Reise

Wilder Westen im Münsterland

Archivartikel

Im Merfelder Bruch leben 400 Wildpferde noch weitgehend vom Menschen unberührt. Die Idylle wird nur einmal im Jahr unterbrochen – beim Fang der jungen Hengste.

Eben waren die schlanken Fohlen noch an der Tränke. Nun brechen sie auf. Die Wildpferde machen sich auf den Weg über den sandigen Pfad hinein in den lichten Wald. Ältere Stuten zuerst, die jungen Fohlen folgen an der Seite ihrer Mutterstuten.

Der Aufbruch vom Weidegras hinein in die Kiefernwaldung geschieht ruhig. Wie auf ein geheimes Zeichen hin. „Diesen Code hat noch niemand entschlüsselt. Warum die Herde plötzlich aufbricht? Wir wissen es nicht“, sagt Friederike Rövekamp. Die Oberförsterin steht mit einer Besuchergruppe am Rand der Pferdekoppel in dem weitläufigen Schutzgebiet, das sie hier in Dülmen Wildpferdebahn nennen.

Die abgelegenen Wiesen und Waldungen, auf denen die rund 400 Wildpferde umherstreifen, sind vier Quadratkilometer groß. Während andere Vorkommen der Tiere in Europa aus Wiederansiedlungsprojekten bestehen, sind die halbwilden Pferde im Merfelder Bruch im Münsterland natürlich erhalten geblieben.

Ohne Pflege und Tierarzt

„Mein Urururgroßvater Alfred hat sich im 19. Jahrhundert der Pferde angenommen. Damals gab es hier nur noch zwischen 40 und 50 Tiere“, erzählt der heutige Herr der Herde, Rudolph Herzog von Croÿ. „Um 1850 wurden Wiesen und Wälder eingezäunt und zum Schutzgebiet. So konnten die Wilden Dülmener überleben.“

Ohne Pflege, Tierarzt und Medikamente wachsen die Wildpferde auf. Im Winter und in brütend heißen Sommerwochen wie 2018 wird hin und wieder mit Heu maßvoll zugefüttert. Ansonsten ist die Herde sich selbst überlassen.

Die Natur richte über Leben und Tod, sagt Oberförsterin Rövekamp, die seit 1998 die Wildpferdebahn betreut. Vier bis fünf Todesfälle seien es pro Jahr, in warmen und nassen Winterwochen könne die Zahl allerdings bis auf 50 ansteigen. „Diese Witterung können die Pferde nicht ab, denn ihr Fell isoliert nicht richtig. Den Pferden wird kalt, sie bekommen einen Infekt, und Parasiten haben es leichter, die geschwächten Tiere zu befallen“, erklärt Rövekamp.

Bis zu 80 Fohlen werden jährlich im Merfelder Bruch geboren. Schon früh im Jahr, im März und April, kommen sie nach elf Monaten Tragezeit zur Welt. Der Nachwuchs lernt von seinen Müttern: Welche Feinde gibt es im Merfelder Bruch? Wo ist die Tränke? Wo die Wasserstelle? Schmal gebaut, noch staksig im Gang, finden die Fohlen sich in ihren Familiengruppen ein.

„Sie erfahren von den Älteren beispielsweise auch die Fluchtdistanz“, sagt Rövekamp. Etwa zehn Meter Abstand halten die wilden Dülmener gegenüber den Menschen. „Näher heran komme ich auch nicht, obwohl ich täglich in der Wildpferdebahn unterwegs bin.“ Dieses Gelände ist kein Streichelzoo.

Die weiblichen Fohlen bleiben lebenslang in der Herde, sie können ab dem Alter von vier Jahren erstmals Nachwuchs bekommen. Den Hengstfohlen steht eine andere Zukunft bevor, da selbst in der weitläufigen Wildpferdebahn nicht genug Raum für rivalisierende Hengste wäre. Inzucht und tödliche Zweikämpfe würden folgen. Jedes Jahr am letzten Samstag im Mai werden daher die einjährigen Hengste aus der Herde herausgefangen. Tradition ist das schon seit 1907.

Fang der Junghengste

Von den Tribünen der Naturarena verfolgen dann rund 10 000 Besucher Schaureiten und Kutschenparaden. Höhepunkt ist stets um 15 Uhr, wenn die Herde in das Arena-Oval galoppiert. Die donnernden Hufen lassen die Erde für Minuten erbeben. Wenn die Herde sich beruhigt hat, treiben 30 kräftige Männer aus Merfeld und den Dörfern ringsum die Junghengste gegen die Bande und trennen sie von dem Pulk der Tiere. Dabei kassieren sie durch Huftritte manchmal blaue Flecken und andere Verletzungen.

„Früher wurden die Hengste zu Boden geworfen. Wir haben gelernt: Das bedeutet Stress für die Tiere. Daher wurde die Fangmethode geändert“, erläutert Rövekamp. Bereits seit 2008 begleitet Willa Bohnet von der Tierärztlichen Hochschule Hannover den Wildpferdefang und gibt Tipps zum schonenden Umgang mit den Hengsten. „Wer meint, er könne bei uns für einen Tag Cowboy spielen, ist total fehl am Platz“, betont Rövekamp.

Nach dem Fang werden die Hengste mit einem elektronischen Chip als Dülmener gekennzeichnet und gleich versteigert. Sie sind begehrt als anspruchslose und robuste Reit- und Gespannpferde.

Tierschützer sehen diese Praxis kritisch und beklagen Wildwest-Methoden im Münsterland. Das Interesse der Besucher am Wildpferdefang bleibt davon allerdings unbeeindruckt.

Wer für den Wildpferdefang keine Eintrittskarte ergattert hat, kann sich mit dem Besuch der Wildpferdebahn an einem Sommerwochenende trösten. Oberförsterin Rövekamp bietet außerdem wochentags Gruppenführungen in die Stille des Merfelder Bruchs an. Dabei kommt man den wilden Dülmenern ziemlich nahe. Bis auf zehn Meter.