Reise

Von Öse zu Öse

Archivartikel

Klettersteige ermöglichen Bergwanderern, in Regionen vorzudringen, in die sie ohne Kletter-Ausbildung nicht gelangen könnten. Die richtige Ausrüstung, ein sanfter Einstieg und Respekt vor der Natur schützen vor Unfällen.

Die Spitze des rechten Bergstiefels findet gerade noch Halt auf einem wenige Quadratzentimeter großen Vorsprung im Fels. Thomas Bucher drückt sein Bein durch und findet mit dem linken Fuß ein Stück weiter oben Halt. Während die linke Hand am Drahtseil bleibt, klinkt er mit der rechten zwei Karabiner um, mit denen er sich sichert, einen nach dem anderen. Unter ihm fällt die Wand meterweit fast senkrecht ab, der Blick fällt auf die Gipfelstation der Karwendelbahn und weiter ins Tal bis Mittenwald. Über ihm lockt die Karwendelspitze.

Klettersteig gehen ist eine beliebte Freizeit-Aktivität geworden. Allerdings sollte man solche Touren mit Umsicht und Respekt vor der Bergwelt angehen. Klassische Klettersteige erschließen Wege im felsigen Berggelände. Sie bestehen aus Stahlstiften, -bügeln und -klammern, Leitern und Drahtseilen. Bei manchen Klettersteigen sind nur Drahtseile im Fels verankert. Hier bleiben den Kletterern nur die Tritte im Fels für die Füße. „Insbesondere in Frankreich verbreitet sind aber auch Steige mit so vielen Leitern und Drahtbügeln, dass man den Fels kaum berührt“, sagt Bucher. Er ist Pressesprecher des Deutschen Alpenvereins und kennt sich in dem Gebirge aus wie nur wenige. Erste Erfahrungen auf Klettersteigen sammelte er bereits als Kind.

„Das Besondere ist, dass Leute, die keine Kletter-Ausbildung haben, in Bereiche vordringen können, die eigentlich Kletterern vorbehalten sind“, erklärt Bucher. Gipfel wie die Alpspitze bei Garmisch-Partenkirchen und die Sextener Rotwand gehören dazu. Geeignet sind sie aber noch lange nicht für jeden. Schwindelfreiheit ist ein Muss. Auch auf dem Weg zur Karwendelspitze ist ein Wegstück dabei, das keinen halben Meter breit ist. Links und rechts geht es steil hinab. Selbst wenn der Bergsteiger am Drahtseil gesichert ist, auch psychisch darf er hier keine Probleme bekommen.

Wer sich für Klettersteige fit machen will, sollte mit bergwandern beginnen, empfiehlt Bucher. Als zweite Stufe könne man dann Wege mit ausgesetzten und drahtseilversicherten Passagen gehen und erst, wer das problemlos meistert, sollte sich an Klettersteige wagen.

Einen guten Einstieg bietet der Mittenwalder Höhenweg. Er führt über mehrere Gipfel. Auf der einen Seite des Weges blicken die Wanderer aufs Isartal, Mittenwald und das Wettersteingebirge, auf der anderen Seite weit hinein in die österreichischen Alpen. Alpine Erfahrung ist auch hier erforderlich, ebenso Wetterkenntnis. Ein aufziehendes Gewitter in den Bergen ist immer unangenehm und kann gefährlich sein. „Am Drahtseil ist es aber noch weniger lustig“, sagt Bucher.

Glücklicherweise sind gute Klettersteige so angelegt, dass ziemlich schnell klar wird, ob sie für einen geeignet sind, erläutert der Experte: „Eine schwierige Test-Passage befindet sich oft am Anfang.“ Auch auf dem Weg zur Karwendelspitze ist das so. Zu Beginn geht es auf schmalen Tritten mehr seitwärts als bergauf. Wer dort nicht weiterkommt, kann meist noch umkehren.

Denn die meisten Einsätze der Bergwacht auf Kletterstellen sind nicht wegen Stürzen, sondern wegen einer Blockade. „Du willst nur noch raus und weißt nicht, wie“, beschreibt Bucher das Phänomen. Es geht nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Meist passiere das nicht Anfängern, sondern Kletterern, die schon ein paar Touren gemacht haben. „Die überspringen dann eine Schwierigkeitsstufe“, weiß Bucher. Tote und Verletzte hingegen seien selten.

Wichtig ist allerdings die richtige Ausrüstung (siehe Kasten). Die kann man sich leihen, beispielsweise in Sportgeschäften vor Ort, oder kaufen. Tatsächlich kann nicht viel passieren, wenn sich der Kletterer richtig sichert. Auf dem Weg zur Karwendelspitze hält Bucher alle zwei bis drei Schritte inne. Immer wieder ragt eine Metallöse aus der Wand, durch die das Drahtseil verläuft. Bucher öffnet erst den Karabiner der ersten Bandschlinge und hängt ihn um, dann den Karabiner der zweiten. Weiter geht es, bis zur nächsten Öse.

Nicht alle Klettersteige dienen dazu, einen Weg durchs Gebirge oder auf einen Gipfel sicherer zu machen. In den vergangenen Jahren sind in zahlreichen alpinen Tourismusorten Anlagen entstanden, die reine Spaßelemente wie Drahtseilbrücken oder Seilrutschen enthalten. „Unnötig“, nennt Bucher solche Elemente.

Die Kollegen vom österreichischen Alpenverein fordern bereits den Rückbau schwieriger, rein auf Spaß angelegter Anlagen.