Reise

Wieder auf Schienen

Archivartikel

Was gibt es Unbequemeres als einen Rucksack, dessen Riemen sich tief in die Schultern schneiden. Was gibt es Bequemeres als einen Rollkoffer, der sich mit leichter Hand schieben lässt. Interrail-Reisen einst und jetzt: ein Erfahrungsbericht.

Der Plan einiger Europaabgeordneter, allen Bürgern zum 18. Geburtstag einen Interrail-Pass zu schenken, damit sich die Jugend Europas kennenlernt und so der Europagedanke gestärkt wird, will nicht recht vorankommen. Bis es so weit ist, schielen die Marketingexperten von Interrail deshalb lieber auf ihre Kunden von einst und versprechen der 50plus-Generation nicht nur entschleunigtes Reisen, sondern vor allem eins: Nostalgie. Und Nostalgie stellt sich beim Stichwort Interrail fast automatisch ein, egal ob man vor vier Jahren oder vor vier Jahrzehnten mit diesem Freibrief der unbegrenzten Möglichkeiten reiste.

Die Ziele hießen nur vordergründig Amsterdam, Athen oder Barcelona, tatsächlich hießen sie Freiheit und Abenteuer. Schließlich ist es überall schöner als zu Hause, im Studium oder auf der Lehrstelle. Einfach sich mal ohne Zwänge und große Pläne treiben lassen. Mit wenig Geld, aber viel Zeit. Immer auf der Suche nach Zügen ohne Zuschlag, aber der Aussicht, darin nachts ein paar Stunden Schlaf zu finden, gelangte man, es war 1982, irgendwann an die spanische Grenze und dahinter in die tiefste Provinz.

Natürlich soll deshalb die nostalgische Zugreise per Interrail auch 2018 quer durch die iberische Halbinsel führen. Der Plan ist ambitioniert: Von Porto über Coimbra nach Lissabon, von dort nach Madrid und weiter nach Valencia und Barcelona. All das in nur einer Woche. Nur gut, dass Interrail auf seiner Internetseite umfangreiche Organisationshilfe anbietet. Hier lässt sich die Route planen, mithilfe einer Bahnreise-Planer-App kann man die Abfahrts- und Ankunftszeiten checken, Zugreservierungen lassen sich vornehmen und diverse Extras planen. Nach ein paar Stunden ist die Reise fast minutiös durchgetaktet. In Porto steht eine Bootsfahrt auf dem Douro auf dem Programm, in Coimbra wartet eine Fado-Darbietung und in Lissabon eine Stadtführung. In Madrid reicht es nicht für einen Besuch im Prado, dafür ist in Valencia eine Stadtrundfahrt mit dem Rad gebucht. Statt sich wie einst treiben zu lassen, fühlt man sich von seinen eigenen Plänen getrieben. Und Barcelona? Musste gestrichen werden. Man ist ja kein Student mehr mit schier unbegrenztem Zeitbudget.

Zurück ins Jahr 1982. Die erste Nacht in Spanien wird für immer im Gedächtnis bleiben. An der Grenzstation im baskischen Irun sind etwa ein Dutzend Interrail-Reisende gestrandet. Weil beiderseits der Grenze die Spurweite der Gleise unterschiedlich ist, fahren die Anschlußzüge erst am nächsten Morgen. Geduld ist gefragt. Treffpunkt ist eine Grünanlage neben dem Bahnhofsgebäude. Weinflaschen kreisen, Schlafsäcke werden ausgerollt. Niemand scheint sich an dem bunten Tross zu stören. Knapp sieben Jahren nach Francos Tod und dem Ende der Diktatur gibt sich Spanien weltoffen und liberal. Als letzte Aktion vor dem Wegdämmern wird der Rucksack als leidlich bequemes Kopfkissen zurechtgerückt. Ob am Morgen die Kopfschmerzen daher rühren?

Deutlich angenehmer ist 2018 das Erwachen im Nachtexpresszug von Lissabon nach Madrid. Das sollte man auch erwarten dürfen angesichts eines Zuschlags von 117 Euro für ein Zweier-Schlafabteil zur Alleinbenutzung mit Dusche und Toilette. Dabei war der Start um 21.34 Uhr in Lissabon alles andere als reibungslos. Der Waggon Nummer 6, der auf einem handschriftlichen Zettel als Waggon 7 ausgewiesen war, stellte sich nach längerer Suche als der gebuchte Waggon 8 heraus. Erst nach hektischem Hin und Her finden alle Passagiere ihren Platz. Dass im gebuchten Abteil der Chipschlüssel fehlt, kommentiert der portugiesische Schaffner lakonisch mit einem „no problem“. Nach dem Umzug in ein anderes freies Abteil kehrt Ruhe ein. Monotones Rattern wiegt den Reisenden in den Schlaf.

Das nächste Problem stellt sich nach der Ankunft in Madrid. Wohin mit dem Koffer, der bei einem Stadtbummel hinderlich ist? Erst nach längerer Suche findet sich im hintersten Eck des riesigen Bahnhofs Puerta de Atocha die Gepäckaufbewahrung. Weil die Angst vor Bombenanschlägen durch Islamisten groß ist, werden die Koffer wie an einem Flughafen streng kontrolliert. All das weckt Erinnerungen an 1982. Damals gab es aus Angst vor den Bomben der ETA in Spanien an keinem Bahnhof benutzbare Schließfächer. Für Interrailer mit sperrigem Rucksack lästig.

Im modernen Superschnellzug Talgo, der in etwas mehr als einer Stunde Madrid und Valencia verbindet, fühlt sich der Reisende gegen einen Zuschlag von 23,50 Euro fast wie in der Business-Class. Die Damen vom Service reichen Zeitungen und bieten eine Auswahl von sechs Weinen und elf Brandys und Likören an. Kein Wunder, dass diese Fahrt wie im Flug vergeht. Ohne Service und deutlich langsamer ist 1982 ein Bummelzug im Norden Spaniens unterwegs. Auf harten Holzbänken geht es von Leon, damals noch kein Hotspot ausländischer Jakobspilger, in acht Stunden nach Bilbao, damals eine dreckige Industriestadt, die erst 15 Jahre später dank des Guggenheim-Museums zum Touristenziel wird.

Ein Fußballspiel macht die Stadt weltbekannt

Manchmal ist die Fahrt auf der Schmalspurtrasse an einer Steigung so langsam, dass neue Fahrgäste mitten im Niemandsland aufspringen können. So taucht wie aus dem Nichts plötzlich eine alte Frau mit Kopftuch und Korb auf. „La bruja“, die Hexe, murmelt ein Mitreisender. Mit dürrem Finger winkt die Frau ein paar Passagiere zu sich, kassiert von jedem hundert Peseten, etwa 1,20 Mark, und teilt Spielkarten aus. Nach drei schnellen Runden steht der Sieger fest und gewinnt eine Tüte Bonbons. Ein paar Spiele später springt La Bruja aus dem Zug und verschwindet im Nebel, der über dem Ebro-Stausee hängt.

Tags darauf führt die Fahrt von Bilbao entlang der Biskaya-Küste nach Westen. Ziel ist eine Stadt, die bis dahin kaum jemand im Ausland kennt. Dort steht der Besuch eines Spiels der Fußball-Weltmeisterschaft auf dem Programm. Die Partie Deutschland gegen Österreich wird die Stadt weltbekannt machen. Der Nichtangriffspakt der Fußballer geht als „Schande von Gijon“ in die Annalen ein. Aber das ist eine andere Geschichte.