Reise

Traumblick über die Ägäis

Wer Griechenland ruhiger, ursprünglicher und traditioneller erleben möchte, wird im Norden der Insel Karpathos fündig. Dort tragen viele Frauen noch die typischen Trachten. Und bei Wanderungen durch die Felsgebirgslandschaften entdeckt man Tiere und Pflanzen, die es nirgendwo anders gibt.

Ihr macht keine Ziege etwas vor. Sofia mag zwar Mitte 60 sein. Doch zu ihrer traditionellen Kleidung trägt sie moderne Sneaker, mit denen sie flink ist. Und wenn nötig, meckert sie resolut zurück, während sie sich aus ihrer Herde ein Tier nach dem anderen greift. Hat sie eins geschnappt, hält sie die Ziege zum Melken zwischen ihren Beinen fest – bis der Eimer voll ist.

Rund 200 Tiere hält sie mit ihrer Tochter Evgenia, mit der sie die Milch zu Butter, Rahm und Käse nach traditionellem Rezept verarbeitet. Alles ist dabei im Grunde wie damals, als sie als einziges Mädchen unter neun Brüdern aufwuchs und von ihrem Vater alles über die Arbeit mit den Ziegen lernte. Touristen waren auf der Insel Karpathos, neben Rhodos der zweitgrößten der Dodekanes-Inselgruppe, eine Seltenheit.

Fernab von Hotelanlagen

Beim Frühstück erinnert sich Sofia, wie im lange isolierten Bergdorf Olympos die ersten Urlauber auftauchten. Die Anreise per Boot und zu Fuß war beschwerlich. Erst vor ein paar Jahren wurde eine Asphaltstraße aus dem Süden durch die Berge gebaut – und doch landet man im Norden von Karpathos nach wie vor in einem Griechenland jenseits größerer Hotelansammlungen.

Dass vieles wie damals ist, manches aber auch nicht, sieht man im Bergdorf Olympos. Vor einigen Restaurants hängen Tafeln mit ausgeblassten Fotos der angebotenen Gerichte, was an Touristenfallen erinnert. Und in den Geschäften vermischt sich überflüssiger Erinnerungsnippes mit einheimischem Kunsthandwerk. Trotz allem hat sich Olympos seinen Charme bewahrt: Durch die verschlungenen Gässchen mit kleinen Kirchen, mehr als 70 Windmühlen(ruinen) und zahlreichen Tavernen – auf der Meeresseite mit dem weiten Traumblick über die tiefblaue Ägäis.

Bekannt sind die Frauen von Olympos. Schlendert man durch die Hauptgasse, stehen sie in ihren Restaurants oder Souvenirlädchen, grüßen, zeigen ihre Kunsthandwerksfähigkeiten, erzählen ein bisschen. Die meisten tragen die typische Tracht aus Bluse, bunt gemustertem Gürtel und passender Schürze, sowie dem Mandili-Kopftuch.

Auch Evangelia Agapiou hat eigene Vorstellungen für den Tourismus im Norden. Sie ist 29 Jahre alt, hat Geografie studiert und sieht die Stärke dieser Gegend im Ökotourismus: Das Leben, die Traditionen und die Geschichte kennenlernen, die Natur erkunden und Tiere beobachten – Vögel vor allem, am besten in Avlona, einem Dorf in einer Ebene, wo seit der Antike die Felder bestellt werden und bis heute Weizen, Favabohnen und Kichererbsen wachsen. „Karpathos ist ein wichtiger Stopp für Zugvögel“, erklärt sie, als sie dort im Garten etwas Knoblauch für die bevorstehende Kochstunde holt.

Kurze Zeit später, im Haus ihres Vaters bei Olympos, wird gekocht: Evangelia lässt den zerkleinerten Oktopus in Essig und Öl köcheln. Und sie frittiert Artischocken mit Anis und viel frischem Knoblauch. Die Spezialität der Insel aber sind Makarounes, kleine Spätzle-Nudeln – und Evangelia demonstriert, wie sie frisch gemacht werden. Das Entscheidende ist der letzte Kniff: Während man die Teigstückchen unter den Fingern rollt, muss man sie im richtigen Moment eindrücken. Das Menü an diesem Abend ist zwar üppig. Glücklicherweise gibt es aber genug Wanderungen, um die Portionen abzuwandern: am nächsten Morgen etwa nach Vroukounda.

Weltweit einzigartiger Frosch

Vom Dorf Avlona aus führt Evangelia über Jahrtausende alte Stufen hinunter bis zum Meer, wo nicht nur die letzten Ruinen einer antiken Stadt stehen. Kaum sichtbar führt am Ende des Weges auch eine Treppe in die Höhlenkirche Agios Jiannis.

Eine andere Wanderung führt zum Karpathos-Wasserfrosch – eine Spezies, die es so nirgendwo anders auf der Welt gibt. Um die 100 von ihnen sollen in dem trockenen Flussbett leben. Prächtige Oleanderbüsche sind darin in die Höhe gewachsen. Die Wasserstellen sind kaum größer als Regenpfützen, in denen von den Fröschen keine Spur ist. Immerhin: Kaulquappen schwimmen darin – die Zukunft der nächsten Generation scheint gesichert. Pflanzen, die es nur auf Karpathos gibt, wachsen deutlich mehr. Mit denen kennt sich Minas Agapiou bestens aus. Dabei ist er keinesfalls Biologe, sondern ein Handwerker. Nun aber kommt er als Guide mit nach Saria, auf die nahe Nachbarinsel weiter im Norden, die man nur über das Wasser erreicht. Auf dem Weg dahin steuert Kapitän Georgios sein Boot die karge Küste mit den hohen Klippen entlang. Er passiert die belagerte Möweninsel Amoudi. Nach zwei Stunden geht er in einer Bucht vor Anker. Der Strand, das klare Wasser, das lädt zum Bleiben ein. Doch es wird gewandert!

Das Ziel ist die Kirche Agios Zaccarias, oben auf dem Berg. Immer wieder zeigt Minas besondere Pflanzen und Blumen. „Mit 40 hat mich das Pflanzenfieber gepackt“, sagt er. Tausend Seiten hat sein Buch über die Inselflora. „Eine Seite über jede Pflanze, die hier wächst“, erzählt er, bevor es zurückgeht und Georgios wieder aufbricht in die Zivilisation.