Reise

Unter Kriegern

Archivartikel

Touristen kommen wegen der Elefanten, Löwen und Nilpferde in den kenianischen Masai-Mara-Nationalpark. Seine Bewohner, die Masai, versuchen im Spagat zwischen Kultur und Kommerz ihre Identität zu wahren.

Hardrock Masai village“ weist das schräg an ein Baumskelett genagelte Schild den Weg. Du lieber Himmel, hat die britsch-amerikanische Restaurantkette etwa mitten in der Wildnis auch schon ein Hardrock Café eingerichtet? Joel Natire lacht freundlich und schüttelt den Kopf. „Nein“, sagt der Mann vom Stamme der Masai, „unser Dorf hat seinen Namen von den Rocks“ – Riesenbrocken aus Granit, zwischen die sich die Sammlung aus Lehmhütten kuschelt.

Joel trägt ein rotes Tuch, bestickt mit Perlen und kleinen Metallspiegelchen. „Der rote Umhang ist der Pass der Masai“, sagt er. „Damit werden wir überall erkannt“. Das Nomadenvolk aus Kriegern und Hirten kam einst entlang des blauen Nils und siedelte im Norden Tansanias und in Kenia. Offizielle Zahlen sprechen von bis zu einer Million Masai in Ostafrika. Genauer weiß man es nicht, denn nicht jede Volkszählung kommt bis in die entlegenen Gebiete, in denen Masai leben. Und wer das traditionelle Leben in der Natur gegen ein nicht unbedingt besseres in der Stadt getauscht hat, erspart sich manches Vorurteil, indem er seine Herkunft verschweigt.

Hier in der Masai Mara, einem rund 1500 Quadratkilometer großen Schutzgebiet an der Grenze zu Tansania, gibt man sich selbstbewusst. „Masai trinken Blut von ihren Kühen, das gibt Kraft und Männlichkeit“, erzählt Joel. Um ein würdiger Stammesvertreter zu werden, durchlaufe der Masai drei Stadien: Nach zeremoniellen Namensgebung wächst er heran, bis er sich reif fühlt für die Beschneidung. Die meisten sind dann um die 15 Jahre, manche warten länger. Denn wer dabei heult oder auch nur mit der Wimper zuckt, bringt Schande über seine Familie. Nächste Phase ist die mehrjährige Kriegerschaft, eine Art Trainingslager für die Traditionen. Im Dorf sind die Krieger für die Sicherheit von Mensch und Tier und deren Verteidigung zuständig. Zuletzt bekommen sie ihre individuelle Tätowierung und die Gruppe erlegt einen Löwen. Letzteres ist in Kenia inzwischen verboten, doch einige Dorfbewohner prahlen noch ganz offen damit. Derart zum vollwertigen Mitglied der Masai-Gesellschaft gereift und geprüft, rasiert der Masai die Kriegerfrisur ab und beginnt, auf die neun Kälber zu sparen, die eine Frau kostet.

Simon Narasha hat zwei Frauen und sieben Kinder, doch er spart schon auf Nummer drei, denn Rinder und Kinder sind der Reichtum der Masai. Der 34-jährige führt den Willkommenstanz an, mit dem Masai Gäste begrüßen. „Wir machen das statt Händeschütteln“, sagt er. Eigentlich ist es eine Art sportlicher Wettkampf, bei dem alle singen, klatschen und um die Wette hochspringen. Im Hardrock Village bindet man dabei die Touristen ein, was der Tradition einiges von ihrer Authentizität raubt, den bleichen Büromenschen aber die Fitness der schlanken, hochwachsenen Krieger anschaulich demonstriert.

Das Ganze gibt es natürlich auch von Frauen für Frauen – schließlich sollen die Touristinnen später beim Souvenir-Shopping die Dorfkasse aufbessern. Interessanter ist die Führung durchs Dorf. Die niedrigen Hütten, die jeweils von einer Frau, ihren kleinen Kindern und manchmal deren Vater bewohnt werden, gruppieren sich um den Kuhstall, ein mit Dornbüschen eingezäuntes Rund, wo bis zu 500 Tiere die Nacht verbringen. „So leben wir schon immer und es ist gut“, sagt Joel.

Das Ferienprogramm heißt Viehhüten bei Opa

Ganz anders und trotzdem mit dem Selbstverständnis eines Masai lebt Simon Saitoti. Ihn trifft man in der nahen Sabaringo-Schule. Auch er habe eine Masai-Tracht, die er anzieht, sobald er nach Hause kommt, versichert der Mann in Hemd und Hose. Sein Zuhause ist freilich ein Haus und keine Hütte und dort warten nur drei Kinder und eine Frau, Joyce. Simon lernte sie beim Studium in Botswana kennen. „Ich habe mit vielen Traditionen gebrochen“, sagt Simon: Er heiratete eine selbst gewählte Frau, wohnt, schläft und isst mit ihr zusammen. Bei seinen Kindern verzichtete er auf das Ausreißen der Vorderzähne, was einst erfunden wurde, um den Kindern Medizin gegen Wundstarrkrampf bei zusammenkrampften Zähnen einflößen zu können.

Simons Saitotis Kinder gehen alle zur Schule. Aber in den Ferien sind sie beim Großvater William Ole und seinen drei Frauen, 22 Kindern und unzähligen Enkeln. Hier lernen sie Viehhüten und die traditionelle Masaikultur. „Manche Elemente werden verschwinden, andere ewig bleiben“, glaubt Simon. Der Dressingcode sei so ein Grundpfeiler oder die Nutzung der Kuh mit Blut, Milch und Fleisch. „Die heutigen Kids trinken zwar nicht mehr gerne Blut, aber das gehört dazu – jede Woche, frisch gezapft oder gemixt mit Milch“.

Klaglos hat Simon akzeptiert, dass sich zahlreiche seiner Brüder mit ihren Häusern, Frauen und Kindern um sein Haus herum gruppiert und ihn als Familienoberhaupt erkoren haben. „Keiner hat qualifizierte, bezahlte Arbeit außer mir und alle kommen ständig und wollen was“, seufzt er. Sie wegzuschicken, ist aber keine Option, deshalb versucht er sich in Erziehung und Motivation: „Wenn das Essen ausgeht und das Land eng wird, gewinnen Familienplanung und Schulbildung an Bedeutung.“

Die Sabaringo-Schule, die Simon als Vertreter der Stiftung African Foundation betreut, versammelt Kinder aus einem Umkreis von rund 50 Kilometern. Rund ein Drittel der 200 Schüler wohnen hier im Internat, der Rest läuft täglich kilometerweit aus den Dörfern. „Die Schule ist auch ein Zufluchtsort für Mädchen, die davonlaufen, weil sie nicht verheiratet werden wollen“, berichtet Simon. Sie werden erst einmal aufgenommen und der Ältestenrat entscheide dann, wer dableiben darf. Wo der weitere Schulbesuch vor allem ein Geldproblem ist, springt die Stiftung ein. Sie fördert auch jährlich zehn Schüler.

James Kintai Kataka war so ein Förderschüler der African Foundation. Der Masai durfte auf die höhere Schule und zum Studium nach Nairobi. Heute arbeitet er in seiner Heimat als Safariranger beim Luxuscamp-Betreiber andBeyond. Dieser unterstützt über die eigens gegründete African Foundation an allen seinen Standorten Projekte für die örtliche Bevölkerung. So wie die Sabaringo-Schule, die man gerne Besuchern zeigt. Manchmal lohnt das. Den neuen Küchentrakt mit Speisesaal, der hier gerade gebaut wird, spendierte ein Safarigast kurzerhand per 65.000-Dollar-Scheck.