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Turteln mit Turtles

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El Salvador, das kleinste Land Zentralamerikas, rettet Meeresschildkröten. Wer will, kann dabei helfen: in der Jiquilisco-Bucht mit Wissenschaftlern auf Kontrolltour.

Die ersten Morgenstunden sind vorbei. Den meisten Vögeln ist es zum Singen schon zu heiß. Nur die Insekten stört die Hitze nicht. Wie ein unsichtbarer Nebel wabert ihr milliardenfaches Summen durch die Tropenluft im Südosten von El Salvador. In der Lodge am Segelhafen klappern Kaffeetassen. Für ein langes Frühstück bleibt heute leider keine Zeit. Die Tierärztin Melissa Valle, Biologe Aldo Sánchez und ihr Team gehen für die Artenschutzinitiative Icapo auf tägliche Kontrollfahrt zu den Meeresschildkröten. Sie beobachten und zählen die Tiere, schauen, ob sie sich normal bewegen, und dass keine Wilderer unterwegs sind. Probehalber fangen sie zwei, drei Exemplare, um sie medizinisch zu untersuchen, zu messen und zu wiegen.

„Treffen wir dabei alte Bekannte, die früher gecheckt und markiert wurden, erfahren wir durch den Datenvergleich beispielsweise, wie schnell die Schildkröten wachsen, wie groß ihr Lebensraum ist und wie sie auf Umweltveränderungen reagieren“, erzählt Melissa. Gäste des Hotels dürfen die Forscher begleiten.

Der Palmenwuchs zu beiden Ufern des Kanals wird dünner und geht allmählich über in Mangrovenwald. Er ist der ausgedehnteste des Landes, das ungefähr so groß wie Hessen ist. Als einziges in Zentralamerika hat es keinen direkten Zugang zur Karibik, dem tropischen Teil des Atlantiks. Dafür grenzt der Süden auf kompletter Landesbreite an den Pazifik.

Der schmale Wasserlauf verbreitert sich zu einer Fläche wie ein See, gespickt mit Miniinseln. Das kleine Forscherboot hat die Bahía de Jiquilisco erreicht. „Die Bucht ist einer der zwei Hauptnistplätze Echter Karettschildkröten im Ostpazifik“, erklärt Aldo (23). Früher massenhaft in allen Weltmeeren zu finden, stehen inzwischen alle Arten von Meeresschildkröten auf der Roten Liste. Die Hauptursachen dafür seien Klimawandel, Plastikmüll und Wilderei, so der junge Wissenschaftler.

„Da ist eine!“, ruft das Crewmitglied Reynaldo Garcia und stürzt sich kopfüber in die Fluten. Sein Kollege Boanerges Sánchez folgt ihm. Nach wenigen Schwimmzügen haben sie die große Grüne Meeresschildkröte eingeholt, packen sie geschickt am Panzer und hieven sie an Bord. Um sie vor der unbarmherzigen Sonne zu schützen, legen ihr die Männer einen nassen Lappen auf den Kopf und begießen sie immer wieder mit Wasser. Zwei ihrer Artgenossen werden auf gleiche Weise aus der Bucht ins Boot befördert, während der Steuermann Kurs auf eine Sandbank in der Nähe nimmt.

Noch immer landen Schildkröten im Kochtopf

Nach dem Ankern werden alle drei gepanzerten Probanden vorsichtig und rasch an Land getragen, gemessen, gewogen und fotografiert. Die vier Gäste aus der Lodge dürfen dabei helfen. Nur nicht so viel tätscheln! Denn um die Tiere nicht unnötig zu strapazieren, muss alles ruck, zuck gehen. Zur Wiedererkennung zwickt Melissa zuletzt jedem eine Nummer in die linke Vorderflosse, dann geht es zurück ins Wasser.

„Ihre Schönheit wird den Schildkröten immer wieder zum Verhängnis“, weiß die 29-Jährige. Trotz strenger Strafen töte man sie, um ihre begehrten, hübsch gemusterten Panzer zu teurem Schmuck und Kitsch zu verarbeiten. Viele landen nach wie vor im Kochtopf - ebenso wie ihre Eier, von denen das Dutzend gerade einmal sieben Dollar auf dem Schwarzmarkt kostet. Nicht zuletzt dank Organisationen wie der Icapo ging die Wilderei zurück. „Wer mit Naturschutz Geld verdienen kann, missbraucht die Tiere nicht für illegale Geschäfte“, glaubt Aldo Sánchez. Ehemalige Eierdiebe bewähren sich nun als engagierte Helfer.

Nach dem Ende des Bürgerkrieges, der das Land seit 1980 in Angst und Schrecken hielt, sowie der Auflösung der Rebellenarmee Anfang der 1990er Jahre stand El Salvador vor einem Neuanfang. Bis heute hat sich viel getan in dem Land, das wirtschaftlich vor allem von den USA abhängt. Doch immer noch gehören Armut und Gewalt, soziale Probleme und Arbeitslosigkeit zum Alltag. Vielerorts zwischen Küste und Gebirgen verspricht der Fremdenverkehr neue Chancen für die Zukunft.

Die Hacienda La Carrera an der Jiquilisco-Bucht hat sich für sanften Tourismus entschieden. In erster Linie wird hier umweltfreundliche Landwirtschaft betrieben. Das ist keine Seltenheit in El Salvador, wo gesundheitsschädigende Chemikalien wie Glyphosat, Endosulfan und Paraquat sowie viele weitere strikt verboten sind. Damit ist das kleine Land in Zentralamerika neben den Bermudas und Sri Lanka eines von weltweit nur drei mit einem solchen Gesetz.

Neben Agrarprodukten wie Kakao, Kaffee, Bananen, Mais und Zuckerrohr lebt die idyllisch gelegene Farm von einer Lodge. Wer hier Urlaub macht, profitiert sowohl von der Umgebung mit viel Wald und Wasser als auch von der Nähe zu Gärten und Plantagen.

„Es gibt immer erntefrische Produkte und jede Menge zu erleben“, sagt Elena Rivera, die Gäste von der Puerto Barillas Lodge über die Hacienda führt. Besonders die Erzeugung von Kakao sorge bei Kindern aus der Stadt immer wieder für Erstaunen.

„Nicht wenige von ihnen glauben, dass die Schokolade an den Bäumen wachse“, berichtet die Frau mit den schwarzen Haaren und leuchtend dunklen Augen. In El Salvador kann man einiges lernen.

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