Reise

Wellness in der City

Archivartikel

Ein Kurztrip nach Zürich: Baden und Bummeln statt Shopping und Sightseeing können sehr erholsam sein.

Am Lindenhof, einem baumbestandenen Kiesplatz hoch über der Altstadt Zürichs, setzt die Entspannung ein. Endlich einige Minuten Zeit, um innezuhalten, die Blicke schweifen zu lassen, die Betriebsamkeit ringsherum zu betrachten. Junge Asiatinnen scharen sich um den besten Sonnenfleck fürs Foto, aufgescheucht wie Teenager wirken sie, bevor sie von ihrem Guide wieder zusammengerufen werden. Zwei Blondinen in Slingpumps, ganz offenbar Bloggerinnen, posen fürs Selfie. Sie fotografieren sich gegenseitig, prüfen stetig das Ergebnis im Schatten der Linde. Eine trägt einen Blumentopf herum, umhäkelt wie eine Makramee-Ampel der 80er Jahre.

Oben sitzt ein Griff aus Leder, als Handtasche soll der Topf wohl dienen. Er muss mit aufs Bild, wahrscheinlich kann man den zeitgleich online erstehen für teuer Geld. „Madame Seltsam oder wie ich lernte, den Blumentopf zu lieben.“ Da fallen einem gleich ein paar passende Filmtitel ein. Im rückseitigen Teil des Platzes spielen Männer jeden Alters Schach auf großen Feldern. Der Rummel vorne am Panoramablick Richtung Limmat lässt sie ganz offenbar kalt. Wie klug. Denn das ist wirklich schön und wohltuend hier.

Kann man eine Stadt genießen ohne Shopping, ohne Sightseeing, ohne Geschäftstermine? – Zürich ist schnell erreicht, sowohl von Stuttgart als auch von Bern aus, wo eine Freundin wohnt und arbeitet. Ein Treffen in der Mitte, wertvolle Zeit gemeinsam, eine Übernachtung nur: Da kann man sich auch mal ein gutes Hotel gönnen.

Der Pool ist diesmal babywarm

Das Swissôtel wirbt mit einem neuen „Vitality“-Konzept und günstigen Wochenend-Rates, zudem liegt es direkt am Bahnhof Oerlikon. 1972 als „Hotel International Zürich“ eröffnet, wurde es 1981 als Crewhotel für Flugbegleiter von der Swissair übernommen: Es war das erste Swissôtel der Welt. 32 Stockwerke ist es hoch, das höchste Hotelgebäude in Zürich und das viertgrößte Hotel der Schweiz. Ganz oben laden der Pool und die Saunen zur Entspannung ein.

Diese Abteilung musste gleich nach der Ankunft am Vortag getestet werden: Nicht sonderlich groß ist sie, der Pool rund und babywarm, also nichts für Schwimmerinnen. Aber ein großer Blick.

Auf den Zimmern findet sich nicht nur das Angebot, Yogamatten und anderes Fitness-Equipment auszuleihen, sondern auch eine Karte mit der Beschreibung der Umgebung in Oerlikon. Besonders der MFO-Park scheint spannend, ein „Vertikal-Park“ auf dem Gelände einer früheren Maschinenfabrik. Nur fünf Minuten liegt er entfernt, direkt hinter dem Bahnhof, und er ist wirklich sehr speziell. Hier kann man die Yogamatten ausrollen und einen morgendlichen Sonnengruß üben: unter dem schattigen Dach des an Gestellen rankenden Grüns. Man kann aber auch die Metalltreppen hochsteigen und sich auf einer Aussichtsplattform sonnen oder von hier aus über die Dächer des Stadtviertels sehen.

Jetzt steht allerdings die Verabredung in der Altstadt an, ein Kreativseminar mit der Künstlerin Marisa Burn, unterstützt an diesem Tag von Myriam Zumbühl. Etwas mühsam reißt man sich vom lässigen Lindenhof los, aber die beiden warten: Myriam ist Spezialistin für Resilienz, Marisa Burn verbindet „Design mit Bewusstsein“ und fertigt tuschegemalte Botschaften an. Im Rennweg findet sich ihr Atelier im idyllischen Hinterhof eines Altbaus, oberhalb eines Barbershops. Im Hof plätschert ein Brunnen.

Zunächst leitet Myriam Zumbühl eine Fantasiereise an: „Womit machen Sie sich das Leben schwer? Was möchten Sie verbessern?“ – Man schreibt jede Menge Ärgernisse nieder, bewertet sie und spitzt zu. Was zunächst deutlich zu esoterisch schien, zieht einen doch in den Bann. Wann macht man sich schon Gedanken um Wesentliches? Letztlich findet jede einen Kernsatz, den sie in Zukunft vor Augen haben möchte. Marisa Burn setzt ihn um, in einem einzigen langen Ausatmen mit Pinsel und Tusche auf Aquarellpapier. In Hoch- oder Querformat, persönlich signiert und mit der Wunschfarbe unterlegt. Wow. Eine tolle Erinnerung an ein unvergessliches Wochenende.

Doch vor der Rückreise in den Alltag das Highlight des Sommertages. Darauf hat man sich schon die letzten Wochen gefreut: das Frauenbad an der Limmat. Endlich einmal in den klaren Fluss springen, endlich einmal befreit schwimmen. Unter Frauen, ganz entspannt. Tatsächlich ist es wunderschön, noch schöner als gedacht. Eine Schwimmbrille sei empfohlen, denn damit kann man unter Wasser die Fischlein beobachten, die im Licht schillern und im Schwarm gegen den Strom anschwimmen. Ganz wie man selbst. Befreit und froh des Lebens.