Reise

Über Stock und Stein

In Schweden gibt es viel Natur für wenige Menschen. In Bohuslän kann man auf Felsen, die vom Gletscher geformt wurden, sonnenbaden und jede Menge Steinpilze finden.

Der Ausflug ins Badeglück wird jäh unterbrochen. Erst kreuzt eine Kuh gemächlichen Schritts den Feldweg, Sekunden später stoppt eine Rotkappe am Rande eines Wäldchens das Auto erneut. „Mama, da ist ein großer Pilz“, ruft der Nachwuchs vom Rücksitz. Also: rechts ran fahren, rein in den Hain aus Buchen, Birken, Espen und Kiefern. Nur wenige Meter vom Straßenrand findet sich binnen Sekunden ein Grüppchen junger Steinpilze, keinen Steinwurf entfernt warten weitere knackige Rotkappen. Während sich zu Hause die Pilzsammler gegenseitig auf die Füße treten, existiert in Westschweden viel Natur für wenig Mensch. Nach 15 Minuten Pilzexkursion geht es dann aber weiter zum Strand. Der letztmögliche Parkplatz steht am Eingang des Ramsvik-Naturreservats, selbst hier wachsen jede Menge Karl Johan, wie der Steinpilz auf Schwedisch heißt. Doch ab jetzt ist Sammeln tabu. Fünf Gehminuten später eröffnet sich ein Postkarten-Panorama aus drei roten Holzhäusern und einer Schärenlandschaft: die Bucht des alten Fischerdorfs Fykan mit ihrem von Gletschern geschliffenen Granit. Das rötliche Gestein heißt „Bohus“, daraus leitet sich der Name Bohuslän („län“ = Provinz) ab. Abseits des Häusertrios folgt dann endlich der Sprung ins Meer. Danach lässt man sich auf den sonnenwarmen Steinen trocknen.

Die historische Provinz Bohuslän begeistert ab Mitte August nicht nur Pilzsammler, es ist die perfekte Zeit, um dort seine Wander- und Badeferien zu verbringen. Die Temperaturen schwanken zwischen 23 und 27 Grad Celsius. Als Startpunkt für Westschweden eignet sich Göteborg, die zweitgrößte schwedische Stadt gehört noch zur Nachbarprovinz Västergötland.

Spannend für Familien ist das Universeum, ein naturwissenschaftliches Museum mit eigenem Terrarium samt Königskobra und einem Indoor-Regenwald, den man durch eine Türschleuse betritt. Ebenso der Vergnügungspark Liseberg: Er liegt mitten im Zentrum und gehört den Göteborgern selbst. Nervenkitzel bietet etwa der 2018 eröffnete Dive-Coaster Valkyria, der mit 100 Kilometern pro Stunde fast 50 Meter senkrecht in die Tiefe stürzt.

Die Kombination zwei Tage Göteborg plus eine Woche Land erweist sich als ideale Mischung zwischen Kultur und Natur. Bereits Minuten nach der Ankunft auf dem Campingplatz Ramsvik widmet sich Tim mit großer Begeisterung dem Krabbenangeln. Ausgerüstet ist er mit Eimer, Kescher und einer Mini-Angel, an deren Schnurr als Köder Shrimps hängen. Abgepacktes Gulasch aus dem Supermarkt tut’s aber auch. Das Besondere: Die Krabben werden später wieder ins Meer entlassen – meistens.

Ein schwedischer Vater mit Sohn hat mit besagtem Gulasch eine rote Riesenkrabbe geangelt. „Wir werden diese heute Abend kochen“, verrät der Vater samt Zubereitungstipp: einfach in kochendes Salzwasser etwas frischen Dill geben und dann die lebendige Krabbe hineinwerfen. Tim will das jetzt nicht allzu genau wissen und geht dazu über, seine kleinen schwarzen Krabben nur noch einzeln im Eimer zu halten: „Mama, sonst kämpfen die miteinander und verletzen sich.“

Abenteuerlich ist die kleine Wanderung zum Grab des norwegischen Königs Tryggve Olafsson auf der Insel Tryggö, nicht weit von Smögen: Vom Autoparkplatz in Nötö geht es teils über einen Trampelpfad, teils querfeldein über die Felsenlandschaft bis zum Meer. Die vielleicht 30 Meter breite, flache Bucht muss man zu Fuß queren, je nach Gezeiten und Größe reicht das Meer bis zum Knöchel oder Knie. Nun folgt man einem grün mit „Röset“ (schwedisch für „Steinhaufen“) markierten Weg. Vorbei an einem Bauernhof führt der Weg auch über Geröllhalden à la Felsenmeer. Schuhe mit Profilsohle schaden nicht.

Wie kommt aber ein norwegischer Wikingerkönig zu einem Grab in Schweden? Die Antwort: Schweden existierte vor über 1000 Jahren noch gar nicht. Bohuslän gehörte damals zu einer norwegischen Provinz namens Viken. Sie umfasste die Region um den Oslofjord, aber auch heutige Teile Schwedens. Einer Legende nach lockte ein Halbbruder Tryggve in einen Hinterhalt und ermordete ihn. Tryggves Frau floh mit ihren Kindern nach Osteuropa. Trotzdem schaffte es Tryggves Sohn, Olav Tryggvason, später König zu werden und Norwegen zu einem großen Königreich zu einen.

Für schwedische Verhältnisse ist es warm

Weiter nördlich bei Strömstad wirkt Schweden bereits sehr norwegisch, allerdings zu schwedischen Preisen. Strömstad liegt an der Grenze zu Norwegen und nur 130 Kilometer von Oslo entfernt. Wer Schweden immer noch als Hochpreisferienland im Kopf speichert, dem sei gesagt: Nie war Schweden so günstig wie jetzt – Alkohol natürlich ausgenommen. Der Euro-SEK-Kurs nähert sich 1 : 11, das heißt für einen Euro gibt es fast elf schwedische Kronen. Mitte August sind zudem die meisten Familien abgereist, die schwedischen Kinder nach zehn (!) Wochen Sommerferien wieder in der Schule. „Es ist die beste Jahreszeit. Die Hauptsaison ist vorbei, aber das Wetter ist noch stabil“, erklärt Pelle Olausson. Dem 55-Jährigen gehört der riesige Campingplatz Lagunen im Süden Strömstads.

Der Strand ist leer, das Wasser ist mit 20 bis 22 Grad für schwedische Verhältnisse warm. Die Steinpilze und Rotkappen wachsen praktischerweise gleich auf dem Campingplatz. Wie nett, dass Lagunen-Inhaber Olausson auch noch verrät, wo: „Geh einfach da vorne den Weg hoch, links im Wald müssten welche stehen.“ Und recht hat er auch noch.