Reise

Welterbe-Titel: Fluch oder Segen?

Archivartikel

Wenn eine Sehenswürdigkeit als Unesco-Weltkulturerbe eingestuft wird, dann entspricht das einem touristischen Ritterschlag. Dabei soll der Titel nicht die Reisebranche fördern, sondern einmalige Kulturgüter schützen. Doch das klappt nicht immer.

Erst beim dritten Anlauf hat es geklappt: Im Juli 2018 wurde der Naumburger Dom auf der Tagung des Unesco-Welterbekomitees in Bahrain in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Während der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff, von neuen Impulsen für den Kulturtourismus in Naumburg sprach, wurde Wirtschaftsminister Armin Willingmann deutlicher: „Die Titelvergabe wird sicherlich auch unserer Tourismuswirtschaft Schub verleihen.“

Willingmann weiß, wovon er spricht. Die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes ist bares Geld wert. Die Bundesrepublik hat derzeit 44 Welterbestätten, darunter den Kölner Dom, die Völklinger Hütte und das Wattenmeer. Zusammen ziehen die Unesco-Attraktionen rund 70 Millionen Menschen pro Jahr an, und die spülen mehrere Milliarden Euro in die Kassen der Tourismusbranche.

Der Welterbetitel ist also nicht umsonst so begehrt. Er garantiert sofortige Berühmtheit. Wer zum feinen Club gehört, der wird fortan in einem Atemzug mit der Chinesischen Mauer, dem Tadsch Mahal und den Pyramiden von Gizeh genannt. Vor allem für ausländische Besucher ist die Auszeichnung zu einem Sightseeing-Gütesiegel avanciert. Die mittelalterliche Stadt Quedlinburg hat so dank des Unesco-Siegels die Zahl der Übernachtungen von gerade mal 1212 Gästen im Jahr 1992 auf heute rund eine halbe Million vervielfacht.

Die Umwelt leidet unter dem Ansturm der Massen

Das klingt eindrucksvoll, aber es geht noch größer. Die Inkastadt Machu Picchu in Peru zieht alljährlich rund 1,2 Millionen Besucher an, die Tempelanlagen von Angkor Wat in Kambodscha zwei Millionen, der Tadsch Mahal in Indien rund acht Millionen, die Chinesische Mauer über zehn Millionen. Angesichts dieser Größenordnungen stellt sich die Frage: Wie sollen all diese Besuchermassen versorgt werden? Denn der Unesco-Welterbetitel bringt zwar gute Geschäfte, aber ein Tourist schmutzt eben auch. Wenn die Infrastruktur – vom Abwassersystem bis zum Besuchermanagement –nicht mithalten kann, dann leiden alle darunter: Umwelt, Einwohner, Welterbe und die Reisenden.

Protestierende Einwohner, steigende Preise und explodierende Mieten sind die Folge, wenn mit dem Unesco-Welterbe nicht behutsam umgegangen wird. Venedig ist das offensichtlichste Beispiel. Dort nimmt die Stadtbevölkerung von nur noch gut 50 000 Menschen stetig ab, während jährlich rund 30 Millionen Besucher in die Lagunenstadt strömen. Da versinkt ein Unesco-Weltkulturerbe langsam in den Besuchermassen.

