Reise

Wie die Sole klettern lernte

Archivartikel

Vor 400 Jahren bauten pfiffige Bayern die erste Pipeline der Welt. In hohlen Baumstämmen floss Salz von Reichenhall nach Traunstein und überwand Berge. Auf dem Salzalpensteig, in Museen und an Orten entlang der Soleleitung kann man die geniale Technikgeschichte erwandern, anfassen und feiern.

Noch eine Stufe. Und noch eine. Längst ist das Mitzählen vergessen, die Frage drängt sich auf, weshalb das hier eine Himmelsleiter sein soll – Höllentreppe wäre passender. Werner Bauregger schmunzelt. „Brunnwärter brauchten kein Fitnessstudio“, sagt der Heimatpfleger von Weißbach: Gut 500 Stufen führen in Falllinie vom 400 Jahre alten Brunnhaus Nagling hinauf zum höchsten Punkt der 31 Kilometer langen Soleleitung von Reichenhall nach Traunstein. Oben steht die Hochreserve von 1817, die rund 1200 Kubikmeter Sole fasste und sicherstellte, dass die Produktion bei einem Leck nicht still stand.

Erfindergeist spielte eine große Rolle beim Bau der ersten Pipeline der Welt – dahinter standen aber handfeste Interessen. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts machte der Salzhandel rund 40 Prozent des bayerischen Staatshaushaltes aus. Als man 1613 eine neue Salzquelle in Reichenhall entdeckte, versprach diese üppige Gewinne. Allerdings wurde hier das Holz knapp. Also plante man eine Soleleitung, die Berge und Täler und 238 Meter Höhenunterschied zwischen Reichenhall und Traunstein überwinden sollte. Da kam gerade recht, dass die Ingenieure Hans und Simon Reiffenstuel eine Kolbendruckmaschine entwickelt hatten. Ihr Salzwasser-Hebewerk konnte die Sole um bis zu 60 Meter hochpumpen.

Die Traun lieferte Holz für die Sudpfannen

Wie das ging, kann Otto Huber prima erklären. Er ist der Spross einer Brunnwart-Dynastie, die bis ins Jahr 1619 zurückreicht. Noch sein Großvater Franz Xaver Strobl arbeitete als Brunnwart. Tradition verpflichtet, weshalb sich Huber der Rettung derselben annahm und in Traunstein einen Salinenpark initiierte. Dessen Schmuckstück ist eine original Wassersäulenmaschine. „Es ist spannend, jungen Leuten zu zeigen, was für ein Aufwand es ist, die Sole hochzupumpen ohne Strom, ohne Öl, nur mit Holz, Wasserkraft und Manpower“, schwärmt Huber. Der Salinenpark beherbergt neben historischer Technik eine Reihe denkmalgeschützter Salinenhäuser. „Im Erdgeschoss wurde Salz getrocknet, im ersten Stock wohnten die rund 150 Salinenarbeiter mit ihren Familien“, erklärt Huber. Zwischen den Wohngebäuden flossen Bäche, die zum Wäschewaschen und fürs Abwasser genutzt wurden – abwechselnd, zu festen Zeiten. Mittendrin steht mit der Salinenkapelle die größte Kapelle Deutschlands, außerdem blieb eine der riesigen Sudpfannen erhalten. Jede der einst acht Pfannen verbrauchte wöchentlich 540 Kubikmeter Heizholz, das von den Wäldern über die Traun direkt vor die Tür geschwemmt wurde. Ab 1619 wurden in Traunstein rund 4500 Tonnen Salz produziert, nach dem Bau einer zweiten Leitung 1780 sogar 10 700 Tonnen pro Jahr.

