Reise

Trödeln mit Mark Twain

Archivartikel

Auf Mark Twains Spuren nach Weggis zu reisen, ist eine reizvolle Art, den Vierwaldstätter See zu erkunden. Nur nachmachen sollte man dem US-Schriftsteller nicht alles, sonst geschehen seltsame Dinge.

Die Scheinwerferstrahlen der Nachmittagssonne pudern pink- und bernsteinfarbene Streifen auf die leuchtende Leinwand des Himmels. Darunter schillert Wasser im schönsten Südseeblau, und am Ufer wedeln Palmen im warmen Wind. Die Karibik? Keinesfalls, und auch nicht die Côte d’Azur. Weggis heißt der kleine Ort zu Füßen des Rigi-Berges am Vierwaldstätter See, der mit dem Schiff von Luzern in einer Dreiviertelstunde zu erreichen ist.

Die Region um Weggis wird auch als Riviera der Zentralschweiz bezeichnet, denn die Südwand des Felsmassivs reflektiert die Sonnenwärme so stark, dass ein mildes Mikroklima entsteht. Feigen, Weintrauben und Edelkastanien reifen hier, und begeisterte Botaniker haben mehr als 30 Orchideenarten gezählt. Einer, der diesem so verschwenderisch mit Schönheit ausgestatteten Ort nicht widerstehen konnte, war Mark Twain. 1878 und 1897 weilte der amerikanische Schriftsteller dort mehrere Wochen.

Um seine humorvoll geschilderten Schweiz-Erlebnisse im Buch „Bummel durch Europa“ zu lesen, gibt es in Weggis keine bessere Stelle als Mark Twains eigenen Lieblingsplatz. Der findet sich am oberen Endes des Dorfes auf einem kleinen Landvorsprung, dem Bühlegg. Dort hat Twain direkt am Ufer unter einem großen Eichenbaum gesessen und seine Gedanken als Treibgut über den See geschickt. „Sonntag im Himmel ist lärmig, verglichen mit dieser Ruhe“, schwärmte er von diesem skandinavisch anmutenden Landstrich. Beim Bühlegg hat sich der Vierwaldstätter See nämlich als Fjord verkleidet, der weit ins Festland hineingreift, und so mischen sich hier mediterrane Leichtigkeit und nordische Klarheit.

Wie seine Eiche existieren auch die von Twain bewohnten Gebäude nicht mehr. Beinahe ganz so erhalten geblieben wie zur Zeit des Schriftstellers sind hingegen die alten Wanderwege auf die Rigi – einer der wenigen Schweizer Berge, der nicht ruft. Das hat er nämlich gar nicht nötig. Er bittet höchstens zur Audienz. Nicht umsonst wird die Rigi „Königin der Berge“ genannt. Ein Name, der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts Neugier und Reiselust entfachte, dabei ist die Rigi eine elitäre Einzelgängerin und ein Zwerg noch dazu. Keine anderen Berge haben sich zu ihr gesellt, und an die 1800-Meter-Marke reicht sie gerade so heran. Doch von Rigi Kulm, ihrem höchsten Gipfel, lässt sich fast alles sehen, was in der Schweizer Bergwelt Rang und Namen hat, auch Eiger, Mönch und Jungfrau. Zum Who’s who der Rigi-Besucher gehören Goethe, Victor Hugo, Leo Tolstoi und Richard Wagner.

Die britische Queen Victoria ließ sich mit der Sänfte hinauftragen, obwohl sie das Felsmassiv auch mit der ersten Bergbahn Europas hätte erklimmen können. Die hatte im Jahr 1871 ihren Betrieb aufgenommen und die Karriere der Rigi als beliebtester Ausflugsberg der Schweiz weiter befördert. Mark Twain zog es jedoch vor, den Aufstieg aus eigener Kraft zu meistern, um sich mit dem berühmten Schauspiel des Sonnenaufgangs am Rigi Kulm für die Mühen zu belohnen. Statt der knapp drei Stunden, die ihm sein Reisehandbuch angegeben hatte, brauchte er allerdings ganze drei Tage, um den Gipfel zu erreichen. Er hatte arges Wanderpech, muss aber auch ein ziemlicher Trödler gewesen sein. Der engagierte Bergführer erkundigte sich jedenfalls schon bald genervt, ob man ihn „nach dem Tarif oder fürs Jahr mieten“ wollte, und bot sich an, eigens für den Gast ein neues Hotel auf dem Gipfel errichten zu lassen und dafür zu sorgen, „dass Maler- und Gipserarbeit trocken wären“, bis dieser einträfe.

Die Wanderroute des Autors wurde 2010 Mark-Twain-Themenweg getauft. Dieser beginnt am See, genau unter dem Urenkel seiner Lieblingseiche, und führt zwölf kurvenreiche Kilometer lang bis zum Gipfel. „Es war ein wogendes Chaos riesiger Bergmassen, die Spitzen geschmückt mit unvergänglichem Schnee und umflutet von der goldenen Pracht des zitternden Lichtes“, begeisterte sich Twain, im festen Glauben, gerade einen der legendären Sonnenaufgänge auf Rigi Kulm zu erleben, bis er sich über einen eigenartigen Stillstand wunderte: „Mit diesem Sonnenaufgang scheint es einen Haken zu haben. Er will nicht recht gehen.“ Tatsächlich stimmte da etwas nicht. Erschöpft von den Wanderstrapazen, hatte Twain drei Sonnenaufgänge verschlafen.

Am Morgen des vierten Tages war er rechtzeitig erwacht, doch so orientierungslos, dass er im Hotelzimmer blieb, um sich von dort die ersten Strahlen anzuschauen. Leider lag sein Fenster gen Westen. Der Moment der peinlichen Erkenntnis könnte für Twain Anlass gewesen sein, die eigene Spezies neu zu definieren: „Mensch – das einzige Lebewesen, das erröten kann, aber auch das einzige, das Grund dazu hat.“