Reise

Fünen Auf Dänemarks drittgrößter Insel produzieren elf Weingüter Tropfen von beachtlicher Qualität

Verliebt in Solaris, Ortega und auch Orion

Die Erderwärmung spielt den dänischen Winzern in die Karten. Während bis vor 15 oder 20 Jahren nur wenige Enthusiasten Wein für den Eigenbedarf produzierten, sind inzwischen auch Profis am Werk.

Eine Weinreise führt traditionell nach Frankreich oder Italien, an die Mosel oder den Rhein – nach Fünen aber brechen nur die wenigsten Weinfans auf. Doch das könnte sich bald ändern. Auf Dänemarks drittgrößter Insel liegen elf Weingüter, die allesamt Tropfen beachtlicher Qualität produzieren.

Jørgen Sejer-Pedersen freut sich, dass er im vergangenen Jahr endlich Steuern bezahlen durfte. Sechs Jahre hatte der 55-Jährige mit seinem Weinberg Verluste eingefahren, dann endlich, im siebten, schwarze Zahlen geschrieben. Jetzt, ein Jahr später, macht er schon wieder Miese. Das wundert nicht, denn Sejer-Pedersen geht seinem Beruf in einem Land nach, das nicht gerade für konstant warmes Sommerwetter bekannt ist. „In Deutschland haben die Winzer sechs gute Jahre und ein schlechtes. Hier ist es umgekehrt“, sagt Sejer-Pedersen und lacht.

Die gute Laune scheint ihm diese unerfreuliche Statistik nicht zu verderben. Schließlich hat er sich mit Ende 40 seinen Lebenstraum erfüllt. Früher saß er als Diplomkaufmann hinter dem Schreibtisch, heute kümmert er sich vor allem um Solaris – seine Lieblingsrebe im Weinberg. Wenn er von deren Eigenschaften schwärmt, könnte man glauben, dass er von seiner Geliebten erzählt, und man wundert sich fast, dass Brigitte, die Frau, mit der er wirklich verheiratet ist, nicht vor Eifersucht zerspringt. „Wenn man sich etwas im Leben wünscht, muss man es tun, auch wenn es vielleicht keine gute Idee ist“, sagt er.

Vor einigen Jahren sind die beiden ans Meer gezogen, leben heute auf der Insel Fünen, den Strand fast vor der Haustüre. Dabei sind sie gar keine Wasserraten. Sie wohnen hier wegen ihrer Reben. Die Ostsee sorgt für mildes Klima und garantiert frostfreie Frühjahrsmonate. Beides mag Sejer-Pedersens Solaris sehr.

Der unbeständige dänische Sommer ist der größte Feind der Winzer, mal regnet es zu viel, mal scheint die Sonne zu wenig, und ein andere Mal ist beides der Fall. Bei allem Klagen übers das Wetter, erst der Klimawandel und die dadurch steigenden Temperaturen haben den Weinanbau in Dänemark überhaupt möglich gemacht.

Sein Weinwissen hat Sejer-Pedersen aus Büchern. Der Rest ist Versuch und Irrtum. „Manchmal geht es gut und manchmal geht es ein bisschen schlecht“, beschreibt der Winzer in charmantem Deutsch mit dänischem Akzent den Ausgang seiner Experimente und zeigt auf einen Teil seines Weinbergs, in dem die Reben besonders kümmerlich aussehen. Sejer-Pedersen zählt gleich eine ganze Reihe von Fehlern auf, die er bei der Rebenpflege gemacht hat, und lacht: „Ich hätte einfach genau das tun sollen, was in der Winzerzeitung gestanden hat, aber ich habe geglaubt, ich weiß es besser.“ Außerdem machen ihm die Schädlinge zu schaffen. „Wir machen alles bio“, sagt Sejer-Pedersen, um dann zu erklären, warum das in Dänemark besonders schwer ist: „Viel Regen, bedeutet auch viele Pilze.“ Auch die größten Misserfolge verhageln Sejer-Pedersen die Laune nicht.

