Reise

Böhmerwald Unterwegs auf dem grenzüberschreitenden Pilgerweg Via Nova

Wenn der Auerhahn am Morgen ruft

Viel Wald, malerische Dörfer mit Kopfsteinpflastergassen, kleine Pfarrkirchen und eine Burg – die Tour durch den tschechischen Böhmerwald ist eine Entdeckungsreise. Es lohnt sich, die Wanderschuhe zu schnüren, um Natur und Kultur im Süden Böhmens zu entdecken.

Samstagmorgens um 5 Uhr hat man den Böhmerwald noch fast für sich allein. Nur ein paar Spaziergänger mit Wollmütze und Hund sind zum Sonnaufgang auf den Berg Boubin unterwegs. Von der Plattform in einer Höhe von 1362 Meter gibt es einen weiten Ausblick über den östlichen Böhmerwald, den Nationalpark Bayerischer Wald und an guten Tagen bis in die Alpen.

Sobald die Sonne den Horizont überschreitet, wechseln die Farben von orange bis knallrot. Fichten und Tannen wiegen sich im Wind. Unüberhörbar ist das Ende der Nacht. In der Ferne klappert der Auerhahn, der versteckt auf einer Baumkrone sitzt. Aus Vorsicht, denn auch der Luchs kriecht am Morgen aus dem Unterholz und jagt seine Beute.

Raubkatzen aus der Nähe

„Auerhahn und Luchs sind wieder da, aus dem bayrischen Wald hierher gekommen. Bei ihren Streifzügen halten sich die Raubkatzen natürlich nicht an Ländergrenzen“, sagt Joseph Stembeck, Ranger im Nationalpark Sumava. Und er empfiehlt: „Um dieser Wildkatze etwas näher zu kommen, dafür ist der Wildpark im Besucherzentrum Kvilda genau richtig.“

Durch das Gehege führt ein Lehrpfad mit Aussichtstürmen. Mit sehr viel Glück wird man den Luchs zu Gesicht bekommen. Er ist scheu und das Gehege ist kein Zoo. Dafür lassen sich die Rothirsche von einem Aussichtsturm wunderbar beobachten. Zu jeder Jahreszeit zeigen sich Hirsch und Hirschkuh und die kleinen Kälber.

Tierbeobachtungen sind eines der Ziele auf dem Via Nova Pilgerweg, der von Österreich über Bayern nach Tschechien führt. Nicht zu vergleichen mit dem Jakobsweg in Spanien.

Auf dieser Strecke finden sich mehrere Gedenkstätten, die an die jüdische Tradition in Westböhmen erinnern, die von den Nazis weitgehend ausgelöscht wurde. Die Bergsynagoge in Hartmanice, die mit privaten Mitteln renoviert und zum Museum umgebaut wurde, ist eine davon.

Nicht nur der jüdische Glaube hat seinen Platz auf einer Pilgerwanderung entlang der Via Nova. Wer auf dem tschechischen Teil des grenzüberschreitenden Pilgerwegs unterwegs ist, erlebt bei der Tour eine faszinierende Mischung aus Natur und Kultur. Baumstämme sind mit Moos überzogen, im Hochmoor wachsen fast 200-jährige Bergfichten, Zwergbirken und vom Wind gezauste kleine Bäume. Durch das Gebiet Sumava unternahm bereits vor 1000 Jahren der Mönch Gunther seine Streifzüge. Heute pilgern Hunderte auf seinen Spuren nach Gutwasser, einem Wallfahrtsort mit der St. Gunther-Kirche und dem Guntherbrunnen. Vladena Tesarova, eine Glaskünstlerin aus Prag, fand hier ihre zweite Heimat und entwarf das dreiteilige Altarretabel aus Glas.

Im Herz des Böhmerwalds

Mitten im Herzen des Böhmerwaldes ist man, sobald die weiß leuchtende zweitürmige Burgruine Karlsberg auftaucht. Der böhmische König und deutsche Kaiser Karl IV. (1316-1378) ließ sie 1365 auf einem Felssporn erbauen. Mit den steil abfallenden Wänden war sie fast uneinnehmbar. Sie sollte die Handelswege wie auch die nahe Grenze zu Bayern bewachen, vor allem aber die Golderztransporte aus den Reichensteiner Revieren sichern. Nach dem Dreißigjährigen Krieg wurde sie weitgehend niedergerissen, jedoch seit den 1930er Jahren wieder rekonstruiert.

In der Burg gibt es ein Museum zur Geschichte des Goldbergbaus in der Region sowie zum Leben Kaiser Karls IV. Ein Stückchen unterhalb der Burg treffen mehrere Wanderwege zusammen. Informationstafeln geben Auskunft über Orte, Pflanzen und Tiere.

Zu den schönsten Tälern des Böhmerwaldes zählt das romantische Tal, durch das der Fluss Vydra fließt. Anfangs ist er nur ein kleiner Bach, der sich jedoch zu einem reißenden Fluss mit zahlreichen Granitfelsen, Stromschnellen und Wasserfällen entwickelt. Im klaren Wasser fühlen sich Otter und Forelle sehr wohl. Unterwegs kann man das steinige, wilde Flussbett bestaunen. Tausende Teiche sind durch Kanäle verbunden, die seit dem 13. Jahrhundert den fetten Fisch liefern, der auf keiner Speisekarte Südböhmens fehlt: Forelle, mit Knödeln und Kraut mit Schmalz.