Reise

Was nicht im Reiseführer steht

Die tragische Geschichte des Doolough Valley in Irland taugt nicht für fröhliche Tourismusprospekte. Wer trotzdem dorthin reist, sucht Sinn statt Sonne und entdeckt einen Weg, die Welt zu verändern.

Aiteall lautet das wohl schönste Wort des irischen Gälisch. Es beschreibt das sonnige Intermezzo zwischen zwei Wolkenbrüchen, den magischen Moment, in dem sich der Himmel sein Blau zurückholt und alles glitzern lässt – die tropfnassen Wiesen und Wollgräser, das granitgraue Felsgestein und auch die geröteten Gesichter der Wanderer, die über Aiteall staunen. Eben noch hatte Irland alle Regen-Register gezogen, nun schickt eine leichte Brise sanfte Wellen über den See, goldener Dunst durchzieht die Luft und ein Regenbogen spannt sich weit über den Gipfel des Mweelrea Mountain. Der über 800 Meter hohe Berg wacht über das Doolough Valley, ein kahles Tal in der südwestlichen Ecke der Grafschaft Mayo, das im kollektiven Gedächtnis der Iren einen besonderen Platz einnimmt.

Hier trug sich eine der erschütterndsten Episoden während der Zeit der großen Hungersnot zu. Vier Jahre in Folge hatte die Kartoffelfäule bereits die Ernten vernichtet, als am 30. März 1849 eine große Menge hungernder Menschen in Louisburgh auf das Eintreffen zweier britischer Inspektoren wartete. Colonel Hogrove und Captain Pimrose sollten den Armen ihr Anrecht auf Hungerhilfe behördlich bestätigen und Bezugsscheine für Mehl ausstellen. Statt nach Louisburgh reisten die beiden Beamten jedoch ins 18 Kilometer entfernte Delphi, wo sie im Jagdhaus des Marquis von Sligo zu Gast waren. Den notleidenden Menschen in Louisburgh ließen sie ausrichten, sie sollten sich am nächsten Morgen in Delphi einfinden. Barfuß, nicht mehr als Lumpen am Leib und von Hunger geschwächt kämpften sie sich nachts durch das verschneite Doolough-Tal. Bei ihrem Eintreffen in Delphi saßen die Inspektoren gerade beim Dinner. Vor dem Fenster ihres Esszimmers kollabierten die Hungernden, doch Colonel Hogrove und Captain Pimrose gewährten keine Hilfe und schickten die Wartenden wieder fort, ohne sie überhaupt angehört zu haben. Die Skelettprozession kehrte um. Unterwegs starben die völlig entkräfteten Männer, Frauen und Kinder am Wegesrand oder wurden, leicht und kraftlos, wie sie waren, vom Sturm in den Doolough-See geweht.

Das Tal ist gespenstisch menschenleer

Catherine Dillon, Patt Dillon und Honor Dillon – Mutter, Sohn und Tochter, Catherine Grady, Mary McHale und James Flynn. Sechs von 400 Menschen, die in dieser Nacht ihr Leben verloren. Heute erinnern zwei steinerne Mahnmale an die Tragödie von 1849. In eines ist ein Zitat von Mahatma Gandhi graviert: „Wie können sich Menschen durch die Demütigung ihrer Mitmenschen geehrt fühlen?“ Für Reisende, die durch das Tal kommen, sind die beiden Gedenkstätten oft die ersten Hinweise auf die Geschichte des Ortes. In einschlägigen Reiseführern ist darüber nichts oder nur eine dürftige Zweisatz-Version zu lesen, dafür umso mehr über die außergewöhnliche Landschaft. Über die wusste auch der amerikanische Schriftsteller Harold Speakman schon in den 1920er Jahren schwärmerisch zu berichten, dass sie „die schönste sei, die ich in Irland gesehen habe. Nach dem Dorf und dem Fjord, der Norwegen war, und dem Gebirgsbach, der die Schweiz war, kam eine Schlucht, die Montana war, und darüber hinaus ein Gewässer wie eine Miniaturausgabe des Sees von Genezareth.“ Die von Farn überwucherten Ruinen verlassener Dörfer und all die Lazy Beds, alte gräuliche Kartoffelfelder an den Abhängen, erwähnte Speakman nicht und auch nicht die Melancholie. Die liegt in irischen Landschaften fast immer in der Luft, im Doolough Valley paart sich diese Schwermut aber mit einem Gefühl des Ausgeliefertseins. Das Tal ist gespenstisch menschenleer, und weil der Wind hier kaum Bäume und Büsche findet, an denen er zerren könnte, muss er seine ganze Kraft allein an den Wanderern auslassen. Er pfeift sie an, heult auf sie ein, und die 18 Kilometer zwischen Louisburgh und Delphi ziehen sich scheinbar endlos hin.

