Reise

Uckermark Singschwäne bevölkern ab Januar die Auenlandschaft im Nationalpark Unteres Odertal

Wilde Augenblicke genießen

Im Nationalpark Unteres Odertal erklingen im Januar kilometerweit die posaunenartigen Rufe der Singschwäne. Wer die Tiere hören und beobachten will, muss sich warm anziehen und ein Fernglas mitnehmen. In Criewen, wenige Kilometer südlich von Schwedt, beginnt die Wanderung zu den majestätischen Vögeln. Der Nationalpark ist berühmt für seine wilde Natur. Und die gibt es nicht nur in den Wintermonaten.

Dick eingemummelt drängen sich die Frühaufsteher auf dem Aussichtsturm und halten Kameras und Ferngläser auf das Geschehen. Denn es ist einmaliges Naturschauspiel. Die weißen Vögel schlagen ihre mächtigen Schwingen gegen den Wind und recken den gelben Schnabel in die Höhe. Sie rufen, mal metallisch aufbrausend, dann wieder hölzern sanft, einem Glockenschlag ähnlich. Sie halten Ausschau nach einem geeigneten Partner, um mit ihm wieder in die Heimat der stillen Seen in Skandinavien oder Osteuropa zu fliegen. Immerhin haben sie es im kalten Deutschland ausgehalten, während viele andere Vögel das Weite suchten.

Für die Singschwäne hat es sich gelohnt, im Nationalpark zu überwintern. Die Äcker und Gewässer sind sichere Schlafplätze. Kein Fuchs kann sie fangen. In den flachen Seen, langsam fließenden Bächen und überfluteten Poldern finden sie genug Unterwasserpflanzen, Wurzeln und Knospen, um sich Energiereserven für den Weiterflug anzufressen. Nach ihrem Konzert fliegen sie ab Februar bis in den März hinein in kleinen Gruppen rufend in ihre Brutgebiete gen Norden davon.

Der Nationalpark ist inzwischen zu einem der größten Überwinterungsgebiete in Deutschland für die Singschwäne geworden. Bis zu 1500 wurden in den vergangenen Jahren gezählt. Es sind eben ganz besondere Tiere und faszinieren die Menschen schon seit Jahrhunderten. Sie symbolisieren Sehnsüchte und Hoffnungen.

Pfeifender Schwan

Im Nationalparkhaus gibt es eine genaue Auskunft auf die meist gestellte Frage: Der Unterschied zwischen Singschwänen und Höckerschwänen. Für die Naturführer ist das ganz einfach. Sie kennen die Schnabelfärbung der Tiere sehr genau. Beim Höckerschwan ist sie orange und endet an der Basis in einem schwarzen Stirnhöcker. Beim Singschwan ist die Schnabelbasis gelb, dann von der Mitte her breiter werdend schwarz gefärbt. Im Flug unterscheidet sich der Höckerschwan durch sein „pfeifendes“ Geräusch vom Singschwan, der fast lautlos fliegt.

Es lohnt sich zu jeder Jahreszeit ins Untere Odertal zu kommen. Es gibt geführte Radtouren über Deiche, begleitete Kanutouren und lange Wanderwege. Und manchmal ist man fast allein in unberührter Natur.

Mitten hinein in die Auenlandschaft des Oderdeltas geht es allerdings nur mit dem Kanu. Und das erst ab Mitte Juli bis in den November hinein. Schließlich sollen die Vögel, über 250 Arten in Ruhe brüten können. See-, Fisch und Schreiadler ziehen ihre Jungen auf, ebenso Kraniche, Weiß- und Schwarzstörche.

Naturführerin Frauke Bennett kennt die verwirrenden Wege auf dem Wasser. Ihre Tour beginnt am Mescheriner See, einem Altarm der Oder. Während sie das Paddel ins Wasser steckt, erzählt sie von früher, als die Bauern ihre Kähne steuerten, um auf den Auenwiesen Futter fürs Vieh zu holen. Sie steuert das Kanu an einem Teppich aus Seerosen vorbei.

Durch ein Deichtor geht es auf die polnische Seite. Dort hat die wilde Natur seit Jahren Besitz von der Auenlandschaft ergriffen. Die Oder durfte sich sorglos ausbreiten und Landschaften formen. Von Minute zu Minute verästelt sich der Fluss in immer kleinere Arme. Meterhoch ragen Röhricht und Schilf empor. In der Ferne ist der Ruf des Eisvogels zu hören. Zu sehen ist er nicht, nur das blaue Gefieder blitzt manchmal durch das Schilf.

Natürlicher Wasserfilter

Als würde Frauke Bennett ein Biologiebuch aufschlagen, weiß sie zu jeder Pflanze und jedem Tier Geschichten zu erzählen. Mal fischt sie eine Spitzschlammschnecke aus dem Wasser, dann zeigt sie auf eine trichterförmig angeordnete Pflanzengruppe, die sie als Krebsschere vorstellt, die als Unterwasserpflanze ein Leben im Geheimen führt und nur in den Sommermonaten an die Wasseroberfläche steigt und ein natürlicher Wasserfilter ist. Ihre kräftigen Blätter bieten Insektenlarven, Wasserkäfern oder Egeln Schutz vor Fressfeinden.

Sie zeigt auf eine Stelle, wo das hohe und vertrocknete Schilf umgeknickt ist. „Das ist die wichtigste Pflanze hier“, erklärt Frauke Bennett. „Es nimmt sich Nährstoffe aus dem Wasser und reinigt es dabei.“

Während sich andere Tiere auf den Winter vorbereiten, indem sie sich genügend Speck für die kalten Tage anfressen oder Früchte in ihren Winternestern horten, gehört der Herbst den Hirschen. Morgens, wenn der Frühnebel den Boden verhüllt und die Sonne scheint, dann sind die Rufe des Rothirsches zu hören, die meist in Serien von sechs bis acht einzelnen Rufen erklingen. Die Ranger der Naturwacht in Criewen wandern mit Gästen zu ausgewählten Beobachtungsplätzen, um die stolzen Hirsche bei ihren Liebesbewerbungen zu beobachten, wo sie ihr kiloschweres Geweih präsentieren, ihre Kontrahenten herausfordern und sich dem Kampf stellen. Ende Oktober kehrt wieder Ruhe in den Wäldern des Naturparks ein.

Immer noch Gelegenheit, eine ausgiebige Radtour zu unternehmen. Wer auf dem Deich in Richtung Schwedt lang radelt, lässt die dichten Laubwälder und blütenreichen Trockenrasen an sich vorbeiziehen. Denn der größere Teil des Weges, es ist der Oder-Neiße-Radweg, verläuft in der offenen Auenlandschaft.

Es lohnt sich auf den Beobachtungsturm bei Stützkow zu steigen. Aus elf Meter Höhe zeigen sich die Deiche und Altarme der Oder und immer noch viel Grün. Kräftige Eichen, Buchen und Fichten, dazwischen abgestorbene Bäume. Sobald die Flutungen einsetzen, entstehen riesige Wasserflächen, fast wie ein Meer. Ein Paradies für Wasservögel.