Reise

Weltmeister der Herzen

Archivartikel

Bei der Fußball-Wm spielt sich Islands Nationalteam mal wieder in die Herzen von Millionen Menschen. Wer nun Isländer kennenlernen möchte, folgt diesen Tipps.

Eiskalt baden

Wären Asterix und Obelix je nach Akranes, der größten Stadt in Westisland rund 50 Kilometer von der Hauptstadt Reykjavík entfernt, gekommen, ihr Urteil wäre eindeutig gewesen: „Die spinnen, die Isländer!“ Dreimal pro Woche treffen sich hier am Strand beim Sportplatz die Meeresschwimmer von Akranes. So nah am Polarkreis ist glasklar: Diese Veranstaltung ist nichts für Warmduscher! Die Wassertemperatur beträgt selbst im Hochsommer selten mehr als neun Grad Celsius. Aus medizinischer Sicht ist Mitmachen jedoch durchaus zu empfehlen. „Der Kältereiz stärkt das Immunsystem“, sagt Bjarnheiur Hallsdóttir. „Ist auch gut gegen Muskelkater“, fügt sie lächelnd hinzu. „Deshalb heißt es für Fußballer nach einem Spiel: Ab in die Eistonne!“ Als Einwohnerin von Akranes kennt sie sich in der Materie aus. Denn der Fußballverein der Stadt gehört zu den besten des Landes. Zum Schwimmen im eiskalten Atlantik tragen die Eiswasserschwimmer übrigens Schuhe und Handschuhe aus Neopren und wer es selbst ausprobiert, wird gleich merken, dass man so tatsächlich viel leichter reinkommt ins kalte Nass. Eine tolle Erfahrung ist es allemal. Danach nehmen die Eiswasserschwimmer ihre Gäste mit in den Hot Pot des nahe gelegenen Thermalbades. Der Sprung ins mollig warme Wasser fühlt sich nach dem Bad im Meer doppelt so herrlich an!

Lämmchen knuddeln

Am wunderschönen Fjord Hvalfjördur östlich von Akranes kann man die sympathische Arnheiur Hjorleifsdóttir treffen. Gemeinsam mit ihrem Mann, den Schwiegereltern und ihrem Schwager bewirtschaftet sie die Bjarteyjarsandur-Farm. Über 600 Schafe besitzt die Familie, außerdem Hütehunde, Hühner, Islandpferde, Kaninchen, zwei Ziegen und während des Sommers auch einige frei laufende Schweine. Im Frühling können Besucher zusehen, wie die Lämmchen geboren werden, und die wenigen Tage alten Tiere streicheln und knuddeln. Arnheiur nimmt die Gäste auf Wunsch aber auch mit, wenn sie am Fjord Muscheln sammelt. Sie zeigt ihnen, wie sie die Wolle verarbeitet, und erklärt ihnen, warum ihr Lammschinken bei einem nationalen Gourmetwettbewerb ausgezeichnet worden ist: Sie legt ihn vor dem Räuchern in Blaubeersirup ein. Geräuchert wird anschließend in „dryed, old sheepshit“, also mit getrockneter Schafssch. . .“, sagt Arnheiur und lacht. „Bei uns gibt es kein schöneres Wort! Aber ihr Glücklichen, ihr habt eins: Dung.“ Wer isländische Kultur hautnah erleben und sich ein Bild vom bäuerlichen Leben in Island machen möchte, kann dafür wohl kaum einen besseren Ort finden als den Bauernhof von Arnheiur. „Je nach Jahreszeit und Wunsch können unsere Gäste teilweise oder komplett in den Alltag auf dem Bauernhof integriert werden“, verspricht sie.

Tomatenbier trinken

Das bekannteste Heißquellengebiet Islands liegt im Südwesten des Landes. Wer dorthin fährt, um sich die Geysire anzusehen, sollte unbedingt einen Abstecher ins Örtchen Reykholt machen, das nur wenige Kilometer entfernt ist. Dort können Besucher die Familie Ármann kennenlernen und bestaunen, wie sich diese Geothermie zunutze macht: Die Ármanns bauen hier – am Rande des Polarkreises – Tomaten an. Und die gedeihen sogar prächtig. Rund eine Tonne wird täglich geerntet. Besucher der Farm dürfen dabei zusehen oder auch mal selbst Hand anlegen. Damit das Nachtschattengewächs, das Wärme liebt, sich wohlfühlt, heizt Knútur Ármann seinen Tomaten kräftig ein – ohne Holz, Öl oder Gas, sondern mit Erdwärme. Das ist günstig und umweltfreundlich. Und so ist heute in Island selbstverständlich, was vor 20 Jahren noch undenkbar war: In jedem Supermarkt in Island gibt es Tomaten aus Island. Knapp ein Fünftel der gesamten Produktion des Landes stammt aus den Gewächshäusern der Farm Friheimar, die die Ármanns vor 20 Jahren gekauft haben. Das Geschäft boomt, obwohl die Tomaten der Ármanns sogar teurer sind als Importware aus Mitteleuropa. „Die Isländer zahlen für lokale Produkte gerne etwas mehr“, erklärt Knúturs Frau Helena. Wer mag, kann in einer Art Bistro zwischen den Tomatenranken im wohltemperierten Gewächshaus einkehren und dort u. a. Pasta mit hausgemachtem Tomatensugo, Tomatensuppe oder Apfelkuchen mit grünen Tomaten und Schlagsahne oder Tomateneis probieren. Als erster Anbieter in Island produziert Ármann seit Neuestem auch ein Tomatenbier, das ebenfalls vor Ort serviert wird. Auch bekannte Tomaten-Drinks wie „Bloody Mary“ stehen auf der Getränkekarte. Und im Farmladen „Little Tomato Shop“ gibt es essbare Souvenirs zu kaufen.

Geothermal-Brot kosten

„Das ist mein Ofen“, sagt Maria Rós Björnsdóttir und deutet auf den Boden nur wenige Meter vom See Laugarvatn entfernt, in dessen Uferzone an mehreren Stellen eigentümliche Luftblasen aufsteigen. Laugarvatn bedeutet „lauwarmes Wasser“. Tatsächlich tritt hier an verschiedenen Stellen jedoch kochend heißer Dampf aus, der sich mit dem Wasser des Sees vermischt. Um ihr Brot zu backen, hat sich Maria Rós eine Stelle am Ufer gesucht, wo der Sand „kocht“. Am Vortag hatte sie Brotteig in einen Topf mit Deckel getan und ihn hier vergraben. 24 Stunden bleibt der Topf im heißen Sand, dann ist das Brot fertig gebacken. Das Verfahren nennt sich „Geothermale Bäckerei“. „Seit Jahrhunderten wird in Island das Brot auf diese Weise zubereitet“, erklärt die 23-Jährige, während sie den Topf ausbuddelt. Wenig später dürfen ihre Gäste das Brot frisch aufgeschnitten und noch lauwarm mit Butter und geräuchertem Lachs genießen. Köstlich! „Unser Rúgbrau schmeckt so ähnlich wie das deutsche Schwarzbrot“, weiß Maria Rós. Dass Rúgbrau – zu Deutsch schlicht Roggenbrot – bei übermäßigem Verzehr Blähungen verursacht und von den Einheimischen deshalb Prumari, also Donnerbrot genannt wird, erwähnt sie dagegen lieber nicht. Denn Isländer sind zwar definitiv fußballverrückt und manchmal sogar ein bisschen sonderbar, aber keinesfalls peinlich.