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Unser Zelt steht schon

Archivartikel

„Glamping“ ist ein schreckliches Modewort. Aber es ist auch die perfekte Alternative für Eltern, die eigentlich keinen Zelturlaub machen wollen. Ein Selbstversuch am Natterer See.

Conni geht zelten“ ist der Titel eines kleinen Pixi-Buches. Hauptprotagonistin ist das blond bezopfte Mädchen, das von vielen Kindern verehrt und von vielen Eltern verabscheut wird, weil hier jedes Rollenklischee gelebt wird, Conni immer gute Laune hat, die Mutter eine wunderbare Hausfrau ist, Papa den größten Keks bekommt. Conni jedenfalls geht in einer Folge mit ihrer Familie zelten.

Nach dieser Lektüre will das Kind das natürlich auch. Für Kinder bedeutet Zelten: Natur, Abenteuer, Aufregung. Und nicht: Auto packen wie beim Tetris-Spielen; Zelt aufbauen, egal ob die Sonne scheint oder ob es regnet, irgendwelche wichtigen Handwerkszeuge vergessen wurden; einfaches Essen auf dem Gaskocher und Aufsuchen von Gemeinschaftswaschräumen.

Die Lösung für das Dilemma lautet Glamping. Das Wort setzt sich aus „Glamour“ und „Camping“ zusammen. Der Linguist würde es wahrscheinlich Oxymoron nennen – ein Gegensatzpaar. Denn wie bitte schön geht denn Luxus und Camping zusammen?

Camping ist kein Billigurlaub

Angekommen am Natterer See, sieben Kilometer von Innsbruck entfernt. Das Zelt steht schon. Es hat sogar zwei Stockwerke, oben drei kleine Betten unterm Dach, unten ein Doppelbett mit sehr bequemer Matratze, dann noch ein Bad, eine Küche, einen Esstisch. Draußen auf der Terrasse Fläzmöbel und Kohlegrill. Alles da, was man braucht. Geschirr vom schwedischen Möbelriesen, vier Gasherdflächen, Dusche, Klo. Es ist rustikal eingerichtet: irgendwo zwischen Alpenchic und ein bisschen Safaritand. Es gibt hochwertige Bakelitschalter und schlichte Holzmöbel. Wir wohnen in dem Zelt namens „Lion“ – mit etwa 40 Quadratmetern das kleinste und günstigste Campingzelt.

Glamping ist im Trend, weiß Stefan Thurn, Chefredakteur vom „ADAC Campingführer“. Auch wenn er ein Problem mit dem Begriff hat. „Er ist überflüssig und ein reines Mode- und Marketingwort“, sagt der 50-Jährige. Auch in der Definition, was Glamping wirklich bedeutet, tut er sich schwer. „Es können luxuriöse oder originelle Mietunterkünfte gemeint sein wie etwa Baumhäuser, Jurten, Zirkuswagen oder eben Safarizelte.“ Thurn freut sich jedoch, wenn „Glamping“ ins Konzept eines Campingplatzes passt, dass diese Urlaubsart den Campingplatz für ganz neue Zielgruppen öffnet. Europaweit ist Camping seit Jahren im Aufwind. „Es gibt ein konstantes Wachstum, jedes Jahr von ein bis zwei Prozent“, sagt Thurn. Das Statistische Bundesamt zählte im Jahr 2017 mehr als 31 Millionen Übernachtungen auf deutschen Campingplätzen, 2001 waren es noch 21 Millionen. Thurn kennt die Gründe: „Camping gilt als naturnahe Urlaubsform und ist familienfreundlich. Von dem Trend der Lohas profitiert Camping“. Mit Lohas, was für „Lifestyles of Health and Sustainability“ steht, werden Menschen bezeichnet, die gesund und nachhaltig leben wollen. Und eine kaufkräftige Zielgruppe sind sie außerdem. „Glamping hat am Imagewandel von Camping mitgewirkt“, so Thurn. Und das Klischee der Dauercamper sei verdrängt worden.

