Reise

Wie früher

Archivartikel

Alte Handwerkskunst und lebendige Traditionen kann man im Westschweizer Kanton Fribourg im Vorbeigehen erleben – am besten bei einer Wanderung im Voralpenland oder durch die Rebberge am Murtensee.

Mit feinen Pinselstrichen setzt Marguerite Raemy der Kuh weiße Flecken auf den schwarzen Rücken. Seit vier Jahrzehnten zeichnet die Poya-Malerin Kühe. „Poya“ bezeichnet im frankoprovenzalischen Dialekt der Region den Almaufzug der Viehherden im Frühling. Hierunter versteht man jedoch auch die naiven

Malereien auf Holz, die dieses Thema bildhaft festhalten: eine lange Reihe von Kühen und anderen Hoftieren, begleitet von Sennen und weiteren für das Alpleben typischen Elementen. Viele Bauern schmücken seit dem frühen 19. Jahrhundert ihren Hof mit einem Bild ihrer eigenen Herde, wenn sie es sich leisten können. Wichtig ist dabei weniger die Genauigkeit der mit gezackten Felsen im Matterhornstil gekrönten Bergketten im Hintergrund als die exakte Darstellung des Viehs. „Ich fahre immer zu den Bauern auf den Hof und schaue mir die Tiere an“, sagt Marguerite Raemy. Heute verteilen sich auf die Bauernhöfe im Voralpenland von Fribourg mehrere Hundert Poyas. Einige der schönsten zeigt das Musée gruérien in Bulle.

Auf die Spuren der Schindelmacher begibt sich, wer sich von der Gondelbahn in Charmey nach Vounetz auf 1630 Meter Höhe bringen lässt, zum Ausgangspunkt zahlreicher Wanderungen und Mountainbike-Touren. Hier gibt es besonders schöne, mit Holzschindeln gedeckte Chalets. Tavillon werden die dünnen Brettchen auf Französisch genannt und sie werden noch heute von Hand hergestellt. Vincent Gachet deckt gerade das Dach des Chalet de l’Arsetta neu. Er ist einer von fünf Männern im Kanton Fribourg, die diesen Beruf noch von der Pike auf erlernt haben. Neben Schwindelfreiheit, Wetterfestigkeit, Kraft und Konzentration braucht er ein feines Gespür fürs Holz, damit sein Werk rund 50 Jahre lang der rauen Witterung der Berge trotzt. Im Chalet du Drotzu treffen Wanderer mit etwas Glück auf Jean-Mari Dafflon, den alle nur „Coco“ nennen. Der alte Korbmacher zieht sich gern hin und wieder in die Alphütte der Familie zurück, manchmal in Begleitung seines Enkels. Gemeinsam sitzen sie dann vor der offenen Feuerstelle und fertigen die für die Region La Gruyère typischen Holzschüsseln und Holzrahmlöffel. Wenn er guter Stimmung ist, lädt Jean-Mari Dafflon Passanten gern zu einer Tasse Kaffee ein und zeigt ihnen, woran man echte Handwerkskunst erkennt: „So eine Holzschüssel besteht aus mehreren Teilen, die durch einen Holzring zusammengehalten werden, wie ein Fass. Traditionell werden dafür keine Nägel verwendet.“

Auf vielen Alphütten der Region sind die aus einem Stück geschnitzten Holzrahmlöffel im Einsatz. Der breite, häufig kunstvoll durchstochene Stiel erlaubt einen guten Griff, der den Sennen das Rühren des sämigen Doppelrahms vereinfacht. Jetzt, im Herbst, wird die Greyerzer Spezialität in vielen Restaurants des Kantons serviert. Zusammen mit Meringues bildet sie den Abschluss des Kilbi-Menüs. Seit Jahrhunderten feiert man in der Region Fribourg das Erntedankfest Kilbi – auf Französisch Bénichon – mit einem großen Festmahl. Lammgigot mit Büschelibirnen gehört ebenso auf die Teller wie Safranbrot mit süßem Gewürzsenf und die Fribourg-Platte mit Beinschinken und geräuchertem Euter. Im deutschsprachigen Teil des Kantons wird „Schafvoräss“ serviert, ein Gericht, bei dem sich Herz, Zunge, Lunge, Hirn und Leber mit Weißwein, Muskat und Zwiebeln nach zwei bis drei Stunden auf dem Herd zur typischen Spezialität des Fribourg vereinen. Die passende Atmosphäre bietet zum Beispiel das Städtchen Murten mit seinem vollständig erhaltenen mittelalterlichen Zentrum. Wer sich nicht so sehr für das fleischlastige Kilbi-Menü begeistern kann, findet in den exzellenten Fischrestaurants eine Alternative mit Blick über den Murtensee auf den Mont Vully, eines der kleinsten Weinanbaugebiete der Schweiz. Cédric Guillod baut dort unter anderem die Rebsorten Garanoir, Gamay und Gamaret an. Vor vier Jahren hat er das Weingut bei Praz von seinem Vater übernommen, seit 2017 stellt er es auf Bio um. „Ich habe die Bücher meines Urgroßvaters hervorgeholt und wende seine Methode aus den 30er Jahren an. Mit einigen Maschinen als Hilfsmittel.“ Er gehört damit zu einer Generation junger Winzer, die die alten Traditionen auf moderne Weise lebendig erhalten.