Friedensnobelpreisträger Desmond Tutu ist diese 18 Kilometer gelaufen, ebenso wie die Vietnamesin Kim Phúc, die als Neunjährige Opfer eines Napalm-Angriffs wurde, wie die Kinder von Tschernobyl, die Mutter der Whistleblowerin Chelsea Manning und wie Vedran Smailovic, bekannt als der Cellist von Sarajewo, der während der Belagerung der Stadt trotz Scharfschützenfeuer täglich spielte. Sie alle gingen nicht allein, sondern nahmen gemeinsam mit 1000 anderen am Famine Walk teil, der seit 1988 alljährlich vom Verein Afri (Action from Ireland) organisiert wird. Eine Million Iren starben während der Hungersnot. Eine Milliarde Menschen hungern heute weltweit, obwohl mehr Lebensmittel produziert werden als je zuvor. Der Gedenkmarsch will an beide Katastrophen erinnern, denn das Elend von gestern und die Not von heute haben die gleiche Ursache - die Unmenschlichkeit eines Systems, das Menschen nicht als Menschen, sondern als Zahlen und Kostenverursacher behandelt. Das treffendste Sinnbild für diese Misere ist das National Famine Memorial, das unweit von Louisburgh errichtet wurde. Ein metallener Dreimaster, der statt Segeln menschliche Skelette hisst. Gewidmet ist es den 1,5 Millionen hungernden Iren, die in die Neue Welt fliehen wollten und ihr Leben während der Überfahrt verloren, doch heute sind solche „Sargschiffe“ wieder unterwegs, und das irische Mahnmal kann auch für all jene Menschen stehen, die aus ihren von Krieg und Terror zerstörten Ländern fliehen und in klapprigen Booten das Mittelmeer überqueren.

Alles beim Alten also. Was hilft es da, wenn wir heute mit Full-Irish-Breakfast im Bauch und wetterfester Funktionskleidung durch ein Tal wandern, in dem Menschen ihre toten Frauen, Kinder, Freunde und Nachbarn am Wegesrand liegen lassen mussten, weil ihnen die Kraft fehlte, sie zu beerdigen? Im besten Fall bringen wir nach dem Lauf durch die Geschichte fremder Menschen nicht nur schöne Landschaftsbilder und einen Muskelkater mit nach Hause, sondern auch den Glauben an die Gemeinschaft. Im alten Irland gab es die Tradition, dass eine Gruppe benachbarter Landwirte tagelang zusammenkam, um Kartoffeln und Heu zu ernten – erst auf der einen, dann auf der anderen Farm. Ihr Handeln als Team brachte für jeden Einzelnen einen Gewinn. Solange Menschen nach Mayo kommen, um der Opfer der Irischen Hungersnot zu gedenken und mit den Füßen für Gerechtigkeit zu stimmen, setzt sich dieser Brauch der gemeinsamen Bemühungen für ein gemeinsames Ziel fort. Das irische Wort dafür lautet Meitheal, und es kann die Welt genauso schön glitzern lassen wie Aiteall.