Reise

Unbekannte Wege

Archivartikel

Abwechslungsreich und eigen: Als Wanderziel ist Andorra noch ein Geheimtipp. Der Ministaat verfügt über Wege in allen Höhen und allen Schwierigkeitsgraden.

Im Naturpark Sorteny sind die Temperaturen leicht gefallen und haben die kobaltblauen Schwertlilien noch einmal zu voller Blüte gebracht. Ganze Abhänge lodern in Blau, dazwischen glüht goldgelb der Enzian, zitronengelb das Labkraut, hellgelb der Klappertopf. Blaue Kardendisteln stehen neben rosa Seidelbast und den zauberhaften Turbanen des Türkenbundes - der komplette Pyrenäen-Blumenführer ließe sich hier abarbeiten. Gelegentlich führt der Weg an Trockenmauern vorbei, die Bauern vor Jahrhunderten aufgeschichtet haben. „Neun Monate Winter, drei Monate Hölle“, fluchten Generationen über das karge Leben mit der sommerlichen Schinderei an steinigen Hängen. Kein Wunder, dass viele glückstrahlend verkauften, als Mitte des vergangenen Jahrhunderts Grund und Boden für die neu aufkommenden Skilifte gesucht wurden. Heute überziehen die Schneisen der Pisten viele Berge wie ein breit geädertes, helles Netz.

Außer „Steueroase, Skiresorts und Shoppingparadies“ weiß man im Allgemeinen wenig von Andorra. Dabei ist der größte unter Europas sechs Ministaaten reich, abwechslungsreich und eigen. Er liegt 200 Kilometer nördlich von Barcelona in den östlichen Pyrenäen, ist mit 468 Quadratkilometern etwas umfangreicher als die Hansestadt Bremen und die Berge ragen bis zu 3000 Meter hoch. 78 000 Menschen leben hier, ein knappes Drittel davon sind Andorraner. Dank Duty-free-Läden und minimaler Steuern ist Andorra nach wie vor ein Einkaufsparadies. Doch wer zum Wandern kommt, will kein geheimes Konto anlegen und keine Cohiba-Zigarren kaufen. Ihn zieht es höher hinauf, weg aus den überlaufenen Tälern, in eine Natur, die diesen Namen noch verdient. Und er wird reichlich fündig. Andorra verfügt über Wanderwege in allen Höhenlagen und Schwierigkeitsgraden. Manche führen über Naturtreppen aus Wurzeln und Gestein, vorbei an zerfallenen Bordas, den Sommeralpen, die nicht mehr genutzt werden.

Andere ziehen sich wie Wildpfade über die Hänge, und manchmal geht es auch auf Straßenstücken an Wiesen mit Kühen und Tabakfeldern entlang. Tabak wurde ab etwa 1900 im großen Stil angebaut. Heute spielt er im Wirtschaftsleben keine große Rolle mehr, steht aber für eine kuriose Regelung: Nur wer Tabak anbaut, darf auch Tabak importieren, um ihn zu verarbeiten.

Spätnachmittags enden die Wanderungen oft in kleinen, schmucken Dörfern wie Llorts oder Ordino, in denen sich die geduckten Steinhäuser eng um das Zentrum gruppieren. Gässchen führen dazwischen auf und ab, Straßen enden in Höfen, die Gebäude stehen in Beziehung zueinander. So bilden sie einen erfreulichen Kontrast zu der einschüchternden Architektur der Wintersportorte, in denen hohe Hotel- und Apartmentblöcke mit schwarzen Schieferdächern und Fassaden aus geschnittenem Naturstein die Straßen säumen.

Ein kühles Radler auf einer Terrasse beschließt dann den Nachmittag. Ein Besuch im Museumshaus Areny-Plandolit, wo eine der reichsten Familien des Landes residierte. Oder auch eine der schönen, romanischen Kirchen, die an die Zeit lange vor dem touristischen Goldrausch erinnern. Seit 1873 steht das Land offiziell unter dem Schutz der Jungfrau von Meritxell. Leider brannte die ihr gewidmete Kirche samt der Holzstatue aus dem 10. Jahrhundert im Jahr 1972 ab. Das Nachfolgegebäude des spanischen Architekten Ricard Bofill erinnert mit seinem viereckigen Turm und den Kuppeldächern ein wenig an eine weitläufige Fabrik. Mit hohen, schwarz-weißen Rundbögen, Rosettenfenstern, Trockenmauern und Spiegeln versuchte Bofill sowohl die Geschichte des Ortes als auch die Bildsprache der Natur des Landes einzufangen – womit die Anwohner lange ihre Schwierigkeiten hatten.

Ein Schmutzgeier segelt durch die Lüfte

Dann geht es hoch hinaus. Die Kurven zu den Seen von Tristaina, die sich der Bus mühsam hochquält, japste einst Jan Ulrich hoch, dem Sieg bei der Tour de France entgegen – und selbst im Sitzen gruselt es alle Nichtradler ein wenig. Baumlos, grau und grün erhebt sich der Kessel um die drei Seen, die mal wie türkise, dann wieder wie blaue Augen in den Himmel blicken. Die florale Ausstattung ist alpin: Blauer Enzian blüht in Büscheln, gelbe Flechten auf den Steinen zeugen von reiner Luft, Mauerpfeffer hat sich in Spalten angesiedelt. Hin und wieder segelt ein Schmutzgeier durch die Lüfte. Die Aasfresser baden gern in rostigem Wasser oder wälzen sich in rotem Staub und färben ihre weiße Brust ein. Aus Eitelkeit? Zur Balz? Die Natur geizt auch heute nicht mit Rätseln.

Ein wenig Klettern ist jetzt angesagt. Der Pfad weist kleine Felsrutschen auf, schräge Platten, scharfkantige Brocken, und die eine oder andere ausgesetzte Stelle sorgt bei manchem für ein Adrenalinschübchen. Aber die Wanderer sind, wie so oft in diesen Tagen, ganz allein am Hang. Das und die Sonne machen die Tour zum reinen Vergnügen. Ein Picknick an einem der 17 Seen im Bergkessel von Pessons beschließt die Wanderwoche: Spanische Chorizo, Oliven, Käse, Schinken, Tomaten und Brot werden gemeinsam auf der andorranischen Flagge angerichtet, dazu einen Becher rubinroten Wein – eine Feier ist zweifellos angebracht, wenn man gerade eines der unbekanntesten Länder Europas zu Fuß für sich entdeckt hat.

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