Reise

Wilde Natur

Das kanadische Haida Gwaii, das sind an die 400 Inseln im Pazifik vor der Westküste Kanadas. Der Archipel ist ein unbekanntes Paradies mit aufregender Kultur.

Besuchen Sie SGang Gwaay, solange noch etwas davon steht", rät Wachmann Sheldon Moody eindringlich. Denn die 17 Totempfähle, die aus dem Gras hervorragen, manche fünf, sechs Meter hoch mit gut erkennbaren Schnitzereien, andere nur noch verwitterte Stumpen, sind alle über 100 Jahre alt. Aufgereiht wie Telefonmasten bildeten sie einst das Gesicht des Dorfes. Anhand der Figuren darauf - Adler, Orcas, Grizzlys mit Fröschen im Maul - konnte jeder Besucher beim Näherkommen erkennen, welches der Häuser seinem Clan, den Adlern oder den Raben, nahestand. In fünf verlassenen Gemeinden im Süden von Haida Gwaii stehen oder liegen solche Pfähle in unterschiedlichen Stadien des Verfalls. Denn die Haida beschlossen, dass keiner restauriert werden darf. "In zehn Jahren", sagt Sheldon, "werden die meisten unterm Moos begraben sein."

Haida Gwaii, das sind an die 400 Inseln im Pazifik vor der Westküste Kanadas. Darauf leben 4800 Menschen, von denen etwa die Hälfte Haida sind, Ureinwohner, eine der First Nations Kanadas. 2009 sandten sie in einem feierlichen Akt der kanadischen Regierung ihren englischen Namen "Queen Charlotte Islands" ohne Dank zurück und nahmen ihren alten an. Haida Gwaii heißt der Archipel jetzt wieder, "Inseln der Menschen". Seit 14 000 Jahren sind sie dort zu finden, in einem Überfluss an Nahrung von See und Wald. Im Lauf der Jahrtausende entwickelten sie eine reiche Kultur und galten im 17. und 18. Jahrhundert als gefürchtete Krieger. Am 17. Juli 1747 wurden sie von dem Spanier Juan Perez entdeckt. Es war kein guter Tag. Die Gier Europas nach Seeotterfellen löschte später die Tiere aus. Und die Pocken rafften die Menschen dahin, bis im Jahr 1900 nur 700 übrig waren.

Heute ist Haida Gwaii eine Mischung aus aufregender Kultur, wechselhaftem Wetter und wilder Natur. "Galapagos des Nordens" nennt man es auch, verschiedener Pflanzen und Tiere wegen, die nur hier vorkommen. So ist etwa Ursus americanus carlottae, die lokale Variante des Schwarzbären, mit seinen breiten Pfoten und einem verlängerten Kiefer bestens an einen Speiseplan mit Fisch, Muscheln und Krebsen angepasst. Die Kultur dagegen, die frisch und in neuen Formen sozusagen aus hölzernen Ruinen aufersteht, findet sich vor allem auf der Nordinsel Graham Island: In den Dörfern erheben sich neue Totempfähle und Langhäuser für die Gemeinschaft, Museen zeigen Schifffahrts- und Holzfällergeschichte und das Haida Heritage Centre in Skidegate fächert die ganze Bandbreite der Geschichte des Volkes auf.

Wer allerdings dessen früheste Spuren, die verlassenen Orte im Süden, aufsuchen will, ist auf ein Boot wie die "Maple Leaf" angewiesen. Nur ein kleines Fahrzeug mit Platz für gerade mal acht Passagiere kommt mit den Untiefen und dem unvorhersehbaren Wetter zurecht.

Das Programm erweist sich als Wundertüte, aus der täglich neue Überraschungen purzeln. Ein Angelstopp fördert Rockfische und einen zehnpfündigen Red Snapper aus der Tiefe - Küchenchef Robin zeigt, wie man sie fachgerecht filetiert. Weißkopfseeadler sitzen manchmal im halben Dutzend in Bäumen am Ufer. Geysire dampfen überm Meer, gefolgt von den schwarz glänzenden, auf- und niedergehenden Halbmonden der dazugehörigen Buckelwale. Von einem Felsen dringt ein Grunzen, Röhren und Bellen herüber, als hätte eine Herde Schafe die Nacht davor heftig durchgezecht. Schimmernde Speckrollen robben sich behände die Felsplatten hoch, rangeln, schrubben sich am Fels und aneinander. Es ist erst ein paar Wochen her, dass die Stellerschen Seelöwen geworfen haben, der Fels ist wie übersät von properen, hellbraunen Maden. Und an einem schönen Tag bei blauem Himmel und einer freundlichen Brise setzen Crew und Gäste gemeinsam die drei Segel.

Dann wieder geht es mit dem Schlauchboot in die Gezeitenzone der Burnaby Narrows, eine der nährstoffreichsten Meeresengen der Welt. Im klaren Wasser fächeln sich blassgelbe und zartrosa Seeanemonen mit feinen Härchen Nahrung zu, blaue Muscheln, so groß wie Schuhe, kleben an den Felsen. Kapitänin Ashley Stocks, gerade mal 29 Jahre alt und so charmant wie kompetent, steigt im Neoprenanzug ins Wasser und reicht allerhand Getier ins Boot: Ledersterne schimmern in Orange und Lila. Das grüne Stück Tang, aus dem sich Wasser verspritzen lässt, ist der "Finger des toten Mannes".

Höhepunkte dieser Tage aber sind die Ausflüge an Land, zu den Überresten der Dörfer. Die Natur hat einen dicken, grünen Teppich über eingestürzte Trägerbalken und Dachsparren gebreitet, Moos überzieht die eingefallenen Wohnräume der Langhäuser. Und rundum kämpfen Zedern, Douglasien, Edeltannen und Zuckerkiefern um Raum und Licht. Am Morgen lässt die "Maple Leaf" gestochen scharfe, bläuliche Bergzüge hinter sich, die ein paar Nebelschleier umgeworfen haben. Die Aufbauten an Deck sind noch nass von der Nacht.