Ein Selbstläufer war der Salinenpark, der im Juli eröffnet wird, nicht, erzählt Huber: „Vor den Salinenhäusern standen alte Turnhallen, die abgerissen und durch ein monströses Hotel ersetzt werden sollten. Stadt und Turnverein waren sich schon einig mit einem Investor – da sind wir reingegrätscht.“ Nach anfänglicher Skepsis gewann die Idee der Ehrenamtler immer mehr Herzen und schließlich auch die Stadt als Mitstreiter. Dazu trug allerdings maßgeblich ein ungenannter Spender mit einer Million Euro bei.

Quer durch die Salzgeschichte Traunsteins führt ganz stilecht Josef Knott als original gewandeter Salzmaier. Die Aufgaben dieses hochrangigen Beamten waren vielfältig, wie Knott weiß: „Der Salzmaier sprach Urteile bei Salz- oder Holzdiebstahl und handelte die Löhne aus.“ Für Vergehen büßte man gern mal eine Woche im Halsgalgen auf dem Schrannenmarkt. Hier wacht auch bis heute der heilige Rupert mit einem Salzfässchen über das Wohl der Stadt, prächtige Wachtürme erzählen vom Reichtum, den es zu behüten galt.

So lukrativ der Salzhandel für die Stadt war, so hart war die Arbeit an der Soleleitung. Das erahnt, wer nach dem steilen Aufstieg zum höchsten Punkt der Soleleitung dem Salzalpensteig weiter folgt. Dieser Fernwanderweg führt auf den Spuren des Salzes über 230 Kilometer vom Chiemsee zum Hallstätter See. Unterwegs zweigen 26 kürzere Salzalpentouren ab. Stellenweise begleitet die 400 Jahre alte Soleleitung die Wanderer. Zunächst wirken die bemoosten Stämme wie eine Wegeinfassung, doch plötzlich stutzt man: Die Bäume sind nicht nur bolzgerade, sondern mit rostigen Klammern verbunden, hohl und 400 Jahre alt!

Deicheln heißen die Rohrstücke für die Soleleitung, gefertigt aus gerade gewachsenen Tannen oder Fichten, die von Hand mit einem Riesenbohrer ausgehöhlt werden. Wie viel Arbeit das ist, demonstriert Forstwirt Georg Dufter im Holzknechtmuseum von Ruhpolding. Er setzt mit einem Kollegen den 40 Kilogramm schweren Bohrer mit geschmiedeter Eisenspitze auf einem Holzbock an. Ein dritter Mann justiert ihn so, dass er genau in den Kern des auf einer Vorrichtung festgeketteten Stammes trifft. Dann hängen sich die Männer mit aller Kraft in das Holzkreuz am Bohrerende und holen das Innere des Baumes ans Licht.

Dass der Holzknechtverein von Ruhpolding sein 400-Jahr-Jubiläum gleichzeitig mit der ersten Soleleitung feiert, verwundert nicht angesichts der Bedeutung des Holzes für Leitungsbau und Salzgewinnung. Bemerkenswert dagegen ist, dass der einstige Selbsthilfeverein noch heute lebendig und ohne Nachwuchssorgen ist. Die Holzknechte heißen Forstwirte und arbeiten mit Motorsägen statt mit Äxten. Sie hausen auch nicht mehr die ganze Arbeitswoche in roh gezimmerten Hütten im Wald. Doch ihre Arbeit blieb anspruchsvoll und hart und sie sind stolz auf ihren Beruf und pflegen dessen Tradition.

Auch das Museum Salz und Moor in Grassau hält die Erinnerung an die Salzgeschichte des Chiemgaus lebendig – schon durch sein Domizil: Es residiert in der einstigen Pumpstation Klaushäusl, wo Brunnwärterhaus, Reservebehälter, Stallscheune, Gehilfenwohnung und Werkstatt noch komplett erhalten sind. Museumsleiter Stefan Kattari und sein Team begleiten das Salzjubiläum mit einer Sonderausstellung. „Salz war das einzige Mittel zur Konservierung“, schildert Kattari, „deshalb war es so wertvoll, dass es Kriege auslöste und mit Gold aufgewogen wurde.“