad- und Trekkingtouren entlang des 330 Kilometer langen Abrahamsfernwanderwegs, Spaziergänge auf Sufipfaden bei Ramallah oder kulinarische Entdeckertouren. Mit solchen Angeboten hoffen die örtlichen Touristiker auf weiteres Wachstum. Schließlich bescheinigte die Welttourismusorganisation Palästina großes Potenzial. Um 58 Prozent sind die Besucherzahlen 2017 gestiegen, was das Land an die Spitze der am schnellsten wachsenden Reiseziele weltweit katapultierte.

Doch als Reiseland haben es bisher nur wenige Veranstalter und kaum Urlauber auf dem Schirm. „Kann man da überhaupt hinreisen?“, ist eine oft gehörte Frage. Man kann: Das Westjordanland ist für Touristen nicht weniger sicher oder unsicher als jedes andere Ziel auf der Welt. „Wichtig ist eine gute Vorbereitung, am besten mit einem professionellen Partner vor Ort“, betont Sebastian Plötzgen, der im Rahmen einer deutsch-palästinensischen Entwicklungskooperation den Tourismus ankurbeln will und dort lebt. Palästina dürfe nicht nur Anhängsel einer Israel-Reise sein, „dafür ist das Land zu vielfältig und schön“, findet Plötzgen. Das bekannt zu machen, ist ein Ziel der Tourismusinitiative. Immerhin: In Bethlehem gibt es schon eine richtige Touristinformation samt Online-Auftritt (www.visitpalestine.ps).

Bei allen Bemühungen bleibt ein Hindernis für einen aufblühenden Tourismus aber Israel, das mit seiner Politik viele Entwicklungen behindert. So haben von 150 palästinensischen Reiseleitern nur noch 25 die Erlaubnis, auch in Israel zu führen. Zudem erschwert die Zersplitterung des Landes neue Tourismusprojekte, weil für diese nur die autonomen Gebiete infrage kommen, die lediglich 18 Prozent des Westjordanlandes ausmachen.

Die Menschen – jeder vierte Palästinenser ist ohne Arbeit – hoffen trotzdem auf einen wachsenden Tourismus, der für viele die dringend benötigte wirtschaftliche Perspektive eröffnen könnte. Nicht nur das: Jeder ausländische Besucher könnte auch ein Botschafter für die Forderung nach einem Ende der israelischen Besatzung sein.