Reise

Wiedersehen mit Wildbären

Archivartikel

Nirgendwo ist Schweden typischer als in der Region Dalarna. Bemalte Holzpferdchen, prächtige Mittsommerfeste, rote Holzhäuschen an blauen Seen vor grünen Wäldern. Gleich dahinter beginnt eine spektakuläre Wildnis mit Bären.

Wenn du einen Bären triffst, mach ihn aufmerksam auf dich, denn wenn er überrascht wird, ist er sauer!“ Der Rat kommt aus berufenem Munde. Nicole Dahlman ist studierte Biologin und Tierpflegerin im Bärenpark Orsa. Und sie kennt nicht nur die 16 Bären im Park, sondern ist auch schon einigen der rund 400 wild lebenden Bären in der mittelschwedischen Region Dalarna begegnet. Angesichts der ungläubigen Gesichter ihrer Gäste erbarmt sie sich und beantwortet die unausgesprochene Frage: Und dann . . .? „Immer in die Augen schauen, rückwärts langsam weggehen, unterwegs etwas fallen lassen, das fesselt dann kurz die Aufmerksamkeit des Bären“, sagt sie und schiebt noch nach: „Bei einem Angriff zusammenkauern und Nacken und Kopf mit den Armen schützen.“

Ja danke! Zum Glück sind die imposanten Tiere hier durch stabile Gitter von den Menschen getrennt. Ausbruchsicher – oder? Nicole Dahlman schmunzelt. Na ja, einmal habe es eine Art Ausbruch gegeben, als bei Bauarbeiten irgendwer das Gatter offen ließ. „Die Bären sahen das und spazierten hinaus. Irgendwann liefen sie einem Tierpfleger über den Weg, der stutzte, Alarm schlug und sein Gewehr holte. Bis er zurück war, waren die Bären aber schon wieder in ihr Gehege zurückgekehrt und man musste nur noch die Tür zumachen“, erzählt sie. Von den Besuchern sei das unbemerkt geblieben, bis auf einen kleinen Jungen, der seinem Vater aufgeregt erzählte, er habe Bärenspuren im Schnee am Weg gesehen. „Der Vater lachte nur und winkte ab, aber der Tierpfleger, der das hörte, hat schnell das Weite gesucht . . .“

Eine junge Französin für den Stuttgarter

Der massive Zaun, den Gäste von Aussichtsplattformen problemlos übersehen können, schützt in beide Richtungen, denn der 1986 gegründete Park dient der Rettung und dem Erhalt der Tiere, zudem der Forschung und der Besucher-Information. Braunbär Diego ist so ein Rettungsbär, ein Waisenkind, das aufgegriffen und in den Park gebracht wurde. „Wir wussten lange nicht, ob wir ihn durchbringen“, erzählt Nicole Dahlman. Kaum vorstellbar angesichts dieses stattlichen Pelzkolosses, der aufgerichtet rund zweieinhalb Meter groß ist. Neben ihm leben im mit 32,5 Hektar größten Bärenpark Europas elf weitere Braunbären, dazu ein Kodiak – noch eine Nummer größer – außerdem Wolf, sibirischer Tiger, Amurtiger, Schneeleopard, persischer Leopard und Vielfraß.

Und Eisbären. Drei an der Zahl, einer davon ein alter Bekannter. Wilbär, das Eisbärenbaby aus der Stuttgarter Wilhelma. Im Dezember 2007 in Stuttgart geboren als Sohn von Corinna und Anton, heiß geliebt von seinen vielen Fans aus dem Land und im Mai 2009 umgezogen in die schwedische Provinz in die nagelneue, riesige Polarwelt von Europas größtem Bärenpark. Wilbär fühlt sich hier sichtbar wohl zwischen Ewa aus Holland und der jungen Französin Hope. Mit Letzterer soll Wilbär Nachwuchs zeugen, wenn es nach den Wissenschaftlern der internationalen Spezienkoordination geht, denn beide haben gutes und passendes Genmaterial. Da weltweit nur noch etwa 25 000 Eisbären leben, ist jedes Kind willkommen.

Aus dem süßen Kuschelbärchen Wilbär ist ein stattlicher Kerl geworden, der gerade genüsslich in einem der Seen herumplanscht. Hier kann er Fische fangen, als Ergänzung zu Obst und Gemüse im Sommer und Fleisch im Winter, das den Tieren im Futterhaus serviert wird. „Wilbär treibt die Fische in eine Bucht am Rand und holt sie dann raus. Ewa dagegen sitzt einfach im Wasser, wartet, bis einer vorbeikommt, und schlägt dann zu“, erzählt Dahlman. Neben den Seen hat das Eisbärengehege zum Abkühlen eine Schneekanone, die ab Herbst in Betrieb geht. Danach bleibt der Schnee an manchen Stellen bis Mittsommer liegen – nur vergangenen Sommer nicht. „Da war es allen in Schweden zu warm, nicht nur den Tieren“, versichert die Tierpflegerin.

Die wilden Bären sind nicht ganz so einfach zu finden in der Provinz, die als bärenreichste Schwedens gilt. Das hat den Vorteil, dass man bei den ausgedehnten Wanderungen, zu denen die wald- und seenreiche Landschaft einlädt, nur sehr selten einem begegnet. Und falls doch, erinnere man sich an die Biologin aus Orsa.