Reise

Trank aus dem Vulkan

Santorin hat zwei Seiten. Die postkartenschöne mit weißen Häusern und blauen Kuppeln, und die wilde abseits des Touristentrubels. Hier liefern die wohl ältesten Reben der Welt winzige, aromatische Trauben. Griechischer Wein ist auf der Kykladen-Insel ein echter Hit.

Am Abend, wenn einen die Fassaden mit ihrem strahlenden Weiß nicht mehr blenden, sondern in warmem Gelbgold schimmern, versinkt der rote Feuerball in der Ägäis. Höhenmeter um Höhenmeter frisst sich dann der Applaus nach oben, als sei er ein von der Brise angefachtes Buschfeuer. Erst klatschen die Passagiere des Segelschiffs im Hafen, dann die Pärchen auf der Mauer des Kastells von Argyri. Dann sind die Cocktailtrinker auf den Terrassen der Restaurants an der Reihe, zum Schluss die Fastzuspätgekommenen unter den zwei Windmühlen.

Sonnenuntergang auf Santorin: In Oia, dem schönsten Dorf der Insel, ist das kein stilles Ereignis für Romantiker, sondern ein Spektakel für die Massen. Abend für Abend läuft das so, den ganzen endlosen Mittelmeersommer lang. Und wer meint, es könne ja gar nicht enger und voller zugehen in den Gassen, der muss nur mal zur Mittagszeit kommen. Dann drücken sich noch mehr Menschen aneinander vorbei und fahren sich mit klackernden Rollkoffern gegenseitig über die Füße. Außerdem sind dann ständig Gruppen unterwegs, ausgespuckt von den ankernden Kreuzfahrtschiffen.

Die Leute nehmen den Andrang gelassen. Wer es ruhiger will, kommt im Herbst. Sowieso ist das hier kein Platz für schlechte Laune. Oia, Imverovigli, Firostefani oder Fira: Die Dörfer im Norden der Kykladen-Insel sind auch in der Realität so hübsch wie auf den Postkarten. Als seien es Schwalbennester, kleben die weißen Häuschen am steilen Kraterrand. Die Kirchen mit den blauen Kuppeln und kleinen Glockentürmen thronen so perfekt über dem Meer, dass sie jeden Tag aufs Neue verzaubern. Aber es gibt noch eine andere Seite von Santorin: den wilden Part, abseits des Trubels. Man muss nur genau hinschauen.

Rote Steine, weiße Steine, schwarze Steine

Auch dann ist es Liebe, allerdings erst auf den zweiten Blick. Auf den ersten Blick sieht man als Laie nur die von Steinmauern begrenzten Felder, auf denen sich kleine Büsche vor dem Wind wegducken. Statt fruchtbarer Erde bieten die winzigen Parzellen rechts und links der Straße vielerorts nur blanken Fels. Rote Steine, schwarze Steine, weiße Steine: Billionen von ihnen wurden um das Jahr 1600 vor Christus durch einen Vulkanausbruch in die Luft geschleudert und zerstörten als glühender Feuerregen alles Leben auf der Insel.

In Akrotiri, im ländlicheren und entspannten Südwesten von Santorin, graben Archäologen deswegen heute die Hinterlassenschaften einer historischen Stadt aus, die damals verschüttet wurde – ein griechisches Pompeji. Mosaike und Amphoren lassen den Schluss zu, dass man vor 3700 Jahren gerne Wein trank. Heute ist das wieder so: Experten rühmen Santorins trockenen Weißwein Assyrtiko als ein Produkt von Weltklasse, auch der aus überreifen Trauben gekelterte Süßwein Vinsanto wird gelobt. Doch wo sind eigentlich die Reben? Vangelis Alefragis, 62 Jahre, fester Händedruck, großes Herz, hütet einen Schatz: Es sind die unscheinbaren Büsche, die sich bei genauerem Hinsehen als knorrige Weinreben entpuppen. Anders als in Deutschland ranken sich die Triebe nicht entlang eines Gerüsts, sondern gedeihen am Boden. „Wir flechten sie von Hand in eine runde Form: Nach vielen Jahrzehnten sieht das dann aus wie ein Korb.“ Warum der Aufwand? „Die Trauben wachsen dann nach innen und sind so vor der Sonne und dem Wind geschützt.“

Wer die Blätter beiseiteschiebt, sieht die Ernte – winzige, schrumpelige Trauben, mal hellgrün und mal rostbraun. Nur eineinhalb Tonnen Assyrtiko-Trauben erntet Vangelis auf dem knappen Hektar, alles in mühsamer Handarbeit. Der Ertrag ist minimal. Doch seine Reben und die seiner Nachbarn haben einen unschätzbaren Wert – sie sind uralt.

Traditionelle Gerichte mit modernem Twist

„Ende des 19. Jahrhunderts wütete fast überall in Europa die Reblaus. Deswegen mussten neue Wurzelstöcke gepflanzt werden. Santorin blieb von der Plage verschont“, erklärt Nikos Varvarigos, Kellermeister der Kooperative Santo Wines. Deswegen wachsen auf Santorin überall Reben, die viele Hundert Jahre alt und perfekt an ihr Terroir angepasst sind - es sind in der Fläche die ältesten Weinberge der Welt. Während man in anderen Weinanbauregionen bereits bei über 40 Jahre alten Pflanzen von „Alten Reben“ spricht und ihre Qualitäten beschwört, gilt das auf Santorin noch als Teenager-Alter.

Wie viele Männer keltert Vangelis Alefragis seinen eigenen Wein, liefert den Rest der Ernte aber bei Nikos Varvarigos ab. 1200 Mitglieder hat die Kooperative, die Rebfläche beträgt gerade einmal 1300 Hektar. Früher waren es mehr. Doch es lief wie mit den anderen Spezialitäten der Insel – Kapern, weißen Auberginen, Cherrytomaten und Fava-Erbsen: Der Anbau lohnte sich nicht mehr. Was sich inzwischen geändert hat: Köche wie der gefeierte Panos Tsikas vom Restaurant Selene servieren die traditionellen Gerichte der Insel nun mit modernem Twist. Und Weinliebhaber in aller Welt dürsten nach dem Assyrtiko von der Insel. Es gibt ihn beim gefeierten Bio-Produzenten Hatzidakis im kühlen Reifekeller, bei Venetsanos mit weitem Blick aufs Meer oder bei Gaia Wines im Osten der Insel am Kieselstrand. Dort versenken sie die Flaschen als Experiment sogar im Meer, um den edlen Trunk reifen zu lassen – an einer geheimen Stelle, versteht sich. Ohnehin schmeckt er im Glas manchmal regelrecht salzig, als habe man einen Tropfen Mittelmeer im Glas. Mineralisch, erdig-herb, vulkanisch sind Duft und Geschmack. Auch florale Noten lassen sich erschnuppern, Zitrus-Aromen herausschmecken. Die natürliche Säure ermöglicht es, den Wein jahrelang aufzubewahren - er wird immer besser. „Für uns ist Assyrtiko, was Albariño für Portugal, Riesling für Deutschland und Grüner Veltliner für Österreich ist“, sagt Ioanna Vamvakouri. Nach Stationen bei den Weingütern Boutari und Venetsanos keltert die erfahrene Winzerin nun Wein für ihr eigenes Label Mikra Thira. Den Schlagersänger Udo Jürgens kennen sie und ihre Kollegen nicht. Aber wer an der Quelle probiert, muss dem Barden zustimmen: Auf Santorin ist griechischer Wein tatsächlich ein echter Hit.