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Deutschlandreise: Der Urwaldsteig schlängelt sich durch den Nationalpark Kellerwald-Edersee in Nordhessen.

Der Name Urwaldsteig passt gut zu einem fast 70 Kilometer langen Wanderweg rund um den Edersee. Ein Pfad mit Urwaldfeeling zwischen kräftigen Rotbuchen, krummen Eichen und dem dazugehörigen Gewirr an Zweigen und Ästen. Jahrhundertealt ist der Kellerwald in Nordhessen, und er beherbergt eines der letzten großen Buchengebiete in Mitteleuropa.

Nicht verpassen sollte man den elf Kilometer langen Knorreichenstieg, ein Teilstück des Urwaldsteigs: Am nördlichen Seeufer, zwischen den Orten Asel und Scheid, führt der Trail ungefähr auf halber Höhe über die Edersee-Steilhänge. Je steiler es wird, desto häufiger mischen sich Eichen unter die Buchen-Gesellschaft. Grün bemoost leuchten ihre weitverzweigten Wurzelstränge. Sie krallen sich in den Boden, suchen Halt am abschüssigen Tonschiefer. Und durch das Laub schimmert der Edersee.

Wie eine lange Nase schiebt sich die Halbinsel Lindenberg in das Gewässer, und nach kurzem Abstieg erreicht der Pfad das Ufer. Bis ans Wasser reicht der Wald, genauso sieht es auch auf der gegenüberliegenden Seite aus. Mit dem Unterschied, das dichte Grün drüben gehört zum Nationalpark.

Der Urwaldsteig schlängelt sich durch den Nationalpark Kellerwald-Edersee, vorbei an zahllosen Methusalem-Buchen. Sie können ein Alter von 200 Jahren erreichen – wenn sie denn dürfen. Typisch ist die Unordnung. Mal versperren umgefallene Bäume den Weg, dann reckt sich, einem Zahnstocher ähnlich, ein toter Baumstumpf trotzig in die Höhe. Zwei tellergroße gefräßige Löcherpilze kleben wie Trittbretter am Holzstamm. Bäume sterben langsam.

Der Tisch ist also gedeckt für Käfer und andere Kleinsttiere, die sich über totes Holz hermachen. „Über 90 Prozent der Nationalpark-Fläche haben sich bereits zur Wildniszone entwickelt“, erklärt Ranger Uwe Liehr. Dort fühlen sich Wildkatzen und Luchse wohl – scheue Tiere.

Seit der Nationalpark 2004 ins Leben gerufen wurde, kommen deutlich mehr Wanderer in die Region Waldeck-Frankenberg. Sie sind auf dem Urwaldsteig unterwegs oder auf dem 160 Kilometer langen Kellerwaldsteig, der in einem großen Bogen um den Edersee führt. Man nennt den See auch das „blaue Auge“ Nordhessens, die Eder wurde hier auf 27 Kilometern gestaut. Hauptsächlich, um die Wasserzufuhr für die Weser-Schifffahrt zu regulieren. Die Talsperre, vor dem Ersten Weltkrieg erbaut, gilt als eine der größten Europas.

Bei der Flutung verloren 700 Menschen ihre Heimat, und dieser Schmerz ist heute noch spürbar. Wehmut spricht aus Schautafeln wie etwa im kleinen Ort Nieder-Werbe, sie zeigen alte Dorfbilder aus der Zeit vor dem Staudamm. Nieder-Werbe liegt idyllisch versteckt in einem Seewinkel, aus dem Wasser ragt eine Kirchturmspitze mit Schieferdach. Ein Nachbau des alten Turms, der 1912 samt Häusern versenkt wurde.

Manche surfen, andere tauchen zu Mauerresten

Der Bau der Talsperre ließ die von Landwirtschaft und Handwerk geprägte Gegend untergehen - und als Urlaubsziel wiederauferstehen. Fortan kamen Erholungsuchende zum Baden, Surfen und Segeln oder auch zum Tauchen nach versunkenen Mauerresten. Strandbad, Jachthafen sowie ein Stück Uferpromenade, all das findet man in Waldeck, wenige Kilometer von Nieder-Werbe entfernt. Hier ist der Edersee am breitesten. Eine Seilbahn fährt hoch zum Schloss Waldeck. Oben angekommen trifft man gleich auf den Urwaldsteig. Später ist es nur ein Abstieg bis zur Talsperre. Dorthin zieht es alle Touristen, jeder macht einen Spaziergang auf der Mauer. Cafés und Restaurants sind gut besucht, und von dort fährt ein Schiff zurück zum Waldecker Strandbad.