Reise

Wandern im Westjordanland

Die Wege durchs Westjordanland sind so alt wie die Grundsteine Jerusalems. Die bekannteste Tour führt durch Bethlehem, Jericho und Nablus – und zu palästinensischer Gastfreundschaft.

Juden, Christen und Moslems – alle haben sie einen gemeinsamen Stammvater: Abraham, dem Großherzigkeit und Offenheit nachgesagt werden. Diese Tugenden flossen auch in das Projekt Masar-Ibrahim-Weg, der 2017 eröffnet wurde. Er ist der längste Wanderweg des Westjordanlandes, der auf gemeinschaftlichem Tourismus basiert. Für die 330 Kilometer von Rummana nordwestlich von Jenin bis nach Beit Mirsim in Hebron, über Nablus, Jericho und Bethlehem, braucht man zehn Tage. Wer es eiliger hat, wählt einige Etappen aus. Verpflegung und Unterkunft auf dem „Weg durch die Geschichte“ bekommen Wanderer oft bei Einheimischen.

Einer der landschaftlich schönsten Abschnitte des Masar-Ibrahim-Weges beginnt bei Taybeh in Ain Samia und schlängelt sich durch Zatar-Felder. Dieser Wilde Thymian ist Hauptbestandteil einer beliebten Gewürzmischung für Fleisch und Dips. Zur besseren Orientierung nimmt man einen ortskundigen Wanderführer mit – wie Anour, der fürs Bildungsministerium arbeitet, an Wochenenden aber gerne Besuchern seine Heimat zeigt. „Die hier wachsenden Rüben und Tomaten werden auf dem Markt in Ramallah verkauft“, erklärt er. Wanderer und Nomaden mit ihren Schafs- und Ziegenherden stapfen über graue Steine hinweg, die laut Anour Überreste einer byzantinischen Kirche sind. Dann geht es hinab ins Wadi al-’Auja, bis zur Al-’Auja-Quelle am Jordangraben, 50 Meter unter dem Meeresspiegel.

Dort hat die Beduinenfamilie von Abu Habish ein üppiges Mittagsmahl aus Hühnerkeulen, Reis, Salat und Joghurt-Dip auf Matten auf dem Boden angerichtet. Wer danach noch kann, läuft weiter nach Jericho, in die tiefstgelegene Stadt der Welt, 250 Meter unter dem Meeresspiegel, mit ihrem Berg der Versuchung, bevor es zu Beduinenführer Jameel und seiner Familie am Wadi Qateef ins Nachtlager geht. „Früher lebten wir in der Negev-Wüste in Israel, wurden dort aber ab 1948 vertrieben, also haben wir uns in der Wildnis rund um Jerusalem angesiedelt“, erzählt Jameel.

Am Morgen erstrahlt die Wüste goldgelb und lockt Wanderer ins Herz der durstigen Erde, bis die Landschaft felsiger wird und sich das griechisch-orthodoxe Kloster Saint Sabas, gegründet im Jahr 483, aus dem Gestein erhebt. Noch immer leben dort Mönche, die zwar keine Frauen reinlassen, aber dafür Wein produzieren. Dass diese Mönche nicht die Einzigen sind, die im Westjordanland Alkohol herstellen, zeigt sich bereits in Taybeh, südlich von Nablus. Dort eröffneten David und Nadim Khoury 1994 die erste palästinensische Mikrobrauerei. Ziel war, die palästinensische Wirtschaft und das Nationalgefühl zu stärken.

Obwohl Muslimen der Alkoholgenuss untersagt ist, verbleibt die Hälfte des Biers im Westjordanland, der Rest geht nach Israel. Zusätzlich eröffnete 2013 eine Weinkellerei. „Wir müssen viel Wasser in Tanks sammeln, weil wir manchmal fünf Tage lang kein fließendes Wasser bekommen“, bedauert Maria Khoury, Davids Ehefrau. Trotz der Schwierigkeiten erfährt die Familie aus der Gemeinde viel Unterstützung. „Dafür organisieren wir im Herbst ein Oktoberfest, und alle, die keinen Alkohol trinken, bekommen alkoholfreies Bier.“

Festlich geschmückt präsentiert sich ebenfalls der Al-Nasr-Platz in Nablus, über dem sich die An-Nasr-Moschee erhebt. An einem Freitagnachmittag liegt der Suk verwaist da, das Wochenende beginnt, doch auf der Straße kann man sich mit Kunafah stärken, einer Spezialität aus Nablus aus Quark-artigem Käse. Das nehmen die Palästinenser gern zum Freitagnachmittag-Picknick in Sebastia mit, einem 4000-Seelen-Dorf, in dem der Kopf von Johannes dem Täufer begraben liegt. Doch die Familien zieht es zu den im Grünen liegenden Ruinen der antiken Königsstadt Samaria, Hauptstadt des Königreichs Israel ab 876 vor Christus. Ausländer werden freundlich zum Picknick eingeladen, denn fast jeder spricht etwas Englisch, und reichlich Nüsse, Saft und Kaffee gibt es ohnehin – eine Gastfreundlichkeit, die sich bei Ibtehalt und ihrem Mann Abedalrahem wiederholt, die Gäste in Form eines Homestay in ihrem Dorf Duma herzlich willkommen heißen. „Ich habe bis zur Geburt meiner Kinder als Englischlehrerin gearbeitet“, erklärt Ibtehalt ihr nahezu akzentfreies Englisch.

Dass im Westjordanland auch Bibelgeschichte geschrieben wurde, fällt dem Wanderer spätestens in Bethlehem ein, wenn er an der Geburtskirche Jesu Schlange steht, um im Inneren einen schnellen Blick auf die mit einem Stern markierte Stelle zu werfen, an der das Christuskind gelegen haben soll.

An der zweiten großen Attraktion Bethlehems, einem Stück der 759 Kilometer langen, bis zu acht Meter hohen Mauer, fehlen die Menschenschlangen. Die 2010 fertiggestellte israelische Sperranlage, welche die Grenze zum Westjordanland markiert, inspiriert viele Künstler und Normalbürger, ihrem Schmerz oder ihrer Hoffnung Bilder und Worte zu verleihen: Ein Mädchen hüpft mit Stacheldraht Seil. Trump umarmt einen Wachturm, als wollte er ihn küssen. Einige Werke stammen vom Straßenkünstler Banksy, der 2017 das Walled off Hotel mit Mauerblick eröffnete, als wollte er der Sperranlage einen Teil ihres Schreckens nehmen und der gesamten Problematik etwas Leichtigkeit verleihen, wie auch die Mauerbotschaft: „Make hummus, not walls“.