Reise

Ein Roman hat den Stechlinsee berühmt gemacht – und mit dazu beigetragen, dass man ihn noch fast wie zu des Dichters Zeiten erleben kann.

Von Fontane geadelt

Da lag er vor uns, der buchtenreiche See, geheimnisvoll, einem Stummen gleich, den es zu sprechen drängt. Aber die ungelöste Zunge weigert ihm den Dienst, und was er sagen will, bleibt ungesagt.“ Renate Fechner kann nicht anders als immer wieder Theodor Fontane zu zitieren, wenn sie Leute zum Stechlinsee führt. Wie kein Zweiter habe der Dichter den See beschrieben. Als „einen von den Vornehmen“, der Launen habe wie eine Frau. Meist liege er völlig still da, aber plötzlich würden stäubende Wasserhosen zwischen den Ufern tanzen, die den Fischern das Fürchten lehren.

Tatsächlich kommen einem die Sätze immer wieder ins Gedächtnis, wenn man den See umrundet, was rund drei Stunden dauert. Aus welchem Blickwinkel man ihn betrachtet – immer geht ein ganz besonderer Zauber von ihm aus. An manchen Stellen fast siebzig Meter tief, ist der Stechlinsee einer der saubersten und klarsten Badeseen Deutschlands. Die Ufer werden von haushohen Bäumen gesäumt. Und würde sich nicht ab und zu ein Stand-up-Paddle unter die Boote mischen und die Gockelbude am Strand Mojitos und Caipirinha mixen – man fühlte sich voll und ganz in Fontanes Zeiten zurückversetzt.

In der 1779 erbauten Schänke, dem heutigen Fontanehaus in Neuglobsow, soll der Dichter gegessen haben – noch heute kann man sich hier unter der Fontanelinde den „Fontaneschmaus“, Rindsroulade mit Rotkohl und Kartoffelbrei schmecken lassen. Vielleicht hat der Schriftsteller hier auch genächtigt. Jedenfalls muss er mehrfach wiedergekommen sein, um dem See in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ und vor allem im Roman „Stechlin“ ein literarisches Denkmal zu setzen.

Neuglobsow, das Dorf am See, sah damals allerdings ganz anders aus. Es war eine der vielen Glashütten, die unter Friedrich dem Großen in der waldreichen Gegend begründet wurden, um grünes „Waldglas“ herzustellen. Einfache Wohn- und Arbeitshütten scharten sich um eine Allee, nicht mal eine Kirche gab es. In einem der Fachwerkhäuschen, das die Zeit überdauert hat, erzählt ein Museum von der Zeit um 1780, als die tatkräftige Johanna Pirl – Brandenburgs erste Unternehmerin – die Hütte zum Erfolg führte. Allerdings waren die Arbeits- und Lebensbedingungen hart. Kinder ab zehn Jahren mussten mithelfen. Die schwere Arbeit führte zusammen oft zum frühen Tod der Hüttenarbeiter.

Der Goldregen malt gelbe Streifen in die Landschaft

Ausgerechnet dieses Neuglobsow ist einer der beliebtesten Erholungsorte nördlich von Berlin. Dass nach der Schließung der Glashütte 1890 schon bald ein reger Ausflugsverkehr einsetzte, ist vor allem Fontane zu verdanken, der den See bekannt gemacht hat. Nachdem „Der Stechlin“ 1898 veröffentlicht wurde, kamen die ersten Neugierigen aus Berlin, darunter auch viele Intellektuelle. Später folgten ihnen Wohlhabende, die sich stolze Villen errichten ließen. Auch die Villa Bernadotte, die viele für das fiktive Schloss Stechlin im Roman halten, gehört dazu. „Um 1900 hat ein Bauboom eingesetzt“, weiß Renate Fechner zu berichten. „Der Bodenpreis soll zwischen 1903 und 1910 von sechzig Pfennig auf sechs Goldmark gestiegen sein.“ Immerhin: Auch wenn Fontane dem Tourismus den Weg geebnet hat – der Respekt vor dem Dichter dürfte mit dafür gesorgt haben, dass die Seeufer weitgehend verschont geblieben sind und die Gegend später unter Naturschutz gestellt wurde.

Eine ehemalige Bahntrasse hat sich in die schönste Anreisemöglichkeit verwandelt: den Stechlinseeradweg. 26 Kilometer sind es von Gransee bis Neuglobsow, und die vergehen wie im Flug. Links und rechts malt der Goldregen gelbe Streifen in die Landschaft, dahinter liegen Felder und Wiesen. Und der Künstlerhof in Wolfsruh, den das Ehepaar Lux in eine Augenweide verwandelt hat und Radfahrer zu Kaffee und Kuchen willkommen heißt. Ein paar Kilometer weiter, in Menz, ist wiederum aus einem Viertseithof der Künstlerhof Roofensee geworden. Wer sich nicht gleich in den wohnlichen Apartments einmieten will, sollte zumindest vom Sattel steigen, um sich in der Galerie umzusehen. Das vorzügliche Restaurant ist nur am Wochenende geöffnet. Dafür bietet sich das französische Café Bric-à-brac als Alternative an. Nachdem es Aurore Koch aus der Franche-Comté hierher verschlagen hat, gibt es in dem winzigen Lokal köstliche Obst-Tartes und Quiches, an denen wohl auch Fontane seine Freude gehabt hätte. Das NaturparkHaus Stechlin, das neben der Feldsteinkirche steht, hat Theodor Fontane noch selber kennengelernt und erwähnt. Damals war es die Oberförsterei. Heuer machen eine liebevoll gestaltete Ausstellung und ein Sinnesgarten Familien mit dem Lebensraum Wald, Wasser und Moor bekannt. Von hier kann es auch gleich durch die moorreiche Menzer Forst gehen, die der Dichter auf seinen „Wanderungen“ ebenfalls durchstreift hat. Im Vergleich mit der mystischen Waldlandschaft wirkt der glasklare Stechlinsee fast banal - würde nicht auf dem Grund des Sees der sagenumwobene rote Hahn lauern, der plötzlich aufzutauchen und Menschen in die Tiefe zu reißen droht.