Reben gibt es immer

Nur wenige Kilometer entfernt versuchen Bente Rasmussen und Carsten Andersen ihr Winzerglück. Sie haben früher mit Behinderten gearbeitet und mit dem Weinanbau als Ausgleich zu ihrem anstrengenden Beruf begonnen. Nachdem Andersen in Rente gegangen war, hat Bente Rasmussen ihren Job an den Nagel gehängt. Jetzt arbeiten beide als Vollzeitwinzer. „Die Arbeit in einem Weingarten geht nie zu Ende“, sagen beide unisono. Und sie wird auch nicht immer belohnt. 2000 Flaschen können sie in guten Jahren mit ihrem Wein füllen. „Diesmal wird es wohl allenfalls die Hälfte“, schätzt Carsten.

Jeden Morgen ruft er im Internet den Wetterbericht auf und hofft auf eine gute Vorhersage. Seine Frau sieht das entspannter: „Das Wetter ist das Wetter, das kannst du nicht beeinflussen“, sagt sie fast philosophisch. Außerdem: „Wenn die Reben nicht so toll sind, muss Carsten eben eine besonders gute Leistung zeigen.“

Nicolai Agger arbeitet nicht selbst im Weinkeller. Auch der inzwischen pensionierte Tierarzt hat sich mit seinem Weinberg einen langgehegten Wunsch erfüllt. E Buch über Weinanbau, das Agger zum 60. Geburtstag geschenkt bekommen hat, faszinierte ihn. Art und als dann das Nachbargrundstück zum Verkauf stand, hat er zugeschlagen. „So ein schöner Hang, nur 500 Meter vom Meer entfernt“, schwärmt er. Zu Recht, denn als einziger der fünischen Winzer hat er nun einen Weinberg im eigentlichen Sinn – ein Grundstück in Hanglage ist eine Seltenheit im flachen Dänemark. Beim Pflanzen der Weinstöcke konnte sein Bruder helfen – der ist gelernter Gärtner. Da aber beide von der Vinifizierung wenig Ahnung haben, lässt Agger jedes Jahr zur Erntezeit einen Spitzenwinzer aus Neuseeland einfliegen. Nick Entwistle ist in seiner Heimat einer der besten seines Faches und wurde dort für den besten Pinot Noir ausgezeichnet. In Dänemark, bei Agger, arbeitet Entwistle mit anderen Rebsorten: Solaris, Orion und Ortega – alle pilzresistent und in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschland speziell für sonnenärmere Anbaugebiete entwickelt.

Kaviar und Wein

Auch Jacob Stokkebye will zu den Besten gehören und ist da ganz unbescheiden. Er ist angetreten, den Top-Wein des Landes herzustellen. Mit seinem Liva, den er nach der ältesten Tochter der Familie benannt hat, hat er das ehrgeizige Ziel vielleicht sogar schon erreicht. Das exklusive Tröpfchen wird zu 100 Prozent aus Solaristrauben hergestellt – allerdings aus einer Mischung der 2009-er und 2012-er Ernte, dem Ertrag zweier Jahre, in denen die Sonne Fünen besonders verwöhnt hat. Liva passt ausgezeichnet zu Kaviar – auch das ist nicht ganz unwichtig, denn Stokkebye ist auch der bedeutendste Kaviarimporteur im nordischen Königsreich. Im Gegensatz zu vielen seiner Winzerkollegen hat Jacob Stokkebye schon früher beruflich mit Wein zu tun gehabt. Als Sommelier gehörte er in Dänemark zu den besten seiner Zunft. Als Winzer hilft ihm das aber nur wenig: „Ich war wirklich gut darin, Weine zu erkennen, aber sie zu erkennen und sie anzubauen ist dann doch ein riesiger Unterschied.“ Deswegen arbeitet er seit 2009 mit dem bekannten deutschen Önologen Jens Heinemeyer zusammen. Tipps aus dem Ausland kann man in Dänemark gebrauchen.

Winzer werden immer noch belächelt, gelten im besten Fall als sympathisch versponnene Exoten. Heute verkauft er seine besten Tropfen an die führenden Restaurants im Lande und seit kurzem gehört auch ein vom Guide Michelin mit zwei Sternen ausgezeichnetes Restaurant in Paris zu seinen Kunden. „Wir müssen mit Qualität punkten“, sagt Stokkebye und schwärmt: „Wenn du diesen Wein probierst, wirst du auch ‘Wow’ sagen“. Dann bittet er zur Verkostung.