Reise

Wallfahrt für Fotofreunde

In ganz Luxemburg huldigen Museen dem Fotografie-Patriarchen Edward Steichen.

Fotos sind die neuen Wertpapiere. Längst erreichen Abzüge der Stars der Szene oder der Altmeister satte Summen. Aber muss man sie gleich 15 Meter unter der Erde einbunkern? Was im Geschäftsviertel der Stadt Luxemburg aussieht wie eine übertriebene Sicherheitsmaßnahme, ist eine pfiffige Lösung, um Arbeitswege aufzuhübschen. Ein Tunnel verbindet nämlich weit verzweigte Bankgebäude. Angestellte hasten hin und her, aber auch Besucher können eintreten: Die 350 Tunnelmeter sind als Galerie eingerichtet. Und in dieser Galerie d’Art Contemporain Am Tunnel hängt auch eine Dauerausstellung mit großformatigen Fotos: oft Porträts berühmter Schauspieler oder Künstler wie Clark Gable oder Auguste Rodin. Meisterwerke von Edward Steichen - dem Patriarchen der Porträt-Fotografie schlechthin.

Als Zweijähriger war er im Jahr 1881 nach Amerika gekommen, die Familie war der Armut in Luxemburg entflohen. Und nutzte die Aufstiegschancen der Neuen Welt. Schon als Jugendlicher beginnt Edward Steichen mit dem neuen Medium Fotografie, pendelt zwischen New York und Paris, zwischen Fotografie und Malerei, wird Chef-Fotograf von „Vogue“ und „Vanity Fair“ und bekommt vor seine Linse, was Rang und Namen in Kunst und Politik hat.

Gerhard Hauptmann stemmt die Arme selbstsicher in die Hüften, Winston Churchill schaut eisern entschlossen, Theresa Duncan tanzt ekstatisch auf der Akropolis. Fotos, die in gedimmtem Licht präsentiert werden: im Nationalmuseum für Geschichte und Kunst.

Dieses Museum im Zentrum der Altstadt von Luxemburg hat Edward Steichen eine eigene Galerie gewidmet. 178 Fotos stammen aus dem Erbe des 1973 gestorbenen Fotografen, dazu kommen noch eigene Erwerbungen. Die Erbschaft markiert einen guten Ausgang in der Beziehung zwischen Steichen und seinem Ursprungsland. Das war nicht immer so. Denn als Steichen 1952 – da ist er Fotografie-Direktor des New Yorker Museum of Modern Art – Luxemburg besucht und anbietet, eine neue Ausstellung als erste Europastation in seiner Heimat zu zeigen, soll der Verantwortliche des Nationalmuseums gesagt haben: Fotografie sei keine Kunst und gehöre nicht ins Museum. Also tourt Steichens Ausstellung „The Family of Man“ so um die Welt und schlägt alle Rekorde: Über neun Millionen Menschen sehen die 503 Fotos von 273 Fotografinnen und Fotografen, die Steichen und sein Team aus zwei Millionen Fotos ausgesucht hatten. Die erfolgreichste Foto-Ausstellung aller Zeiten. 1966 dann das Happy End. Die Ausstellung wird auch in Luxemburg gezeigt. Später gerät sie in Vergessenheit, wird wiederentdeckt und ist seit 1994 in der Burg von Clervaux ausgestellt.

Ein amerikanischer Panzer am Eingang erinnert an die kleine Einheit, die sich hier 1944 der deutschen Ardennen-Offensive entgegenstellte. Und im Inneren ist die Ausstellung so aufgehängt wie einst in New York. Ein wandgroßes Foto des Explosionspilzes einer Wasserstoffbombe und auch ein Bild aus dem Warschauer Ghetto liefern den Schlüssel zum Verständnis der Ausstellung: Der damals schon über 70 Jahre alte Edward Steichen, der in beiden Weltkriegen fotografiert hatte und den Kalten Krieg Fahrt aufnehmen sah, wollte eine humanistische Sicht der Gewalt entgegenstellen, wie er in seiner Autobiografie schrieb: „Nötig war ein positives Statement, um zu zeigen, wie wundervoll das Leben ist, wie fabelhaft die Menschen sind und wie viel Menschen in allen Teilen der Welt verbindet.“

Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Lee Miller, Ansel Adams, Edward Steichen selbst, aber auch der Kölner August Sander – die Ausstellung ist ein Reigen der Superstars. Ihre Visualisierungen von Liebe und Tod, Freude und Leid, Jugend und Alter schicken den Betrachter durch eine Achterbahnfahrt der Emotionen. Ganz, ganz großes Kino, um es mit einem anderen Medium zu sagen Steichen ist seinem Konzept der Sammelausstellungen treu geblieben, 1962 stellt er „The Bitter Years“ zusammen, seine letzte Ausstellung. Eine Dokumentation über die Weltwirtschaftskrise. Auch die schenkte Steichen seiner Heimat. Ausgestellt ist sie im Wasserturm von Dudelange. So ist ganz Luxemburg ein Wallfahrtsort für Steichen-Fotos.