Reise

Wilder Süden

Elefanten bestaunen, an einem der ältesten Korallenriffe der Welt schnorcheln, die architektonischen Schätze Maputos bestaunen: Mosambik erweitert sein touristisches Angebot.

Eben noch sah das Meer aus wie auf Sylt in der Nebensaison. Starke Brandung, ein menschenleerer Strand, von dichtem Dünengrün gesäumt. Lorenzo Paco und seine Helfer lassen das Gummiboot zu Wasser. „Stemmt die Füße gegen den Boden und haltet euch gut fest“, mahnt der 39-jährige Tauchlehrer die sechs Urlauber, als sich das Boot über die Wellenkämme schiebt. Dahinter plötzlich Ruhe. Wärme. Der Wind lässt nach. Sylt ist weit weg. Im südlichen Afrika, vor Mosambiks Küste, an einem einsamen Traumstrand wartet eins der ältesten Korallenriffe der Welt auf Schnorchler und Taucher. Und eine tierische Überraschung. Vieles wird, zu Recht, gegen menschliche Interaktionen mit Delfinen vorgebracht: Bei Zoo-Shows oder beim Schwimmen mit Anfassen werden die Mindestabstände nicht eingehalten; dies gefährde das Leben der Meerestiere, warnen Tierschutzorganisationen. Doch vor Mosambik ist alles anders. Hier sitzen die Tierschützer selbst mit im Boot: „Nie den Delfin berühren. Die Bakterien der Hände hinterlassen lebenslange Spuren“, warnt Lorenzo Paco, ein Mosambikaner, der sich dem Tierschutz verschrieben hat. Er stellt Verhaltensregeln auf: „Ihr schwimmt nicht auf die Delfine zu, sondern wartet, ob sie es selbst tun.“

Und ob sie es tun! Die Urlauber sind kaum ins Wasser geglitten, wenige Hundert Meter vom Strand entfernt, wo gigantische Korallenriffe durch Schnorchelbrillen sichtbar werden, da nähert sich, tanzend und spielend, ein ganzes Knäuel hellgrau glänzender Körper. Plötzlich schießt einer der Anführer auf die Menschentaucher zu. Man hört es unter Wasser: das pfeifende Kichern des Delfin-Machos. „Es waren fünf Große Tümmler“, sagt Paco, als die Urlauber im Boot die Tauchmasken abstreifen.

Die relative Unberührtheit des Landes an der Südostküste Afrikas, das eine lange, bittere Bürgerkriegsgeschichte hinter sich hat, macht es zu einem echten Geheimtipp selbst für Afrika-Kenner. 2800 Kilometer wilde, aber im Gegensatz zu Südafrika ganzjährig warme Küste, Koralleninseln, grenzüberschreitende Safariparks und portugiesisches Kolonialerbe in der Hauptstadt Maputo – das bietet der afrikanische Staat, der 500 Jahre zu Portugal gehörte, bevor er als letzte Nation des schwarzen Kontinents 1975 seine Unabhängigkeit erlangte.

Jetzt steht der unberührte Süden Mosambiks vor der Erschließung – bisher ein weißer Fleck auf der Urlaubslandkarte. Für Kenner liegen an der ökologisch geschützten Küste einige der schönsten Strände Afrikas. 725 Millionen Dollar hat die Catembe-Brücke gekostet, die den Süden des Landes mit der Hauptstadt verbindet. Ein 60 Meter hohes und drei Kilometer langes Symbol der Fortschritts, die größte Hängebrücke Afrikas.

110 Kilometer Asphaltstraße führen von der Brücke über das Flussdelta der Maputo-Bucht, an Feuchtgebieten, einem Elefantenpark und schnurstracks zur Grenze nach Südafrika; im Norden grenzt Mosambik an Tansania. Was bisher eine Tagesreise war, soll bald in 90 Minuten zu schaffen sein. Wochenendhäuser, Kneipen und bescheidene Bed & Breakfasts stehen bereits an der noch im Bau befindlichen Trasse. Ein erstes Luxus-Hotelresort, das White Pearl, thront über dem menschenleeren Traumstrand Ponta Mamoli, für Experten einer der zehn Topstrände Afrikas. Hier können Urlauber auf gemütlichen Farmpferden am Strand ausreiten und im afrikanischen Winter Buckelwale vorbeiziehen sehen.

Am Ende der Strecke erwartet einen Ponta do Ouro, ein munteres Grenzstädtchen auf Mosambiker Seite, bevölkert zumeist von südafrikanischen Wochenendgästen. Der allseits beliebte Drink Rum mit Himbeere fließt an Strandkiosken schon vormittags. Jungkoch Roelof Bekker aus Südafrika brutzelt Krabbencurrys für umgerechnet sechs Euro. Er ist sich sicher: „Die neue Straße wird für eine riesige touristische Entwicklung sorgen.“

Sonnenstrahlen brechen durch die Krone des Wasserbeeren-Baums. Perlhühner flitzen über Pisten, die hier aus Sand und nicht aus roter Erde wie sonst in Afrika bestehen. Einzigartig ist die Kombination von Safari und Strand im Süden Mosambiks. Das 678 Quadratkilometer große Meeresreservat von Ponta do Ouro und das 1000 Quadratkilometer umfassende Naturschutzgebiet Maputo Special Reserve bilden eine Einheit. Kaum hat man das Eingangstor passiert, sieht man am Piti-See Flusspferde dösen und Störche mit gelben Schnäbeln über Grasinselchen staksen.

Beim Safari-Picknick erzählt Tierschützer Lorenzo Paco, dass das Reservat ein Zufluchtsort für wilde Tiere sein will: für 500 wieder angesiedelte Elefanten und über 400 Schmetterlingsarten; Rhinos und Buffalos sollen folgen. Ein Brutkasten in einer Region, wo Impalas und Gnus viele Bürgerkriegsjahre hindurch eher im Kochtopf landeten.

Tessa Hempson ist ein Superstar der Meere. Die attraktive, 38-jährige Meeresbiologin füllt in Europa Kinosäle, wenn sie im Rahmen der „Ocean Film Tour 2018“ gegen Plastikmüll und für intakte Korallenriffe eintritt. Hempsons Arbeitsplatz sind die in psychedelischen Farben leuchtenden Mutterriffe vor Mosambik und Tansania. Bei ihrer spektakulären Korallenblüte entlassen sie Samen ins Meer, die winzige Meereslebewesen und mit ihnen Riffhaie, Buckelwale und Grüne Meeresschildkröten anlocken. Angst macht Hempson, was andere als wirtschaftliche Chance für Mosambik sehen: riesige Offshore-Erdgas- und Ölfunde sowie eine geplante Gaspipeline im Ozean: „Die Natur braucht eine starke Lobby.“ Mit der Erschließung des wilden Südens macht sich Mosambik selbst Konkurrenz. Bisher lagen die touristischen Highlights des Landes mit 28 Millionen Einwohnern im Norden. Doch der Süden hat die Hauptstadt Maputo. Mit ihren Art-déco-Schätzen und Polit-Kunst ist die 1,5-Millionen-Einwohner-Stadt eine Schönheit auf den zweiten Blick. Portugiesisch ist Amtssprache. Vieles ist arg verwittert. Nur noch zwei Prozent der Stadtbewohner sind weiß, 1970 gehörte den Kolonisten die Stadt praktisch allein. Man spürt den Schmerz Mosambiks noch. Doch wenn man hochläuft auf die Treppen vor dem Rathaus zur weißen Kathedrale, sieht man über dem Meer das Zeichen des Aufbruchs: die nagelneue Hängebrücke von Maputo.

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