Reise

Wandern mit Göttern

Archivartikel

Der Olymp ist das Dach Griechenlands. Das Gebirge setzt sich aus 55 Gipfeln zusammen und gilt laut griechischer Mythologie als Thron der Götter. Wanderer überqueren ein Plateau der Musen, bevor Zeus, Poseidon, Hermes und Co. sie empfangen.

Für die Griechen steht fest: Wer den Olymp besteigt, ist Gast der Götter. Früher kletterten Gläubige hoch, um ihnen Opfer zu bringen, heute sind es heimische und ausländische Wanderer, die den höchsten Gipfel Mytikas erobern. „Offiziell misst er 2918 Meter, wird aber jedes Jahr ein Stückchen höher“, weiß Bergführer Lambros Tzanikas. „Das liegt an der Verschiebung der afrikanischen Erdplatte.“ Weniger Kletterlustige geben sich mit den niedrigeren Gipfeln Skolio oder Skala zufrieden – ohne Gipfelbucheintrag, dafür mit Gämsen als Weggefährten. Da das Gebirgsmassiv außerdem acht Amphibien-, 22 Reptilien- und 108 Vogelarten sowie eine einzigartige Flora und Fauna beheimatet, erklärte es die Unesco 1981 zum Biosphäre-Reservat.

Fast jeder Olymp-Wanderer kommt nach Litochoro, „die Stadt am Fuß des Olymp“. Sie ist ein knapp 7000-Seelen-Ort mit Einheimischen, die täglich im selben Restaurant am selben Tisch dasselbe essen. Mit einer orthodoxen Kirche, wo Hochzeiten wie am Fließband laufen. Litochoro ist der Ort, wo es alle Informationen zum Wo, Wie und Was der Wanderung gibt, die noch im Aufbau befindliche oder unverständliche Webseiten nicht liefern - entweder bei der Information gegenüber der Busstation oder bei Monika Michalekova im Wandergeschäft „55 Peaks“. Ein Blick reicht aus und Monika weiß, welchen Weg sie einem Wanderer empfehlen kann.

Für halbwegs Geübte heißt es: „Steigt ab Prionia rauf und kommt über Gortsia runter. Zum Start- und vom Endpunkt nehmt ein Taxi.“ Die Route umfasst einen Höhenunterschied von etwa 1800 Metern pro Strecke. Um das zu schaffen, ist mindestens eine Hüttenübernachtung nötig. Die Saison läuft von Mai bis Oktober, die Hütten sind häufig ausgebucht, Geduld ist gefragt - oder ein eigenes Zelt. Den Göttern am nächsten steht Giosos Apostolidis auf 2720 Meter Höhe, über dem sogenannten Plateau der Musen, mit Blick auf eine Felswand, aus der sich Zeus’ Profil absetzt.

Frühmorgens geht es ab dem Waldparkplatz Prionia auf 1000 Meter Höhe los. Erstes Etappenziel: die Berghütte Petrostrouga auf 1940 Metern, verwaltet von der griechischen Rettungsmannschaft. Die Götter meinen es gut mit Besuchern, führen sie über einen sanft ansteigenden Weg durch Buchen- und Schwarzkieferwald. Etwa zweieinhalb Stunden später warten in der Petrostrouga griechischer oder normaler Kaffee und kühle Drinks inmitten von hohen, alten Schlangenhaut-Kiefern.

Ist die Waldgrenze erreicht, beginnt alpine Vegetation. In der Ferne glitzert der Thermaische Golf, im Landesinneren setzen sich helle Häuser vom Grün ab. Nach drei weiteren Wanderstunden über teils steil abfallende Hänge ist es, als würde das Tor zum Garten Eden aufgehen: Weit erstreckt sich das Plateau der Musen. Wanderer, die vor der Hütte Christos Kakalos am Bier nippen, lächeln, als wären sie bereits von den Musen geküsst worden. Etwa 100 Meter höher liegt Giosos Apostolidis, das nur von der Gipfelkirche auf dem Prophitis Elias um 430 Höhenmeter übertrumpft wird: Sie ist die höchstgelegene christliche Kapelle der Balkanhalbinsel. Das Etappenziel ist erreicht, die Stille hörbar, und die Sonne macht sich zum Untergehen fein.

Sechs Uhr morgens. Die Sonne kämpft sich langsam über die Wolken, die sich schnell die Berge hocharbeiten. Um sicher auf die Gipfel zu kommen, führt der Weg auf 2400 Meter zurück, um dann in einem fast senkrechten Pfad bis auf 2882 Meter zum Berg Skala zu führen – Teil der Fernwanderroute E 4. Zum Glück hat Zeus mittlerweile wohl Espresso getrunken und bläst die Wolken in die Tiefe. Auf dem Skala steht man Auge in Auge mit dem Mytikas. Wer Helm und Ausrüstung dabeihat, nimmt den Aufstieg über nackte Felsen in Angriff, andere begnügen sich mit Picknick und Gipfelblick.

Zwischenstopp auf dem 1800 Meter langen Abstieg ist Schutzhütte A, Spilios Agapitos, auf knapp 2100 Metern. Sie ist die älteste Olympus-Hütte, 1930 erbaut und seit 2001 von Maria Zolota und ihrem Mann Dionysios Pourliotis betrieben. Wärme und Suppenduft begrüßen Wanderer. Wer spät dran ist, sollte auf Hütte A ein Taxi zum Endpunkt in Gortsia bestellen, denn die einzige Taverna am Ort schließt früh und Handyempfang gibt es nicht. Die letzten 1100 Höhenmeter nach Gortsia prägen abgelaufene Felsen und rutschige Steine, die angekündigten zweieinhalb Stunden Abstieg werden zu dreieinhalb. Dumm, wenn das Taxi wartet. Doch alle Strapazen sind vergessen, wenn man ins Taxi sinkt. Erfüllt von intensiven Tagen, umgeben von Musen und zu Gast bei Göttern, beschenkt mit der Schönheit der Bergwelt.