Die Geschichte des Campingplatzes am Natterer See ist beispielhaft für die Entwicklung von Campingplätzen im Allgemeinen. Der Großvater Josef von Georg Giner hatte die Idee, auf der „sauren Wiese“ einen See auszugraben. „Der spinnt, der Jos“, sagten die Menschen im Dorf. Das war vor gut 90 Jahren. 1930 wurde dann eine Badeanstalt eröffnet, Ende der 50er Jahre kamen die ersten Camper mit Auto und Zelt, um die Sommerfrische zu genießen. Eine Urlaubsform, die neu war. Und „für Leute, die sich kein Hotel leisten konnten“, erzählt Giner (54), der 1996 die Geschäftsführung übernommen hat. Aus der Badeanstalt wurde ein Campingplatz mit Sanitärhaus, Terrassenplätzen und Stromanschlüssen. Die Urlauber kamen nicht nur mit Zelten, sondern auch mit Wohnwägen und Wohnmobilen. Die wurden immer größer, die Parzellen wuchsen mit.

Heute bietet der Campingplatz für jeden Geschmack etwas. Für den einfachen Zelter, den Wohnmobilisten, den Apartmenturlauber und eben den Glamper.

Seine 13 Glampingzelte nennt Giner eine „unique experience“, ein einzigartiges Erlebnis. Für Menschen, die bisher im Hotel übernachtet haben, ist es neu, alles selbst machen zu müssen: das Frühstück, das Bett. Für Menschen, die bisher klassisch gezeltet haben, ist Glamping ein großer Luxus. Ist das überhaupt noch Camping, wenn man nicht nachts mit Taschenlampe das Klohaus suchen muss? Wenn das Handy in der Steckdose aufgeladen wird? Man eben all den Luxus genießt, den man beim Zelten vielleicht vermisst.

„Lion“ ist ein guter Platz zum Übernachten. Aber auch einer, um auf der Terrasse dem Eichhörnchen Guten Tag zu sagen. Andere Zelte heißen „Elephant“ oder „Rhino“. Alle sind belegt, es sind ausschließlich Familien da. Sie wollte das mal ausprobieren sagt Lisa, zweifache Mutter aus Bozen. Nur die Vögel, die sie morgens hört, die stören sie. Nach einer durchwachten Nacht hat sie sich Ohrstöpsel gekauft.

Es ist eben nicht alles wie im Hotel. Die äußere Wand ist eine Plane, durch die man alles hört. Wenn dieses Zelt nicht wäre, könnte man auch in einem Hotelzimmer sein. Nur dass drum herum eben auch Camper sind. Sie bauen ihre Zelte auf, kommen mit Wohnwägen oder Hymer-Wohnmobilen, deren Preise im sechsstelligen Bereich sind.

Camping mag zwar immer noch das Image des Billigurlaubs haben, die Realität aber ist eine andere. Vor allem beim Glamping. Ein Preisbeispiel für das Zelt „Rhino“: Eine Familie mit zwei Kindern zahlt im Juni knapp 1000 Euro pro Woche, im Juli sind es gut 1500 Euro. Dazu kommen Anreise und Verpflegung. Und ohne den Luxus, dass man Essen serviert bekommt. Camping auf diesem Niveau ist inzwischen teurer als manch All-inclusive-Cluburlaub. Für den Sommer 2018 waren schon viele der Zelte neun Monate im Voraus ausgebucht.

Und wie überall auf dem Campingplatz geht es familiär zu. Man grüßt sich auf dem Weg zum Brötchenholen. Fremde Neuankömmlinge bestaunen das Zelt: „Darf ich mal reinschauen?“ Klar, wer braucht schon Privatsphäre? „Schau mal, Gertrud, hier hat es eine Küche. Und ein Bad.“ Abends sitzt man wie die anderen Familien auf der Terrasse und versucht zu grillen. Qualm kommt links herüber, der Vater fächert wild. Die Mutter fragt nach Grillanzündern. Das Einzige, was man ihr anbieten kann, ist die Tageszeitung. Die Familien haben Boxen dabei. John Lennon singt „Imagine“. Man blickt in die grüne Talaue und auf die Berge. Das ist es also, dieses Campinggefühl in der Natur. Und dann ist da noch dieser Geruch, wie ihn wohl nur Zelte haben. Das Reißverschlussgeräusch beim Schließen der „Tür“. Nachts hört man die Regentropfen auf dem Dach. Und das ist für viele wirklich eine „unique experience“.