Reise

Vorhang auf für die Nebendarsteller

Archivartikel

Barcelona, Venedig, Paris – immer mehr Städte ächzen unter dem Einfall der Massen. Auf den folgenden Seiten geben wir Tipps, wo es fast so schön ist wie da, wo jeder hinrennt. Attraktive Alternativen gibt es mehr als genug.

Sie wollen uns nicht mehr. Denn wir sind die Pest. Wir saufen Kreuzberger Kneipen leer, wir rattern mit Rollkoffern morgens um sieben durch Venedigs Gassen und wir sind der Grund, dass Zweizimmerwohnungen in Barcelona für Normala und Normalo unerschwinglich geworden sind. Ob wir Wert darauf legen, nicht mit feierwütigen Junggesellen-Meuten verwechselt zu werden und uns eher als feinsinnige Kulturelite on the road verstehen, macht in ihren, der Einheimischen, Augen keinen Unterschied. Okay - möglicherweise grölen wir nicht nachts durch die Straßen, pinkeln in Hauseingänge und zerdeppern Flaschen. Aber auch wir sind Eindringlinge. Störer. Wir nehmen Platz weg und machen ihr Leben teurer, lauter und anstrengender.

Und sie haben recht.

So aber macht das Reisen keinen Sinn mehr. Mit Störern will man nicht teilen. Weder Lieblingsplätze noch Alltag oder Gedanken - und ein wenig Teilhabe an all diesem erwarten Besucher in einer fremden Stadt ja doch immer. Eindringlinge zockt man vielleicht noch ab. Dann will man sie aber so schnell wie möglich loswerden.

Aber vielleicht gibt es ja einen Ausweg aus dem Dilemma. Rufen wir einfach eine neue Reise-Bescheidenheit aus, suchen wir das Besondere im Unspektakulären. Überlassen wir die touristischen Hotspots wieder ihren Bewohnern und gehen dahin, wo Besucher noch willkommen sind: in die mittelgroßen Städte.

Ab nach Zadar, der Meeresorgel lauschen. Auf nach Girona, mal sehen, wie dort die Ramblas aussehen. Auch in Delft findet man niederländische Meister, Porto protzt mit gekachelten Hauswänden und Jugendstilgeschäften, Gent glänzt mit mittelalterlichen Häusern und den meisten vegetarischen Lokalen weit und breit. Im sommerlichen Aarhus tobt das Leben am Fluss wie im tiefsten Süden. Und wer kennt schon Ilomantsi, Posen oder Devin genauer? Und wer sagt, dass man nicht nach drei Tagen weiterfahren und sich der ähnlich schönen Nachbarin zuwenden könnte?

Kleinere Städte sind übersichtlich, das Leben geht meist einen entspannteren Gang. Fast alle Ziele im Ort sind zu Fuß zu erreichen. Zwar findet man nur sehr selten hochgejazzte Must-does, vor denen sich endlose Besucherschlangen bilden. Aber man entdeckt vieles, was man sich gern ansieht – auch wenn man manchmal erst danach suchen muss.

Auf den Märkten stehen Bewohner und Touristen nebeneinander für Bratwurst, Churros oder Fish and Chips an. Abends in der Kneipe sitzt man neben dem lokalen Drogeriebesitzer und hört seinen Klagen über den Saustall im Rathaus zu. Menschen sehen einem oft noch in die Augen und grüßen freundlich. Man bewegt sich mitten unter ihnen und vegetiert nicht im Touristengetto unter seinesgleichen vor sich hin.

Ja, aaaber – mag mancher einwenden – ganz lustig, diese Idee, doch kleinere Städte sind nun einfach mal nicht sexy. Wo bitte finden sich in Mainz die Leuchtturmprojekte, welches einmalige Ereignis bietet Malmö und was wären, bitte sehr, die unverwechselbaren Sachen in Bordeaux?

Tja. Auch wieder wahr. Aber darum geht es nicht. Jedenfalls nicht immer.

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