Dabei soll Erhalt, nicht Untergang die eigentliche Mission des Welterbes sein. Begonnen hatte es mit der ägyptischen Tempelanlage von Abu Simbel Anfang der 1960er Jahre. Sie würde es heute wegen des Assuan-Staudamms nicht mehr geben. Stattdessen wurde sie mithilfe der Unesco Stein für Stein abgetragen und 64 Meter höher verlegt. So entstand die Idee einer Liste universal gültiger menschlicher Errungenschaften, die 1978 erstmals mit zwölf Nennungen veröffentlicht wurde. Inzwischen stehen 1092 Welterbestätten in 167 Ländern auf der Liste. Italien führt mit 54 Orten das Verzeichnis an, Deutschland nimmt mit 44 Erwähnungen Platz vier weltweit ein. 54 Einträge lang ist aktuell die Rote Liste des gefährdeten Welterbes; sie wird von der Unesco auch bereits seit den 1970er Jahren geführt. Gerade wenn es um bedrohte Orte geht, sollte ihr Schutz wichtiger sein als Rekorde und Besucherzahlen. Daran aber scheiden sich die Geister. Zu den kritischen Beobachtern des Weltkulturerbes gehört Christoph Brumann, Professor am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle. Der Forscher macht sich auf der Website des Instituts nicht allein über die inflationäre Zahl der Stätten Gedanken. Er stellt auch fest, dass die Auswahl die Industriestaaten bevorzugt. So befinden sich fast die Hälfte aller Welterbe-Standorte in Europa und Nordamerika. Weil diese Länder das Geld und vor allem die Expertise haben, Bewerbungen bei der Unesco-Kommission erfolgreich durchzuboxen, schafften es bis in die Nullerjahre unverhältnismäßig viele Welterbestätten aus dieser Region auf die Liste. Erst seit 2003 betrachtet die Unesco immaterielles Kulturgut –Handwerk, Musik, Rituale – als schützenswert. Seitdem hat der Rest der Welt wieder eine Chance, in den Unesco-Club aufgenommen zu werden, wenngleich diese Art der Ehre natürlich keine direkten materiellen Vorteile mit sich bringt.

Ein Streitpunkt bleibt, inwieweit Welterbestätten dem Denkmalschutz – ein sehr westliches Konzept – unterstehen und zugleich Bestandteil des traditionellen Umfelds der Bevölkerung bleiben können. So ärgern sich Einheimische in Angkor Wat, weil sie auf dem weitläufigen Tempelgelände nicht mehr Früchte und Holz sammeln dürfen. Zudem erregt die eher weltliche Art und Weise, heilige Standorte museal zu betrachten und zu restaurieren, nicht selten den Zorn der Einheimischen. Denn damit gehen oft Verbote einher, die lokale Religionsbedürfnisse ignorieren. Dass nicht jeder wegen eines Unesco-Welterbes in seiner Nachbarschaft in Jubel ausbricht, zeigt sich auch hierzulande. Schon 2009 wurde Dresden wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke der Welterbestatus aberkannt – die Einheimischen wollten nicht in einem Museum wohnen mit Vorschriften, wie sie zu leben haben. So bedauerlich Dresdens oberster Tourismuswerber Jürgen Amann den Titelverlust auch findet: Die Stadt, meint er, habe darunter nie gelitten: „Zwischen 2009 und 2014 haben wir ein deutliches Wachstum an Ankünften und Übernachtungen verzeichnen können.“ Dennoch plant Dresden für die Gartenstadt Hellerau eine erneute Welterbe-Bewerbung. So ein Unesco-Prädikat ist eben doch etwas wert.

Ritterschlag ohne Rüstung

Inzwischen hat die Unesco-Kommission auf mögliche Konfliktherde reagiert. Die Organisation unterstützt nachhaltigen Tourismus und hat entsprechende Programme aufgelegt. Neben der Verbesserung der politischen Rahmenbedingungen gilt das Augenmerk dem praktischen Erfahrungsaustausch und der Einbindung der Bevölkerung. Schulungen, Workshops mit konkreten Fallbeispielen und intelligente Tourismuskonzepte sind gefragt. Als Leuchtturmprojekt gilt die länderübergreifende Kooperation in Sachen nachhaltiger Tourismus des Unesco-Welterbes Wattenmeer.

Letztendlich stößt jedoch selbst eine Weltorganisation wie die Unesco bei der Rettung ernsthaft bedrohter Kulturstätten an ihre Grenzen. Als „Ritterschlag ohne Rüstung“ bezeichnet daher Ethnologe Christoph Brumann den Titel. Er weist auf die Zerstörung von Palmyra in Syrien und Hatra im Irak durch den Islamischen Staat hin. „Mit dem Welterbe-Status ist der etwas naive Wunsch verbunden, dass das großartige Erbe die Menschen verbinden wird. Aber so einfach ist es nicht“, zieht der Wissenschaftler Bilanz.