Reise

Urlaub der offenen Tür

Archivartikel

Sultan Qabus ibn Said al-Said, der Anfang des Jahres gestorben ist, hat den Oman zu einem Reiseland gemacht, das zugleich konservativ und weltoffen ist. Sein Nachfolger steht vor der Aufgabe, die stabile Lage zu bewahren.

Plötzlich geht das Tor auf. Das Touristenpärchen schaut verdutzt und entschuldigt sich für seine Neugierde. Hatten die beiden doch durch einen Spalt in einen der Innenhöfe der Al-Barid-Straße in der Altstadt von Maskat gelugt. Der Mann in seiner schneeweißen und fein gebügelten Dishdasha, der die Tür von innen öffnete, ist ebenfalls überrascht, sagt dann aber: „Kommen Sie doch bitte herein. Ich zeige Ihnen gerne unsere Majlis.“ Damit ist das meist offene Wohnzimmer, oder besser der Versammlungsraum, gemeint, in dem Ernstes besprochen oder zu Heiterem gelacht wird. Die Frauen treffen sich zum Tratsch, die Männer auf eine Wasserpfeife. Und dem Pärchen wird ein frischer Tee offeriert.

Sultan Qabus ibn Said al-Said hatte vor rund 30 Jahren beschlossen, dass seine Untertanen größtmögliche Höflichkeit gegenüber Touristen an den Tag zu legen haben. Das gilt auch nach seinem Tod Anfang Januar. Der Taxifahrer antwortet, nachdem man nach dem Fahrpreis zur Großen Moschee gefragt hat: „Zehn Rial sind genug. Wenn Sie denken, das es zu viel ist, bezahlen Sie weniger.“ Im Souk zeigt einem der Textilwarenhändler den Weg zu einem Konkurrenten, nachdem der Kunde nicht ganz schlüssig ist. Es gibt kein Grapschen, kein Bedrängen, man hat den Eindruck: Selbst das hinterste, das finsterste Eck des Basars ist der sicherste Platz der Welt.

Sultan Qabus war knapp 50 Jahre an der Macht und ist der Schlüssel zum Oman. In Europa ausgebildet, erkannte der damals 24-jährige Rückkehrer, dass seine Heimat von seinem Vater im tiefsten Mittelalter gehalten wurde. 1970 putschte er gegen den Vater und wurde neuer Sultan. In der Folge öffnete sich der Oman langsam, aber stetig. Mochte sich die Welt ringsum, besonders im nahen Dubai, im Sauseschritt verändern, im Oman dauerte alles ein bisschen länger. Das ist vielleicht der Grund, warum es in der Heimat von Sindbad, dem Seefahrer, auch im 21. Jahrhundert wie in Tausendundeiner Nacht zugeht. Männer mit Krummdolch, tief verschleierte Frauen sowie Kamele, die selbstverständlich und in stoischer Ruhe die Straße überqueren. Das gibt es alles, doch in den Basaren zwischen Musandam im Norden und Salalah im Süden klingeln die Smartphones und das Internet ist nicht mehr wegzudenken.

Dieser Tage in die arabische Welt reisen? In den Oman ja! Das Land ist so etwas wie die Schweiz Arabiens. Qabus gelang es, sich aus allen großen Krisen herauszuhalten. Deshalb wartet auf seinen Cousin, den Thronfolger Haitham bin Tariq al-Said, die Herausforderung, den Oman in Zukunft so stabil und unabhängig wie möglich zu positionieren. Zu Hilfe kommt ihm, dass hier zum größten Teil Ibaditen leben, die mit dem Wahnsinn zwischen Sunniten und Schiiten nichts zu tun haben. Ibaditen erheben keinen ausschließlichen Wahrheitsanspruch, gewähren Glaubensfreiheit. Mäßigung wie Toleranz sind zwei Säulen ihrer Islam-Auslegung. Deshalb lassen sie sich nicht vor den Karren der sunnitischen Saudis oder des schiitischen Iran spannen, die um die Vormacht in der Region und um den wahren Glauben streiten. Der Oman kann es sich leisten, die Grenze zum Bürgerkriegsland Jemen offen zu lassen, wo die Saudis und Iraner einen brutalen Stellvertreterkrieg führen. Das Land hat zu keiner Nation ein feindschaftliches Verhältnis, nicht zu Saudi-Arabien, nicht zum Iran, nicht zu den USA, nicht zu Israel oder dem Jemen.

Wer nur Maskat gesehen hat, der kennt das Land nicht. Also hoch hinauf in das bis zu 3000 Meter hohe Hajar-Gebirge, dessen Gipfel wie Alpenkämme wirken, bei denen zehn Jahre der Regen ausblieb. Es gilt als ein Wunderland der Geologie, denn nirgends lässt sich ein Querschnitt durch alle Gesteinsschichten so leicht erkunden wie an dieser schroffen Kulisse. Der perfekte Platz, um das zu erleben, ist das auf 2000 Meter Höhe gelegene Mountain-Resort Anantara Al Jabal Al Akhdar. Die Aussicht auf das Hajar mit seinen Canyons, Plateaus und bizarren Felsformationen sowie die bewirtschafteten Terrassen ist atemberaubend. Das Bewässerungssystem Falaj gehört seit 2006 zum Weltkulturerbe der Menschheit. Und an manchen Stellen geht es 1000 Meter senkrecht hinab . . .

In Oasen gehören Datteln zum Bild. Und Dattelbäume prägen Nizwa, die ehemalige Hauptstadt und älteste Stadt des Landes mitten im Hajar-Gebirge. Ihr Fort mit dem mächtigen Rundturm ist unübersehbar. Keine 30 Kilometer weiter, in Bahla, ist die Enttäuschung jedoch groß: Am Weltkulturerbe Hisn Tamah, einer mächtigen omanischen Lehmfestung, sind die Türen fest verschlossen. Ein Passant bemerkt die Ratlosigkeit der Gäste und ruft: „Freitags ist die Burg schon um 11 Uhr geschlossen. Warten hat keinen Sinn. Kommt mit in mein Haus, wir trinken einen Tee zusammen.“

Rund um Salalah, 1023 Kilometer von Maskat entfernt, weicht die Wüste einem tropischen Garten mit Bananenstauden und Kokoshainen. Von Oktober bis Mai sonnen sich die Europäer an wunderbaren, endlos langen und vergleichsweise einsamen Stränden. Und von Juni bis September „kommen gerne die Omani vom Norden, die Saudis und Emirati, denn dann ist Regenzeit bei uns“, sagt James Hewitson, Direktor des Beach-Resorts Al Baleed Salalah. Sie genießen ihr Bierchen – ausgeschenkt aus einer Teekanne – und den kühlenden Nieselregen.